Kreatives Nordthüringen
Gespräche über das Scheitern
Mittwoch, 13. April 2016, 18:40 Uhr
Wie kommt man nach einem Rückschlag wieder auf die Beine? Wo beginnt "scheitern", wo "Erfolg"? Darüber diskutierte man heute im CoDeck mit ein paar kreativen Thüringern, die sich mit vermeintlich brotloser Kunst ein Leben aufgebaut haben...
Andreas hatte eigentlich alles, was Eltern dem eigenen Sprössling so wünschen können: der gelernte Diplom Finanzwirt hatte als Beamter nicht nur ein gutes Gehalt und berufliche Sicherheit, sondern eigentlich auch einen vorgezeichneten Lebensweg. Dann nahm ihn seine Schwester einmal mit auf einen "Poetry Slam", einen modernen Dichterwettstreit, und Andreas in der Au, heute unter dem Künstlernamen "Aida" selber "Slammer", sah in seiner Beamtenlaufbahn nur noch "verschwendete Lebenszeit".
Über seinen Weg in die Kreativwirtschaft und die Höhen und Tiefen der Selbstständigkeit im kreativen Gewerbe berichtete er am Nachmittag in den Räumen des CoDeck. Selbstverständlich in Reimform. Unter seinen Künstlerkollegen ist er inzwischen als der "Steuerwehrmann" bekannt, neben dem Leben als Verseschmied hat er sich als Steuerberater für kreative Geister, die das Steuersystem nicht selten schreckt wie ein Besuch beim Zahnarzt, ein zweites Standbein aufgebaut.
Neben ihm sitzen Mario Melle, Diplom-Informatiker, Programmierer, Existenzgründer und Sven Ehrhardt, Musiklehrer und Autor. Er wollte als Kind schon "Rockstar" werden, berichtete Ehrhardt, der an der Nordhäuser Musikschule Schlagzeug unterrichtet. Das er auch noch bei dem Berufswunsch "professioneller Musiker" blieb, als aus dem Kind so langsam ein Mann wurde, kam bei seiner Familie nicht ganz so gut an, "da begann eigentlich das scheitern", erzählte Ehrhardt.
Andreas in der Au, Mario Melle und Sven Ehrhardt sprachen über das Scheitern als kreative Köpfe und wie man wieder aufsteht (Foto: Angelo Glashagel)
Ein Rockstar ist er nicht geworden, aber er sei heute ein glücklicher und zufriedener Mensch. Der Weg dorthin aber war nicht leicht. Mario Melle hat über zehn Firmen entweder selbst oder doch zumindest mitbegründet und dabei auch manche Tiefen erlebt, beruflich wie familiär. Heute ist er unter anderem auch Yogalehrer.
"Es bleibt nur brotlose Kunst wenn du nicht mit Feuer bei der Sache bist", sagte Andreas in der Au, die meisten seiner Kollegen hätten ihren heutigen Beruf als Hobby betrieben und schlicht das gemacht was ihnen gefällt. Wenn dann plötzlich Gagen oder Honorare auf dem Konto landen und Rechnungen geschrieben werden sollen, werden aus Künstlern und Kreativen auch Unternehmer.
Und die "Kreativwirtschaft" ist in Deutschland erstaunlich groß. Ihr Jahresumsatz muss den Vergleich mit der chemischen Industrie oder der Autobranche nicht scheuen. Eine Million Menschen in 250.000 Unternehmen erwirtschaften im Jahr rund 146 Mrd. Euro Jahresumsatz, erklärte Norman Schulz von der Thüringer Agentur für Kreativwirtschaft (ThAK), die den Abend organisierte.
"Das Problem ist, das sie als Wirtschaftszweig kaum wahrgenommen wird", sagt Schulz, es gebe keine großen Produktionshallen,feste Standorte oder bekannte Firmen - 97% der deutschen Kreativwirtschaft bestehen aus Kleinstunternehmern. Das sind Musiker, Schauspieler und Autoren, aber auch Architekten, Designer in allen Farben und Formen, Spieleentwickler, Werbefachleute, freie Journalisten, Radiomacher und, und, und. All das gibt es auch in Thüringen, in den ländlicheren Gebieten, nicht nur in der Großstadt. Qualitativ könne man etwa im Vergleich zum Künstlermekka Berlin keine Unterschiede feststellen, meinte Schulz, die Kompetenz habe man auch vor Ort in Thüringen.
Die ThAK hat sich vorgenommen das Wahrnehmungsproblem zumindest für die Thüringer Kreativen etwas zu lindern und befördert vor allem auch die Vernetzung untereinander. Nach Nordthüringen hatte man es heute zum ersten mal geschafft, rund 20 vor allem junge Leute waren der Einladung gefolgt.
"Die Kreativwirtschaft hat eine hohe Problemlösungskompetenz", erklärte Schulz, vor allem wenn es darum geht, die Probleme anderer zu lösen. Auch deswegen unterhielt man sich, sehr angeregt, über das Scheitern oder vielmehr die Strategien zum überwinden des selbigen.
Es soll nicht das letzte mal sein, das die ThAK in Nordhausen eine Veranstaltung. Im Mai will man wieder ins CoDeck kommen, worum es dann gehen wird stand aber noch nicht fest.
Angelo Glashagel
Autor: redAndreas hatte eigentlich alles, was Eltern dem eigenen Sprössling so wünschen können: der gelernte Diplom Finanzwirt hatte als Beamter nicht nur ein gutes Gehalt und berufliche Sicherheit, sondern eigentlich auch einen vorgezeichneten Lebensweg. Dann nahm ihn seine Schwester einmal mit auf einen "Poetry Slam", einen modernen Dichterwettstreit, und Andreas in der Au, heute unter dem Künstlernamen "Aida" selber "Slammer", sah in seiner Beamtenlaufbahn nur noch "verschwendete Lebenszeit".
Über seinen Weg in die Kreativwirtschaft und die Höhen und Tiefen der Selbstständigkeit im kreativen Gewerbe berichtete er am Nachmittag in den Räumen des CoDeck. Selbstverständlich in Reimform. Unter seinen Künstlerkollegen ist er inzwischen als der "Steuerwehrmann" bekannt, neben dem Leben als Verseschmied hat er sich als Steuerberater für kreative Geister, die das Steuersystem nicht selten schreckt wie ein Besuch beim Zahnarzt, ein zweites Standbein aufgebaut.
Neben ihm sitzen Mario Melle, Diplom-Informatiker, Programmierer, Existenzgründer und Sven Ehrhardt, Musiklehrer und Autor. Er wollte als Kind schon "Rockstar" werden, berichtete Ehrhardt, der an der Nordhäuser Musikschule Schlagzeug unterrichtet. Das er auch noch bei dem Berufswunsch "professioneller Musiker" blieb, als aus dem Kind so langsam ein Mann wurde, kam bei seiner Familie nicht ganz so gut an, "da begann eigentlich das scheitern", erzählte Ehrhardt.
Andreas in der Au, Mario Melle und Sven Ehrhardt sprachen über das Scheitern als kreative Köpfe und wie man wieder aufsteht (Foto: Angelo Glashagel)
Ein Rockstar ist er nicht geworden, aber er sei heute ein glücklicher und zufriedener Mensch. Der Weg dorthin aber war nicht leicht. Mario Melle hat über zehn Firmen entweder selbst oder doch zumindest mitbegründet und dabei auch manche Tiefen erlebt, beruflich wie familiär. Heute ist er unter anderem auch Yogalehrer.
"Es bleibt nur brotlose Kunst wenn du nicht mit Feuer bei der Sache bist", sagte Andreas in der Au, die meisten seiner Kollegen hätten ihren heutigen Beruf als Hobby betrieben und schlicht das gemacht was ihnen gefällt. Wenn dann plötzlich Gagen oder Honorare auf dem Konto landen und Rechnungen geschrieben werden sollen, werden aus Künstlern und Kreativen auch Unternehmer.
Und die "Kreativwirtschaft" ist in Deutschland erstaunlich groß. Ihr Jahresumsatz muss den Vergleich mit der chemischen Industrie oder der Autobranche nicht scheuen. Eine Million Menschen in 250.000 Unternehmen erwirtschaften im Jahr rund 146 Mrd. Euro Jahresumsatz, erklärte Norman Schulz von der Thüringer Agentur für Kreativwirtschaft (ThAK), die den Abend organisierte.
"Das Problem ist, das sie als Wirtschaftszweig kaum wahrgenommen wird", sagt Schulz, es gebe keine großen Produktionshallen,feste Standorte oder bekannte Firmen - 97% der deutschen Kreativwirtschaft bestehen aus Kleinstunternehmern. Das sind Musiker, Schauspieler und Autoren, aber auch Architekten, Designer in allen Farben und Formen, Spieleentwickler, Werbefachleute, freie Journalisten, Radiomacher und, und, und. All das gibt es auch in Thüringen, in den ländlicheren Gebieten, nicht nur in der Großstadt. Qualitativ könne man etwa im Vergleich zum Künstlermekka Berlin keine Unterschiede feststellen, meinte Schulz, die Kompetenz habe man auch vor Ort in Thüringen.
Die ThAK hat sich vorgenommen das Wahrnehmungsproblem zumindest für die Thüringer Kreativen etwas zu lindern und befördert vor allem auch die Vernetzung untereinander. Nach Nordthüringen hatte man es heute zum ersten mal geschafft, rund 20 vor allem junge Leute waren der Einladung gefolgt.
"Die Kreativwirtschaft hat eine hohe Problemlösungskompetenz", erklärte Schulz, vor allem wenn es darum geht, die Probleme anderer zu lösen. Auch deswegen unterhielt man sich, sehr angeregt, über das Scheitern oder vielmehr die Strategien zum überwinden des selbigen.
Es soll nicht das letzte mal sein, das die ThAK in Nordhausen eine Veranstaltung. Im Mai will man wieder ins CoDeck kommen, worum es dann gehen wird stand aber noch nicht fest.
Angelo Glashagel
