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Poetry Slam No. 2

Slam Schlacht im Clubhaus

Freitag, 27. Mai 2016, 18:20 Uhr
Im Clubhaus fand gestern der zweite Dichterwettstreit in diesem Jahr, der PoetrySlam, statt. Bei gut gefülltem Haus traten neun Dichter und Autoren mit ihren Werken gegeneinander an. Auch die nnz saß im Publikum und hat den Abend in bester Wettkampfmanier festgehalten...

Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel) Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel)

18:50 Uhr:Es ist ein wunderschöner sonniger Abend hier vor dem Jugendclubhaus in Nordhausen. In wenigen Minuten beginnt der zweite Dichterwettstreit des Jahres, neun Nachwuchspoeten werden mit ihren Texten gegeinander antreten. Trotz des guten Wetters strömt das Publikum ins Haus.

19:00 Uhr: Noch sind nicht alle Künstler vor Ort. Immerhin bleibt dem Publikum so Zeit sich mit dem nötigsten zu versorgen, wenn die Worte erst einmal durch den Raum fliegen wird das nicht mehr möglich sein - auch für die Zuhörer gibt es bei diesem Wettstreit Regeln.

19:25 Uhr:Im Clubhaus wird es langsam eng, jeden Moment müsse es losgehen, pünktlich mit einer halben Stunde Verspätung.

19:30 Uhr: Der Altersdurchschnitt des Publikums: jung bis jung geblieben. Die meisten wissen was sie erwartet, für die Uneingeweihten erklärt Moderator Andreas In der Au, alias "Aida", noch einmal die Regeln: die Poeten müssen eigene Texte vortragen, dürfen keine Requisiten benutzen und müssen sich an ein Zeitlimit von gefühlten sechs Minuten halten. Das Publikum hat die Handys abzuschalten und die Künster zu respektieren, Gewinner werden über Applaus bestimmt.

19:42 Uhr: Das Nordhäuser Publikum besteht den Applaustest mit Bravour, der Saal bebt beim Versuch eine perfekte, Verehrungs-, Anbetungswürdige, ja eigentlich gottgleiche Leistung adäquat zu würdigen.

19:45 Uhr:Als erster betritt Joni aus Leipzig die Bühne. Der hat eine Gitarre dabei, spielt also außer Konkurrenz und übernimmt die musikalische Begleitung mit lakonischem Liedgut über die schönen Seiten des Schubladendenkens, den seelisch-emotionalen Balsam eines Facebooks-Likes und über die Fallstricke der Knoblauchsucht.

19:55 Uhr: Die Kontrahenten in der poetischen Regionalliga kommen heute aus verschiedensten Ecken des Landes - unter anderem sind Erfurt, Bochum, Wuppertal, Dortmund, Heidelberg, Köln und Duisburg vertreten. Die Glücksfee aus dem Publikum bestimmt wer sich als erstes dem Publikum stellen muss.

20:01 Uhr: Jetzt geht es endlich los. Sven Hänsel tritt ans Mikrofon. Vor dem jungen Mann liegt keine leichte Aufgabe - wie gut haben Musik und Moderator das kritische Nordhäuser Publikum anheizen können?

Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel) Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel)

20:05 Uhr: Hänsel versucht es mit einem Gedicht, Marke Bewusstseinsstrom. Hänsel fliegt wie im Ulysses ohne Punkt und Komma von einer Zeile zur nächsten, gibt alles - Worte, Arme, Beine, wackelnde Hände. Hin und her und immer schneller rasen die Sätze, was passiert da eigentlich wenn man jemanden kennen lernen will, was geht da vor, im Kopf, im Geist, wenns am Ende doch nur ein "Hallo" ist. Hänsel rast und rast und rast zum Ende: Applaus, lang anhaltend, aber wird es für den Einzug ins Finale reichen?

20:07 Uhr: Als nächstest Betritt ein Neuling, ein Küken, ein frischer, tapferer Poet die Bühne sich dem Urteil des Publikums zu stellen: Jacob Brückner.

20:09 Uhr: Brückner wählt die humorisitische Alltagsbetrachtung - immer ein sicherer Hafen. Es geht um die brilliante Wahl den studentischen Geldbeutel als Pizzalieferant aufzubessern. Trocken berichtet Brückner von der Autorität der Lieferanten-Uniform im Angesicht älterer Kollegen, unverschämter Kunden und der Gesundheitsvorschriften.

20:11 Uhr: Es ist erst Brückners zweiter Auftritt auf einem Slam, dafür hat er sich gut geschlagen. Und das Publikum? - honoriert sein Werk angemessen. Ordentlicher Applaus.

20:15 Uhr: Er hat sich letztes Mal den ersten Platz teilen müssen: Daniel Wagner ist zurück in Nordhausen, wird er sich gegen die gefühlt etwas jüngere Konkurrenz auch heute durchsetzen können?

20:17 Uhr: "Hitlerwitze sind auch keine Endlösung" - Wagner bleibt bei dem was ihn schon zum ersten Slam ins Finale katapultierte - ernste Themen wortreich und witzig verpackt. Gelegentlich fragt man sich aber doch ob all die abenteuerlichen Aneinanderreihungen allgegenwärtiger Alliterationen aigentlich ein verpflichtendes Stilmittel der Slammerszene sind.

20:19 Uhr: Viele Lacher im Saal, aber werden sie Wagner wiederholt ins Wettkampffinale werfen? Und...der Applaus donnert! - das sieht gut aus für den Slam-Veteranen

20:21 Uhr: Moderator Aida bittet alle drei noch einmal auf die Bühne. Kampfabstimmung mit den Händen.

20:22 Uhr: Das Votum ist deutlich Wagner setzt sich mit Leichtigkeit gegen Brückner und Hänsel durch. Noch aber ist nichts entschieden, noch fehlen sechs Künstler.

20:25 Uhr: Runde zwei: Jan Schmidt bietet die Wahl zwischen einer Fußballstory und einer traurigen Liebesgeschichte an - die Liebesgeschichte gewinnt selbstverständlich.

20:28 Uhr: Die Geschichte rund um die dominante Laura und den Whisky-Montag in der WG kommt reichlich skurril daher. "Sex sells", gilt das auch beim Slam? Der Applaus kann sich in jedem Fall hören lassen.

20:31 Uhr: Sim Panse betritt die Bühne. Mit einem Duktus für den sich ein junger Volker Pispers nicht schämen müsste spricht er über den Mensch, die Werbung, Facebook, die Vorstellung und das vorgestellt werden.

Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel) Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel)

20:37 Uhr: Tiefsinnig, clever, lockerer Auftritt - wie sieht es das Publikum? Ist gesellschaftskritik, zumal an der eigenen Generation, heute Abend Salonfähig? Man wird es sehen, oder vielmehr hören. Aida bittet um Applaus uuuunnnd: Donnerhall. Könnte das hier schon der nächste Finalist sein?

20:40 Uhr: Nicht wenn Skog Oggvann ein, zwei, oder noch ein paar mehr Wörter mitzureden hat. Der bärtige Herr siniert über die richtige Schreibweise des Wortes "willkommen" nach.

20:46 Uhr: Die tragik-komische Geschichte um den Aushang in einem kleinem, dem Akzent nach wohl ostdeutschen Laden, nimmt gegen Ende deutlich surreale Züge an, kann aber mit unerhörtem Feinschliff aufwarten, Oggvan erzählt pointiert und malt einem trotz aller Kürze lebhafte Charaktere in den Geist - wie kommt das im Clubhaus an? - noch einmal Applauuuus und...beachtliches Ergebniss, nah dran an Panse ist er allemal, genaueres wird die Stichwahl zeigen müssen.

20:50 Uhr: Es war knapp aber Sim Panse setzt sich gegen die traurige Liebesgeschichte von Jan Schmidt und die Elegie zum Verlust sprachlicher Feinheiten durch. Zwei Männer sind im Finale, eine Frau wird noch dazu kommen, die nächsten drei Kontrahenten sind Damen. Jetzt ist aber erst einmal Pause.

21:15 Uhr: Noch einmal hat Joni aus Leipzig mit seiner Gitarre eröffnet, nun sind die Damen dran. Als erstes tritt "Josy vom Blütenstaub" an das Mikrofon.

21:20 Uhr: Die junge Dame befasst sich mit der Macht des Autors über seine Charaktere und schickt ein achtjähriges Mädchen durch drei Sommer wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Von der Unbeschwertheit eines behüteten Lebens dreht sie den Spieß zu schwereren Existenzen im Alltag zwischen Plattenbauten und Junkies. Das Thema ist ziemlich düster, das braucht Mut, das Publikum liebt oft eher die Leichtigkeit. Der Applaus ist von Blütenstaub trotzdem Gewiss, aber wird es für das Finale reichen?

Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel) Zweiter Dichterwettstreit im Clubhaus (Foto: Angelo Glashagel)
21:25 Uhr: Es kommt: Özge. Die Kölnerin geht mit einem surrealen Fragegedicht ins Rennen und weiß auch durch Bühnenpräsenz zu begeistern. Die Stimmung des Vortrags ist eher von Heiterkeit getragen, der folgende Applaus gefühlt deutlicher als bei der Konkurrentin.

21:31 Uhr: Als letzte Poetin dieser Vorrunde muss nun Henrike Claire ihr Werk präsentieren. Das Mädchen macht einen eher unscheinbareren Eindruck als ihre Mitpoetinnen, was aber kann ihr Text?

21:36 Uhr:Auch Claire schlägt dunkle Pfade ein - anklagend dichtet sie über einen Vater der immer zu spät, immer peinlich, immer krank ist, berichtet über ein Leben mit der Demenz, über Wut und Frust. Ein literarischer Tiefschlag, mitten in die Magengegend, lässt die Stille im Saal greifbar werden, kann das gut gehen für Claire?

21:37 Uhr: Katharsis! - Claire schafft die Wende, dreht die Anklage in eine ergreifende Liebeserklärung an den kranken Vater- uuunnnd: der Saal tobt!

21:40 Uhr: Man hat es vermuten können, das Publikum hat es bestätigt - Henrike Claire tritt gegen die Herren im Finale an.

21:45 Uhr: Nun also noch einmal die drei Finalisten mit frischen Texten. Nach Ganzkörper-Schnick-Schnack-Schnuck steht die Reihenfolge fest: erst Wagner, dann Claire, zuletzt Panse.

21:50 Uhr: Wagner geht es noch einmal leicht an: Mathe, Kindheitserinnerungen, Schulalltag. Der Witz kommt auch nicht zu kurz - was haben Jesus und exponentielles Zinswachstum miteinander zu tun? - beide gehen am Ende Richtung Himmel. Mit Schuld und Zineszins hält auch eine gewisse Ernsthaftigkeit Einzug, das Publikum weiß es zu würdigen.

21:56 Uhr: Jetzt noch einmal Henrike Claire mit "Spiegel der Großstadt". Diesmal ist der Ton der Poetin von Beginn an optimistischer, sie erzählt kleine Geschichten von Menschen, die keine mehr Zweifel kennen, die sich frei tanzen auch wenn sie dabei aussehen wie ein "Zitteraal auf Crack". Ein guter, ein schöner Text, aber nicht mit der Kraft des ersten Vortrags.

22:03 Uhr: Letzter Auftritt des Abends: Sim Panse beginnt mit Berichten über die eigene Nervosität angesichts starker Frauen und geht über in Betrachtungen moderner Stereotypen und dem Rollenverständnis von Mann und Frau. Kein ganz leichtes Thema und nicht ganz sauber ausgearbeitet, wer sich auskennt mag hier und da (leicht) mit dem Kopf schütteln, der Auftritt aber ist wie schon vor etwas mehr als einer Stunde erster Güte.

22:10 Uhr: Alles ist bereit für die Abstimmung per Kampfapplaus, wer wird das Rennen machen? Kann Wagner den Sieg vom letzten mal verteidigen oder haben die anderen beiden Finalisten heut die Nase vorn? Wagneeer - Klatschen, Jubelschreie, Füße stampfen. Jetzt wird für Claire geklatscht - ebenfalls frenetisch, aber schwächer. Dann Panse - noch einmal ekstatischer Jubel.

22:15 Uhr: Es wird ein stechen zwischen den Herren geben. Claire ist Dritte.

22:17 Uhr: Möglichst lauter Kurzapplaus ist das Gebot dieses Finales - kaum zwei Sekunden bleiben dem Publikum völlig auszurasten.

Die drei Finalisten - Sim Panse, Henrike Claire und Daniel Wagner (Foto: Angelo Glashagel) Die drei Finalisten - Sim Panse, Henrike Claire und Daniel Wagner (Foto: Angelo Glashagel)

22:18 Uhr: Wagner! Der Saal bebt! Dann Panse - bebender Applaus! Da ist kein Unterschied zu hören. Die Entscheidung liegt beim Moderator und...Hippie-Sieg!

22:20 Uhr:Daniel Wagner und Sim Panse holen den Sieg, Claire wird doch noch zweite, die Menge tobt. Wer gewonnen hat ist eigentlich auch egal, den Beteiligten geht es eh vor allem um die Bühne und dem Spaß. Den Siegern winken ein paar schöne Bilder die Nachwuchsfotograf Tim für die Veranstaltung gesponsort hat. Das, der Applaus des Publikums und die Übernahme der Fahrtkosten.

22.20 Uhr: Der zweite Poetry Slam ist vorbei. Wer wohlgewählte Worte mag für den war es ein wunderbarer Abend. Der Slam geht in die Sommerpause, am 01.09 geht es weiter, und auch wir verabschieden uns aus dem Clubhaus.
Angelo Glashagel
Autor: red

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