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Nach-Betrachtet

Lehren einer Stadtratssitzung

Donnerstag, 16. Juni 2016, 11:30 Uhr
Mehr als vier Stunden harrten die Mitglieder des Nordhäuser Stadtrates gestern allein im öffentlichen Teil der Veranstaltung aus. Die meiste Zeit davon war vertane Zeit...


Sicher, das zahlreich anwesende Publikum war streckenweise entzückt ob der Entgleisungen der Damen und Herren, die da im Geviert sitzen. Ein Insider der Szenerie bezeichnete die gestrige Veranstaltung als das Abbild einer Marketing-Gesellschaft. Letztlich sei es darum gegangen, sich der Öffentlichkeit darzustellen.

Das aber klappt nicht immer. Zum Beispiel beim Feuerwachen-Neubau. Hier führten die Kameraden (die Kameradin mag das entschuldigen) dem Auditorium vor, was in der wirklichen, in der realen Arbeit versäumt wird: Der Kontakt, das Gespräch mit denen, für oder über die entschieden wird. Kommunikation? Nicht zu finden! Und dann plötzlich: Ja, natürlich reden wir miteinander. Bleibt die Frage nach dem "warum nicht gleich so und zwar vorher"?

Ähnliches beim künftigen städtischen Jugendparlament. Zurecht machte die CDU darauf aufmerksam, dass ein erster Versuch bereits kläglich gescheitert sei. Also ein neuer Anlauf. Koste es, was es wolle. Schließlich geht es um die Demokratieerziehung der künftigen Wähler. Kosten? Davon ist in der Beschlussvorlage nichts zu finden. Die Betreuung kann ja die Verwaltung übernehmen. Wie sieht es denn aber mit Paten aus jenen Fraktionen aus, die das unbedingt noch vor den Bundestagswahlen organisiert wissen wollen. Das sind die LINKE, die Grünen, die SPD und die FDP/Für Nordhausen. Bitte dann aber eine ehrenamtliche Patenschaft, denn Demokratie sollte an sich Herzensangelegenheit sein. Man wird sehen.

Oder der Beschluss zum Theater. Hier hangelt sich die Stadt Nordhausen mit den anderen Gesellschaftern von einer Finanzierungsperiode zur anderen. Und immer schön hörig in Richtung derer, die in Erfurt meinen, den Taktstock zu schwingen. Immer mehr Geld für den Kulturpalast. Hat da schon mal jemand gefragt, wo eigentlich die Schmerzgrenze ist für eine Stadt, die so ärmlich ist, dass ihr jegliche Kreditaufnahme verwehrt ist? Hat da schon mal jemand gefragt, ob es vielleicht zukunftsweisende und kreative Konzepte gibt, wie vielleicht mit weniger Geld gute Kultur gemacht werden kann? Wie es sein wird, wenn der jetzige Solidarpakt ausläuft und mit dem neuen die Milliarden auch ins Ruhrgebiet oder nach Bremen geschaufelt werden? Wenn der Osten dieses Landes nicht mehr bevorzugtes Fördergebiet der EU sein wird?

Interessant ist auch zu wissen, wie sich die Stadträte zu dem verhalten, was sie am Leben erhalten. Wie sieht es mit dem persönlichen Engagement zum Theater aus? Unser aller Geld ausgeben - super einfach. Eine öffentliche, auch unbequeme Diskussion gab es nie und wird es auch nicht geben. Handheben, fertig. Wir haben alle Fraktionen angeschrieben und auch Antwort erhalten - bis auf eine: die SPD.

Und so sieht es aus: Weder in der LINKE, noch in der CDU und der FDP besitzt ein Mitglied des Stadtrates ein Theater-Abo. Für die Grünen antwortete persönlich Holger Richter. Auch kein Abo. Gleichzeitig vermelden die Angeschriebenen, dass sie natürlich diverse Aufführungen besuchen. "Drei- bis fünfmal" die Freien Demokraten, drei Christdemokraten besuchen "regelmäßig" das Theater. Ein Mitglied des Stadtrates, Prof. Ansgar Malich, ist da ganz offen. Er teilt mit: "Ich habe kein Abo für das Theater (weil ich die dann vorgegebenen Termine oft wegen eines Dienst nicht einhalten kann), besuche das Theater aber mindestens zehnmal im Jahr, zuletzt im Musical Pirate Queen (vor 2 Wochen), in Verdis Oper Nabucco (vor ca. 4 Wochen) und diese Woche in Sondershausen zum großen Konzert Carmina Burana."
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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