Premiere im Zappelini Zelt
Circus Maximus
Sonntag, 22. Mai 2016, 18:00 Uhr
Es gibt Dinge, die erlebt man nicht alle Tage. Die Einweihung eines Zirkuszeltes gehört sicher dazu. Genau das konnte gestern der junge Zirkus Zappelini tun. Entsprechend des Anlasses legte man sich ins Zeug und konnte dem Publikum einen Abend bieten, der auf eine lange und lebendige Zukunft des Nordhäuser Zeltes hoffen lässt...
Große Premiere an der Rothleimmühle - gestern Abend wurde das Zappelini Zelt eröffnet (Foto: Angelo Glashagel)
Es gibt Dinge, die scheinen unmöglich. Zum Beispiel das, was Melanie Hagedorn gestern Abend im neuen Nordhäuser Zirkuszelt präsentierte. Sie wälzt sich müde im Bett, steht auf, zieht sich um, trinkt Kaffee - die junge Artistin zeigt einen normalen, x-beliebigen Tagesablauf. Nur dass sie dabei auf einer Schlappleine liegt, läuft, sich dreht, rutscht, rollt, auch wackelt, aber nie fällt. Eine halbe Stunde lang spielt sie ihr Programm mit sichtlicher Freude vor einem erstaunten Publikum, das ihr und ihren beiden Kolleginnen Anni Küpper und Roxana Küwen stehende Ovationen zukommen lässt.
Ähnlich unmöglich wie das, was da auf der Bühne zu sehen war erschien der Plan, oder vielmehr der Wunschtraum, des jungen Zirkus Zappelini: einmal ein eigenes, ein richtiges Zirkuszelt haben. Zwanzig Jahre alt ist der Verein inzwischen, ebenso alt ist die Idee vom Zelt. Das es tatsächlich klappen könnte, das zeichnete sich im vergangenen Jahr ab. Das es der Verein aber tatsächlich schaffen würde, da waren selbst ausgemachte Zirkusfreunde zuweilen skeptisch.
v.l.: Anni Küpper, Roxana Küwen und Melanie Hagedorn zeigten am Boden und in der Luft Kunststücke zum staunen (Foto: Angelo Glashagel)
Mit viel Geduld, Diszplin und jahrelanger Übung aber kann vieles gelingen. Zum Beispiel kann man lernen zu jonglieren. Das sieht, wie bei jeder Artistik, erst einmal einfach aus und sollte in seiner einfachsten Form auch für jeden erlernbar sein. Bis man es aber schafft, sich:
1.) selber die Hände aneinander zu fesseln
2.) die gefesselten Hände auf den Rücken zu drehen
3.) in dieser Position mit Händen, Füßen, Hüfte und Nacken die Jonglierkeulen um sich herum fließen zu lassen
4.) und am Ende noch eine Keule auf der Nase zu balancieren bevor man sich selbst wieder entfesselt...
...braucht es Übung. Viel Übung. Anni Küpper hat geübt, schon mit jungen Jahren in eben einem solchen Kinderzirkus wie es der Zappelini für Nordhausen ist. Sie und ihre Kolleginnen teilen ähnliche Biographien, in die Rolle des professionellen Artisten sind sie hereingewachsen. Einen konkreten Entschluss dazu gab es nicht, erzählen die drei nach der Vorstellung, wohl aber gibt es inzwischen Studienplätze für Artisten. Allerdings nicht in Deutschland.
Hierzulande sei der Zirkus nicht derart in die Kulturlandschaft eingebettet, wie in einigen unserer Nachbarländer, sagen sie. In Frankreich, Belgien, den Niederlanden und auch Skandinavien gibt es Schulen für Artistik und Performancekunst, in Deutschland denken die meisten allein an Tiere in der Manege und fahrendes Volk.
Das Zappelini Zelt soll nicht reisen, wird aber saisonal auf- und abgebaut werden müssen. 100.000 Euro hat das cobaltblaue Prachtstück gekostet, rund drei Viertel der Summe davon konnte man durch Spenden und Sponsorengelder aufbringen, allen voran die Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsindustrie, also die Firmen Knauf, Casea und Saint-Gobain Formula. Ohne ein aktives kulturelles Umfeld würde die Wirtschaft nicht das finden, was sie zur Zeit am dringensten braucht, Menschen die die Region lieben, erklärte dazu "Zirkusdirektor" Tom Landsiedel, dem man trotz einiger Bühnenerfahrung seine Aufregung ansehen konnte.
Zirkusdirektor Tom Landsiedel und Nordhausens Bürgermeisterin Jutta Krauth weihten das Zelt stilecht mit Korn ein (Foto: Angelo Glashagel)
Auch das Land Thüringen half bei der finanziellen Realisierung. Neben dem Landkreis und der Stadt gehört der Freistaat zu den maßgeblichen Förderern des jungen Zirkus und wisse den Wert der Arbeit der Zappelinis zu schätzen, sagte Landsiedel. Geboren aber wurde der Verein im Theater und so war es auch der scheidende Intendant Lars Tietje, der als erster seinen Respekt zollen durfte. Der Zirkus schule Kopf, Körper und Verstand der Jungen und Mädchen, lobte Tietje, mit dem Zelt habe man nun auch ein richtiges zu Hause.
Die Landtagsabgeordnete Katja Mitteldorf hatte sich selber ein kleines Kunststück ausgedacht - die Politikerin hatte sich vorgenommen sich einmal kurz zu fassen, was bei allem Lob sowohl ihr wie auch Stefan Nüßle als Vertreter des Landkreises und Nordhausens Bürgermeisterin Jutta Krauth gelang.
Roxana Küwen hängt hoch oben im Zelt, die Kraft, welche die junge Frau haben muss, lässt sich erahnen wenn sie am Trapez schwingt, klettert, sich baumeln lässt, wieder hochzieh und mit nur einer Idee von Halt freihändig über der Bühne schwebt. Und dann sind da noch die weißen Kugeln, mit denen man das Publikum auch unterhalten kann, wenn man zurück auf dem Boden ist, oder mal was schief geht.
Alle drei Künsterlinnen erzählen kleine Geschichten, ohne Worte nur mit Bewegung und ein paar Requisiten. Das ist, neben dem Verzicht auf tierische Darsteller, ein Hauptmerkmal des "neuen Zirkus", der inzwischen auch bald 50 Jahre alt ist. Das international wohl bekannteste Beispiel hierfür sind die spektakulären Shows des "Cirque du soleil".
Der moderne Zirkus kommt auch in Deutschland an (Foto: Angelo Glashagel)
Im kleinen tun die Zappelinis mit ihren Auftritten nichts anderes als die ganz Großen. Und das aus kleine Anfängen großes werden kann, das zeigten die drei Damen auf der Bühne. Auch wenn das Bild vom fahrenden Volk nicht mehr stimme, würden sie doch immer noch viel reisen, erzählt Anni Küpper. Alle drei haben sie sich eigene Shows ausgedacht, hin und wieder tritt man, wie gestern, auch zu dritt auf. "Wenn man ein halbes Jahr an einem Ort ist, ist das sehr lang", sagte Küpper. "Mal ist man in Japan, mal in Singapur und mal in Bippen bei Osnabrück", ergänzte Trapezspezialistin Roxana. Die Zelteröffnung in Nordhausen war bei aller Weltenbummelei dennoch eine Premiere für die drei.
Welchen Sinn macht ein Zirkus heute noch, in der jedes Wunder dieser Welt eigentlich nicht viel mehr als einen Klick entfernt ist? In der man alles sofort sehen und erleben kann und es eigentlich nichts "exotisches" mehr gibt. Vielleicht ist es die Einzigartigkeit des Moments und das tatsächliche erleben. Was die drei Artistinnen auf der Bühne gezeigt haben, bekommt man auch in dieser Welt nur selten zu sehen. "Und es gibt noch 1000 andere Sachen, die die Welt noch sehen muss", meinte Melanie Hagedorn.
Und dann ist da noch der Drang, es vielleicht doch einmal selber zu versuchen, zu sehen ob man nicht vielleicht doch auf dem Seil stehen kann, und wenn es nur für eine Sekunde ist. Neben allem Spektakel ist es vielleicht das, was den Reiz der Artistik ausmacht - das selbst scheinbar unmögliches eben doch menschenmöglich ist.
Geduld. Durchhaltevermögen. Verbissenheit. Hingabe - hinter dem Zirkus, sei er "alt" oder "neu", steht wie hinter jeder Kunst mehr, als das bloße Auge erkennen kann.
Das dass Zelt gestern an der Rothleimmühle eröffnet werden konnte, kann man auch als Ausdruck dieser Qualitäten verstehen und in diesem Sinne zu schätzen wissen. Die Stadt als ganzes hat mit dem blauen Zelt etwas gänzlich neues, etwas ungewöhnliches gewonnen. Ein Highlight, einen "Hingucker", vielleicht sogar ein Wahrzeichen - wenn die Stadt und ihre Bewohner es denn zu nutzen und zu schätzen wissen.
Angelo Glashagel
Autor: red
Große Premiere an der Rothleimmühle - gestern Abend wurde das Zappelini Zelt eröffnet (Foto: Angelo Glashagel)
Es gibt Dinge, die scheinen unmöglich. Zum Beispiel das, was Melanie Hagedorn gestern Abend im neuen Nordhäuser Zirkuszelt präsentierte. Sie wälzt sich müde im Bett, steht auf, zieht sich um, trinkt Kaffee - die junge Artistin zeigt einen normalen, x-beliebigen Tagesablauf. Nur dass sie dabei auf einer Schlappleine liegt, läuft, sich dreht, rutscht, rollt, auch wackelt, aber nie fällt. Eine halbe Stunde lang spielt sie ihr Programm mit sichtlicher Freude vor einem erstaunten Publikum, das ihr und ihren beiden Kolleginnen Anni Küpper und Roxana Küwen stehende Ovationen zukommen lässt.
Ähnlich unmöglich wie das, was da auf der Bühne zu sehen war erschien der Plan, oder vielmehr der Wunschtraum, des jungen Zirkus Zappelini: einmal ein eigenes, ein richtiges Zirkuszelt haben. Zwanzig Jahre alt ist der Verein inzwischen, ebenso alt ist die Idee vom Zelt. Das es tatsächlich klappen könnte, das zeichnete sich im vergangenen Jahr ab. Das es der Verein aber tatsächlich schaffen würde, da waren selbst ausgemachte Zirkusfreunde zuweilen skeptisch.
v.l.: Anni Küpper, Roxana Küwen und Melanie Hagedorn zeigten am Boden und in der Luft Kunststücke zum staunen (Foto: Angelo Glashagel)
Mit viel Geduld, Diszplin und jahrelanger Übung aber kann vieles gelingen. Zum Beispiel kann man lernen zu jonglieren. Das sieht, wie bei jeder Artistik, erst einmal einfach aus und sollte in seiner einfachsten Form auch für jeden erlernbar sein. Bis man es aber schafft, sich:
1.) selber die Hände aneinander zu fesseln
2.) die gefesselten Hände auf den Rücken zu drehen
3.) in dieser Position mit Händen, Füßen, Hüfte und Nacken die Jonglierkeulen um sich herum fließen zu lassen
4.) und am Ende noch eine Keule auf der Nase zu balancieren bevor man sich selbst wieder entfesselt...
...braucht es Übung. Viel Übung. Anni Küpper hat geübt, schon mit jungen Jahren in eben einem solchen Kinderzirkus wie es der Zappelini für Nordhausen ist. Sie und ihre Kolleginnen teilen ähnliche Biographien, in die Rolle des professionellen Artisten sind sie hereingewachsen. Einen konkreten Entschluss dazu gab es nicht, erzählen die drei nach der Vorstellung, wohl aber gibt es inzwischen Studienplätze für Artisten. Allerdings nicht in Deutschland.
Hierzulande sei der Zirkus nicht derart in die Kulturlandschaft eingebettet, wie in einigen unserer Nachbarländer, sagen sie. In Frankreich, Belgien, den Niederlanden und auch Skandinavien gibt es Schulen für Artistik und Performancekunst, in Deutschland denken die meisten allein an Tiere in der Manege und fahrendes Volk.
Das Zappelini Zelt soll nicht reisen, wird aber saisonal auf- und abgebaut werden müssen. 100.000 Euro hat das cobaltblaue Prachtstück gekostet, rund drei Viertel der Summe davon konnte man durch Spenden und Sponsorengelder aufbringen, allen voran die Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsindustrie, also die Firmen Knauf, Casea und Saint-Gobain Formula. Ohne ein aktives kulturelles Umfeld würde die Wirtschaft nicht das finden, was sie zur Zeit am dringensten braucht, Menschen die die Region lieben, erklärte dazu "Zirkusdirektor" Tom Landsiedel, dem man trotz einiger Bühnenerfahrung seine Aufregung ansehen konnte.
Zirkusdirektor Tom Landsiedel und Nordhausens Bürgermeisterin Jutta Krauth weihten das Zelt stilecht mit Korn ein (Foto: Angelo Glashagel)
Auch das Land Thüringen half bei der finanziellen Realisierung. Neben dem Landkreis und der Stadt gehört der Freistaat zu den maßgeblichen Förderern des jungen Zirkus und wisse den Wert der Arbeit der Zappelinis zu schätzen, sagte Landsiedel. Geboren aber wurde der Verein im Theater und so war es auch der scheidende Intendant Lars Tietje, der als erster seinen Respekt zollen durfte. Der Zirkus schule Kopf, Körper und Verstand der Jungen und Mädchen, lobte Tietje, mit dem Zelt habe man nun auch ein richtiges zu Hause.Die Landtagsabgeordnete Katja Mitteldorf hatte sich selber ein kleines Kunststück ausgedacht - die Politikerin hatte sich vorgenommen sich einmal kurz zu fassen, was bei allem Lob sowohl ihr wie auch Stefan Nüßle als Vertreter des Landkreises und Nordhausens Bürgermeisterin Jutta Krauth gelang.
Roxana Küwen hängt hoch oben im Zelt, die Kraft, welche die junge Frau haben muss, lässt sich erahnen wenn sie am Trapez schwingt, klettert, sich baumeln lässt, wieder hochzieh und mit nur einer Idee von Halt freihändig über der Bühne schwebt. Und dann sind da noch die weißen Kugeln, mit denen man das Publikum auch unterhalten kann, wenn man zurück auf dem Boden ist, oder mal was schief geht.
Alle drei Künsterlinnen erzählen kleine Geschichten, ohne Worte nur mit Bewegung und ein paar Requisiten. Das ist, neben dem Verzicht auf tierische Darsteller, ein Hauptmerkmal des "neuen Zirkus", der inzwischen auch bald 50 Jahre alt ist. Das international wohl bekannteste Beispiel hierfür sind die spektakulären Shows des "Cirque du soleil".
Der moderne Zirkus kommt auch in Deutschland an (Foto: Angelo Glashagel)
Im kleinen tun die Zappelinis mit ihren Auftritten nichts anderes als die ganz Großen. Und das aus kleine Anfängen großes werden kann, das zeigten die drei Damen auf der Bühne. Auch wenn das Bild vom fahrenden Volk nicht mehr stimme, würden sie doch immer noch viel reisen, erzählt Anni Küpper. Alle drei haben sie sich eigene Shows ausgedacht, hin und wieder tritt man, wie gestern, auch zu dritt auf. "Wenn man ein halbes Jahr an einem Ort ist, ist das sehr lang", sagte Küpper. "Mal ist man in Japan, mal in Singapur und mal in Bippen bei Osnabrück", ergänzte Trapezspezialistin Roxana. Die Zelteröffnung in Nordhausen war bei aller Weltenbummelei dennoch eine Premiere für die drei.Welchen Sinn macht ein Zirkus heute noch, in der jedes Wunder dieser Welt eigentlich nicht viel mehr als einen Klick entfernt ist? In der man alles sofort sehen und erleben kann und es eigentlich nichts "exotisches" mehr gibt. Vielleicht ist es die Einzigartigkeit des Moments und das tatsächliche erleben. Was die drei Artistinnen auf der Bühne gezeigt haben, bekommt man auch in dieser Welt nur selten zu sehen. "Und es gibt noch 1000 andere Sachen, die die Welt noch sehen muss", meinte Melanie Hagedorn.
Und dann ist da noch der Drang, es vielleicht doch einmal selber zu versuchen, zu sehen ob man nicht vielleicht doch auf dem Seil stehen kann, und wenn es nur für eine Sekunde ist. Neben allem Spektakel ist es vielleicht das, was den Reiz der Artistik ausmacht - das selbst scheinbar unmögliches eben doch menschenmöglich ist.
Geduld. Durchhaltevermögen. Verbissenheit. Hingabe - hinter dem Zirkus, sei er "alt" oder "neu", steht wie hinter jeder Kunst mehr, als das bloße Auge erkennen kann.
Das dass Zelt gestern an der Rothleimmühle eröffnet werden konnte, kann man auch als Ausdruck dieser Qualitäten verstehen und in diesem Sinne zu schätzen wissen. Die Stadt als ganzes hat mit dem blauen Zelt etwas gänzlich neues, etwas ungewöhnliches gewonnen. Ein Highlight, einen "Hingucker", vielleicht sogar ein Wahrzeichen - wenn die Stadt und ihre Bewohner es denn zu nutzen und zu schätzen wissen.
Angelo Glashagel

