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Nordhäuser Stadtgeschichte

Auf Spurensuche mit den Ohren

Dienstag, 07. Juni 2016, 13:05 Uhr
Die Stadt Nordhausen und mit ihr seine Bewohner haben eine sehr bewegte Geschichte. Die ist heutzutage im Stadtbild nicht unbedingt für jeden sichtbar. Eine Gruppe Schüler des Humboldtgymnasiums hat sie nun aber hörbar gemacht - in Zusammenarbeit mit der Flohburg entstand ein Audioguide, der heute offiziell übergeben wurde...

Mitte des 14. Jahrhunderts ziehen dunkle Zeiten über Europa hinweg - der schwarze Tod entvölkert beinahe über Nacht ganze Landstriche. Auch Nordhausen bleibt von der Katastrophe nicht verschont, da sind sich die Stadthistoriker sicher. An Quellen aus dem schwersten der Pestjahre, anno domini 1348, mangelt es, zumindest was Nordhausen betrifft. Sehr genau weiß man hingegen, welchen Sündenbock die Nordhäuser damals fanden - ihre jüdischen Nachbarn.

Man sucht nach Schuldigen und findet sie in der jüdischen Gemeinde der Reichsstadt. "In diesem Jahre war ein großes Sterben in Thüringen, und weil man die Juden in Verdacht hatte, daß sie die Brunnen vergiftet, wurden sie allenthalben erschlagen und verbrennet, desgleichen auch hier geschehen" - heißt es in der Silberborth'schen Stadtchronik. Als "Tanz in den Tod" ist die grausame Episode in die Stadtgeschichte eingegangen, denn die Gemeinde soll sich von der Stadt Musiker erbeten haben, die aufspielten während die Männer, Frauen und Kinder in den Feuertod gingen. Nicht ganz unerheblicher Nebeneffekt - die Juden waren die einzigen, die im Mittelalter Geld verleihen durften, den Christen war das verboten. Und wo kein Gläubiger mehr ist, da gibt es auch keine Schulden mehr.


Diese und andere Geschichten, Fakten und Hintergründe zum jüdischen Leben in Nordhausen hat eine Gruppe Schüler des Humboldtgymnasiums im Rahmen ihres Wahlfpflichtunterrichtes recherchiert. Wie sah das Leben in den 13 "Ghettohäusern" während der Nazidiktatur aus? Wo stand das erste Gemeindehaus der Nordhäuser Juden? Was hat es mit der verschwundenen Mesusa in der Külz-Straße auf sich? - in Zusammenarbeit mit der Flohburg trugen die sieben Schülerinnen und Schüler bekannte Fakten zusammen und vertonten das Ergebnis.

Und das kann man sich ab heute anhören - ein Audioguide mit acht Stationen führt Besucher und interessierte Einheimische durch die Stadt und ihre Geschichte. Geförtdert wurde das Projekt durch den Verein "Gegen Vergessen, für Demokratie", dessen Vertreter Joachim Heise den Schülern für ihr Engagement dankte.

Es war nicht das erste Mal, das die Humboldt-Eleven um Lehrerin Kirsten Liebig mit dem Museum und dem Verein zusammenarbeiteten. Im vergangenen Jahr hatte die Gruppe eine viel beachtete Ausstellung zur friedlichen Revolution in Nordhausen samt Rahmenprogramm entworfen und begleitet. Im Vergleich dazu war die Erstellung des Audio-Guides ein "kleineres" Projekt, meinte Frau Liebig und hofft das die nächste Gruppe die Arbeit ihrer Mitschüler ab November fortsetzen wird.

Material für weitere Stationen gäbe es noch genug, meinte Alexa König. Neben dem reinen Wissensgewinn sehe sie heute auch die Stadt mit anderen Augen, sagte die Schülerin der 10. Klasse, wenn man weiß welche Geschichte hinter den Orten und Straßen steht, nehme man seine Umgebung anders war.

Die Audioguides können ab heute kostenlos im Museum Flohburg gegen eine Kaution von 15 Euro ausgeliehen werden, der komplette Rundgang dauert je nach eigenem Tempo bis zu 1,5 Stunden. Ein bisschen Ortskenntniss sollte man aber schon mitbringen, einen passenden Stadtplan mit den einzelnen Stationen gibt es noch nicht, der Verein Gegen Vergessen - Für Demokratie wolle sich aber zeitnah um die Erstellung kümmern, meinte Joachim Heise.

Und wer etwas leichter verdauliche Kost bevorzugt, der kann sich im Museum auch den Audioguide "Herzschlag" ausleihen, mit professionell vertonten kleinen Episoden und Anekdoten rund um die bewegte Geschichte dieser alten Stadt.
Angelo Glashagel
Autor: red

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