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Geschichten aus der Zukunftsstadt

Ich bin wieder in Funktion!

Freitag, 08. Juli 2016, 10:12 Uhr
Nordhausen will Zukunftsstadt werden, doch um das zu erreichen, muss man sich mit gegen andere Gemeinden in einem Wettkampf der kreativen durchsetzen. Ein Teil der Nordhäuser Bemühungen ist die "Zukunftszeitungen" in der Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen und Geschichten gesammelt haben. Einige davon wollen wir auch hier in der nnz vorstellen...

Den Anfang macht Architektin Pia Wienrich, die sich einmal in die Lage eines ordinären Lichtschalters versetzt hat, der sein Dasein in einem sehr alten Haus fristen muss.

Ein Lichtschalter erzählt

»Kaum zu glauben, wie das damals war! Anfang des 20. Jahrhunderts ich erlebte mein Debüt in einem kleinen Fachwerkhaus in der Nordhäuser Altstadt. Die »Elektrische« fuhr als eine der ersten Straßenbahnen Deutschlands vom Kornmarkt durch das Altendorf bei uns vorbei bis zum Alten Tor. Meine Menschen benutzten mich sehr bewusst. Sie verwendeten auch oft das Kerzenlicht, oder der Schein der Straßenlaternen durch die kleinen Holzfenster reichte aus. Strom und Licht waren sehr kostbare Dinge. Ich wurde mit Ehrfurcht angeschaltet und freute mich, so geschätzt zu werden.

Doch dann, eines Tages, zogen die Menschen aus Altersgründen aus und verließen ihr Haus und mich. Lange musste ich ausharren, zuhören wie Passanten die wunderschönen Türgriffe an der einst aufwändig verzierten Haustür bewunderten. Doch dann kam das Jahr 2018, schon fast zu spät, interessierten sich junge Menschen für mein Domizil. Sie besuchten es, schritten mehrmals durch die Ebenen und wollten mich benutzen. Damals wurde aber alles stillgelegt. Musste ich jetzt um mein Dasein bangen? Ich hatte Glück! Die neuen Eigentümer legten Wert auf den behutsamen Umgang mit uns alten Schaltern, Fachwerkwänden und Deckenbalken.

Unser Haus wurde nach dem Licht neu konzipiert, so dass die Sonne bei Tag durch alle Ebenen hindurch scheinen konnte. Als Quelle für den Strom dienten die Solardachziegel auf dem Hauptdach und dem Dach des Gartenhauses. Für neue Wände wurden alte Baustoffe wieder verwendet. Die Dielen im Haus konnten aufgearbeitet werden. Die schöne alte Haustür diente dem Verschluss eines Einbauschrankes in der Wohnebene. Ich durfte als Relikt der Vergangenheit bleiben, obwohl ich durch die Bewegungsmelder überflüssig geworden war. Ein Wunder!

Zukunftsstadt Nordhausen (Foto: Stadtverwaltung Nordhausen) Zukunftsstadt Nordhausen (Foto: Stadtverwaltung Nordhausen)

Auch waren unsere Menschen sportlich unterwegs und sehr kommunikativ. Dank der modernen Informationstechnik organisierten sie viel über ihr Smartphone. So lief die Waschmaschine in den Nachtstunden und der »Hausassistent« informierte sie, wenn die Milch vom Frischemarkt neu mitgebracht werden musste. Ein Auto teilten sie sich mit den vielen freundlichen Nachbarn im Viertel. Sie hatten auch ein sogenanntes Energiedepot. Waren sie mit dem umlagefinanzierten Personennahverkehr unterwegs, dann gab es einen Bonus. Sehr effizient und konsequent waren meine Menschen.

In den nächsten 20 Jahren gewann die Nordhäuser Altstadt wieder an Attraktivität. Die Touristen fahren mit der Straßenbahn oft bis zum Brocken weiter und kehren auf der Rückfahrt in eine der beliebten Altstadtlokalitäten ein. Verständlich, dass jeder Bewohner so lange wie möglich an diesem pulsierenden Leben in der Altstadt teilhaben und in den eigenen vier Wänden bleiben will. Meine Menschen hatten nach dem Auszug ihrer Kinder deren Ebene für Studenten hergerichtet. 2018 berücksichtigten sie diesen Aspekt bereits beim ersten Umbau, so dass die Kinderebene ohne großen baulichen Aufwand vor zwei Jahren in eine unabhängige Studentenebene verändert wurde. Auch dachten sie für sich schon an die Barrierefreiheit im Erdgeschoss, um in der gewohnten Atmosphäre auch alt werden zu können.

Licht und Energie kann inzwischen, dank des Bewusstseins der Nordhäuser, mit einer Flatrate »all inclusive« genutzt werden. Wird gebaut, saniert oder umgebaut, dann kommt der Rohstoff-Cent zum Einsatz. Längst wird bei allen Bauprodukten die gesamte Lebenszeit vom Abbau des Rohstoffs bis zu seinem Recycling bewertet. Im digitalen Gebäudepass werden alle Veränderungen dokumentiert, so dass ein energetischer Fußabdruck jederzeit abrufbar ist.
Meine Menschen achteten bei den bereits durchgeführten Renovierungs- und Wartungsarbeiten auf die Verwendung nachhaltiger Baustoffe. Und das Schönste für mich – ich bin wieder in Funktion! Die Lichtsteuerung im Haus über die Bewegungsmelder wurde in einigen Bereichen für die bewusste Nutzung des Lichtes bereits vor 10 Jahren überdacht.«
Pia Wienrich

Diese und andere Geschichten finden sich in der Nordhäuser Zukunftszeitung, die nicht nur digital sondern in der Stadtinformation und den städtischen Museen auch in Papierform kostenlos erhältlich ist.
Autor: red

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