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Zeitzeugengespräch

Ein Überlebender erzählt

Samstag, 09. April 2016, 17:20 Uhr
Yaakov Handeli wurde im griechischen Thessaloniki geboren. Mit knapp 15 Jahren verlor er seine ganze Familie im Konzentrationslager Auschwitz, er selber überlebte die Strapazen des Lagersystems und die Todesmärsche nur knapp. Im Bürgerhaus hat er heute seine Geschichte erzählt...

Schon der Weg nach Auschwitz war für die griechischen Juden eine Tortur. Acht Tage und acht Nächte dauerte die Fahrt in völlig überfüllten Waggons, zwischen 160 und 180 Menschen wurden in jeden Wagen gepfercht. Von hier an hat die nnz das Gespräch übersetzt und transkribiert:

Wir wussten nicht, dass es nach Auschwitz ging, uns wurde gesagt wir sollten nach Krakau in Polen, wo wir ein neues Leben beginnen könnten. Die griechischen Juden mussten die Zugtickets nach Auschwitz sogar noch selber bezahlen. Die Tickes auf griechisch und deutsch kann man in Yad Vashem heute noch sehen.

Pro Zug gab es 1.800 Passagiere, der letzte Wagen war immer leer und zwischen den Waggons gab es jeweils einen Wagen, in dem die SS-Offiziere mitfuhren. Wir kamen nach Mitternacht an, an einem Ort den man heute die "Judenstation" nennt. Das ist zwischen Auschwitz I und Birkenau in einem leeren Gebiet. Es gab keine Rampen oder ähnliches, große Trucks warteten bereits mit angeschaltetem Licht auf uns. Das war das einzige Licht in dem Areal. Die Selektion begann gleich dort.

Was ist eine Selektion? - Der Zug hält an und die Türen werden geöffnet, es sind Schiebetüren und ich habe damals gehört wie die Soldaten die ganze Zeit gerufen haben "Raus, schnell". Die Türen wurden geöffnet und da waren deutsche Hunde, Wolfshunde, die die ganze Zeit gebellt haben. Die Soldaten schreien "raus, schnell", aber weil es keine Rampe gibt, ist es schwierig für die älteren Leute aus dem Waggon herauszukommen.

Yaakov Handeli verlor seine ganze Familie in Auschwitz, überlebte selber nur knapp (Foto: Angelo Glashagel) Yaakov Handeli verlor seine ganze Familie in Auschwitz, überlebte selber nur knapp (Foto: Angelo Glashagel)

Das ist die Nacht, in der ich meine ganze Familie bis auf meine beiden Brüder verloren habe. Frauen kamen auf die eine Seite, die Männer auf die andere. Für wenige Minuten war unser Vater noch mit bei mir und meinen Brüdern, dann kamen SS Leute und nahmen ihn mit weil mein Vater nicht jung genug war. Er war damals so um die 67 und nicht mehr fit genug um zum arbeiten. Meine ganze Familie wurde nach Birkenau gebracht. Das war die Nacht, in der ich meine Mutter, meinen Vater und meine drei Schwestern zuletzt gesehen habe.

Heute wissen wir, dass sie direkt zur Gaskammer und danach ins Krematorium gebracht wurden. Wir haben nie geglaubt, dass so etwas passieren könnte, aber die Juden die vor uns da waren aus Frankreich und Belgien, haben uns das erzählt. Wir konnten uns nur auf französisch mit ihnen unterhalten. Und sie haben gesagt: "seht ihr den Rauch, das sind eure Eltern". Wir wollten das nicht glauben, dachten die seien verrückt und es gab auch Streit, worüber redet ihr da? haben wir gesagt, aber langsam haben wir dann verstanden was da geschieht.

Wir kamen nach Auschwitz, durch das Haupttor mit dem Spruch "Arbeit macht frei" und mussten die ersten 40 Tage in Quarantäne bleiben. Das erste was wir tun mussten war uns auszuziehen, ganz nackt. Dann musste wir den Mund öffnen, für den Fall das jemand Goldzähne hat. Die Juden durften kein Gold besitzen. Mit einer Zange und nicht durch einen Zahnarzt wurden die Zähne dann herausgezogen. Ich erzähl da keine Lügengeschichten, das habe ich selbst gesehen.

Vier Tage, bevor wir ankamen in Auschwitz, hatten wir kein Wasser bekommen. Ohne Essen kann man leben, aber nicht ohne Wasser. Wir sollten also eine Dusche nehmen und der Wärter sagte uns, dass man das Wasser nicht trinken könne. Ich habe meinen Mund aufgemacht und getrunken und getrunken und getrunken. Mir ist nichts passiert.

Dann standen wir in einer Reihe und bekamen unsere Arme tätowiert, meine Nummer ist 115-003. Das war mein Name. Wir bekamen diese Anzüge mit den Streifen, die wie Schlafanzüge aussehen. Wir waren in Block 8, in der Quarantäne, da musste man noch nicht arbeiten. Man wollte sicher gehen, das wir nicht krank waren. Nach der Quarantäne hatten wir Glück, wir wurden nach Auschwitz III gebracht. Wir hatten also Glück, dass wir für die IG Industrie arbeiten mussten. Ich war damals kaum 15 Jahre alt.

Es gab zwei Dinge, die für die griechischen Juden sehr bedeutend waren: erstens kamen wir aus dem Mittelmeerraum, das Klima war also ein ganz anderes als in Polen. Zweitens: unsere Sprache ist Spanisch, die Juden im KZ waren aber alle Aschkenasi-Juden, und die sprachen Jiddisch, das dem Deutschen ähnelt. Wir waren ganz raus, verstanden nicht ein Wort.

Die haben uns gar nicht als Juden erkannt, weil wir nicht jiddisch gesprochen haben. Alles stand gegen uns. Nach gut drei Monaten waren 70% der Juden aus Thessaloniki nicht mehr da, darunter auch meine Brüder.

(...)

Wenn jemand nur noch Haut und Knochen war, wurde er ein "Muselmann". Also nicht Muslim, nicht wegen der Religion, sondern wenn er keine Kraft mehr zum arbeiten hatte. Und wenn er keine Kraft mehr hat, braucht die IG Farben ihn nicht mehr. Und er weiß, dass er jetzt in die Gaskammer kommt. Als meine Mutter ankam wurden ihnen nur gesagt, sie würden eine Dusche nehmen. Diese Leute aber wussten inzwischen, dass es die Gaskammern gab und das ihnen das widerfahren würde.

Also ich war ganz allein und war kurz davor selber ein "Muselmann" zu sein. Jemand hatte Mitleid mit mir, ich war ja noch ein junger Bursche, und ich wurde zum arbeiten in die Küche versetzt, als "Kesselwäscher". Das hat mein Leben gerettet, weil ich in der Küche gearbeitet hab und... in unserer Sprache sagt man organisieren, nicht stehlen - organisieren, man nimmt ab und an ein Stück Kartoffel, ein Stück Brot und wird langsam wieder ein Mensch.

Meinen Brüdern konnte ich nicht mehr helfen, die waren nicht mehr da. Aber anderen "Muselmännern" konnte ich helfen weil ich zum Beispiel Suppe mit in die Baracke gebracht habe.

Am 18. Januar 1945 standen die Russen 15 Kilometer vor Auschwitz und wir dachten schon, wir werden befreit und waren sehr froh. Die Deutschen aber entschieden, uns nicht da zu lassen und schickten uns zu Fuß auf den Weg. Das war der Todesmarsch. Sie müssen verstehen, ich kam aus der Küche, ich war stark.

Ich stahl einen Papiersack für Zement und zog ihn über. Es war Januar '45 in Polen, zu jeder anderen Zeit wäre das Sabotage gewesen, die SS hätte mich ohne große Probleme erschießen können. Ich hatte auch noch einen Kanten Brot unter meine Arm versteckt, das war meine Lebensversicherung.

Da waren auch Muselmänner dabei, die konnten nicht mehr laufen. Nach fünf, sechs Kilometern hatten sie keine Kraft mehr und saßen am Straßenrand, wo sie von den SS Männern erschossen worden. Ich habe geträumt und bin gelaufen wie ein Roboter. Ich habe von der Sonne in Thessaloniki geträumt, aber wenn ich die Augen aufgemacht habe, habe ich den roten Schnee gesehen, den das Blut der unschuldigen gefärbt hatte.

Sechzig Kilometer waren wir zu Fuß unterwegs, dann kamen wir in einem anderen KZ an, das man Gleiwitz nannte. Ich schlief ein neben jemanden, der schon tot war. Am nächsten morgen habe ich versucht ihn zu wecken, erst da habe ich es gemerkt.

Viele Leute starben in dieser Nacht. Am nächsten morgen brachte man uns zu einem Bahnhof und wir wurden in Kohlewagen ohne Dach gesteckt. Da war die ganze Zeit Schnee. Bevor man uns da reingezwängt hat, haben wir den gegessen, Nahrung gab es keine. In den Wagen konnte keiner sitzen, wir waren wie die Sardinen in der Büchse. Was also passierte wenn jemand starb, dann ist er umgefallen und hat mehr Platz genommen. Wir waren die aus der Küche, die noch Kraft hatten und mussten also die Toten aus dem Waggon werfen.

Sechs Tage hat das gedauert. Viele sind nie angekommen. Der letzte Halt war dann Ellrich. Wir kamen raus und woran ich mich erinnere, und das ist so deutlich vor meinen Auge, wir kamen raus und aßen Schnee. Da war ein Truck und darin eine Maschine, Disinfektion. Wir mussten unsere Sachen ausziehen und standen nackt im Schnee. Ich weiß noch, ich nahm einen Freund und zusammen fingen wir an zu springen um uns ein wenig warm zu halten bis die Uniformen aus der Maschine kamen. Auch da sind viele an der Kälte gestorben. Zu Fuß ging es dann von Ellrich hierher.

Als junger Mann musste ich mit einer Bohrmaschine arbeiten und Löcher in die Tunnelwände bohren, in die dann das Dynamit kam. Essen gab es manchmal, manchmal nicht. Wir mussten in zwölf Stunden Schichten arbeiten. In Auschwitz hatte es keine Läuse geben, Läuse waren ein Zeichen das du so gut wie tot warst. Hier hatten wir tausende Läuse. Und wenn einmal die Sonne rauskam, haben wir uns gegenseitig die Läuse vom Körper gesammelt, so viele waren das.

Das war wirklich das Ende von allem, das Ende des Krieges, aber die SS wollte das nicht wahrhaben, wir mussten immer noch arbeiten. Und ich weiß nicht warum, aber hier hat man herausgefunden das nur eine Gruppe aus Dora nach Bergen-Belsen geschickt wurde, da war ich dabei. Befreit wurde ich erst dort, von der britischen Armee. Das war am 14. April 1945.
Ende

Das ganze Gespräch kann man auch hier noch einmal im Wortlaut nachhören.
Angelo Glashagel
Autor: red

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