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Rüdiger Dahlke im Bürgerhaus

Zurück zur Mitte

Mittwoch, 06. April 2016, 10:00 Uhr
Naturheilkunde wurde jahrelang belächelt. Heute füllen Vorträge und Themenabende rund um alternative Heilmethoden, Lebens- und Ernährungsweisen ganze Häuser. Gestern Abend konnte man das im Bürgerhaus beobachten, der Medizinier Rüdiger Dahlke, Lichtgestalt der Naturheilkundebewegung war zu Gast in Nordhausen...

Rüdiger Dalhke im Nordhäuser Bürgerhaus (Foto: Angelo Glashagel) Rüdiger Dalhke im Nordhäuser Bürgerhaus (Foto: Angelo Glashagel)

Die Welt ist aus den Fugen geraten, scheint ihr Gleichgewicht verloren zu haben. Trotz immer neuer Jubelmeldungen aus der Wirtschaft und vom Arbeitsmarkt, trotz eines nie dagewesenen Wohlstandes, trotz eines rasanten Fortschritts und immer neuen Erkenntnissen, Erfindungen und technischen Innovationen und trotz der schier unendlichen Verfügbarkeit an allen nur erdenklichen Dingen liegt, wie bleiern, ein dumpfes, schwer zu fassendes Gefühl über der Gesellschaft, ein Gefühl das etwas nicht stimmt.

Eine kleine, eine einfache Beobachtung ist das, die sich vielleicht mehr aus dem eigenen Bauchgefühl eines desillusionierten Geistes speist, als aus Tatsachen, mahnt die eigene Skepsis. Der Blick in die morgendlichen Schlagzeilen aber, der Irrsinn, der einem tagtäglich serviert wird, bestärkt das Bild einer Welt, die nicht mehr weiter weiß.

Etwas muss sich ändern, ein Kurswechsel, ein Umdenken muss her - noch so ein diffuses Gefühl, eine Idee mit der das Individuum vor den real existierenden Verhältnissen scheitern muss. Ideen, die in Berlin oder Brüssel ebensowenig Anklang finden wie in Beijing, Moskau oder Washington. Wo aber ansetzen, wenn der Aufschrei ungehört verhallt?

Bei sich selbst, meint Rüdiger Dahlke. 40 Jahre lang hat der gebürtige Berliner als Humanmediziner und Psychotherapeut praktiziert, hat in Österreich und der Schweiz gelebt und in den vergessenen Regionen dieser Welt gearbeitet. Heute ist er Autor von mehr als 60 Büchern, eine Lichtgestalt und Vordenker der Naturheilkundebewegung hierzulande.

Gestern Abend war Dahlke in Nordhausen zu Gast, das Buchhaus Rose und die Apothekerin und Naturheilkundlerin Kathrin Mucke hatten ihn eingeladen. "Wir hätten nie gedacht das wir das schaffen", sagte Mucke der nnz, wenn man sich ansehe wo Herr Dahlke sonst spreche, dann sei Nordhausen bei weitem die kleinste Stadt. Entsprechend froh war man über den Zuspruch den die beiden Vorträge beim Publikum fanden - der Ratssaal war ausverkauft, im Lesesaal musste eine Videoübertragung eingerichtet werden.

Dahlke ist Mediziner und spricht als solcher über sein Metier: Krankheiten und ihre Heilung. Die moderne Schulmedizin, sagt er, könne zwar sehr gut reparieren und lindern, aber das tatsächliche heilen gelinge ihr kaum. Statt dem Sinn des Schmerzes, dem was dahinter steht, auf dem Grund zu gehen, betreibe man heutzutge vor allem Symptomunterdrückung. "Wegschneiden und unterdrücken hilft nicht", sagt Dahlke am Abend, die Heilung müsse das Ganze in Betracht ziehen, nicht nur den physischen Körper sondern auch den Geist.

Seine Botschaft stellt an den Anfang der Therapie die Philosophie. Die Medizin müsste, "remedium" gehen, "zurück zur Mitte" finden, wo sie schon einmal war. Dem Patienten in der Behandlung helfen, die eigene Mitte wieder zu entdecken und die Heilung so zu befördern. "Die Alten" hätten um diese Bedeutung noch gewusst, heute sei das Wissen verloren gegangen oder werde zumindest nicht ganz ernst genommen. In den letzten Jahren hat sich in dieser Richtung aber anscheinend einiges bewegt. Als sie angefangen hat Pharmazie zu studieren, da sei es noch eine Art Sakrileg gewesen Dahlkes Buch "Krankheit als Weg" zu lesen, erzählte Kathrin Mucke, heute gibt der Wahl-Schweizer regelmäßig Fortbildungen für seine Kollegen. In der Mitte der Gesellschaft scheint die Naturheilkunde wieder angekommen zu sein.

Nur sind ihre Konzepte nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen. Dem Publikum versucht Dahlke seine Ansichten über die Sprache näher zu bringen, über Beispiele aus der eigenen Erfahrung als Arzt und aus anderen Kulturkreisen, welche die häufigsten Zivilisationskrankheiten unserer Gesellschaft gar nicht kennen würden. 80% Störungen nennt Dahlke das - Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, allgemeinhin gerne auch als Volkskrankheiten bezeichnet.

Und so schwingt auch immer Kritik am Bestehenden, an der gemachten Welt mit. Da ist die Schulmedizin, die zwar viel forscht, aber dabei stur auf Studienergebnisse starrt. Die Pharmaindustrie, die mehr an ihren Umsätzen als an ihren Patienten interessiert ist, Ärzte die das Spiel bereitwillig mitspielen, Lobbyisten, Korruption, Massentierhaltung, Atomkraft und der Raubtierkapitalismus, der die einen Teil der Menschheit elendig verrecken lässt, während der andere Teil an zuviel Fett erstickt.

Das einfachste Gegenmittel, und das ist der verkürzte Kern in Dahlkes Botschaft, sei Selbsterkenntniss und die Fähigkeit danach zu handeln. Mehr Gespür für das selbst, Lebensphilosophie statt enger Kontakt mit dem inneren Schweinehund. Für den überzeugten Veganer fängt das schon beim Essen an, niemand müsse am Herzen erkranken wenn man nur aufhören würde giftige und gefährliche Dinge zu essen, sagt Dahlke.

Rüdiger Dalhke im Nordhäuser Bürgerhaus (Foto: Angelo Glashagel) Rüdiger Dalhke im Nordhäuser Bürgerhaus (Foto: Angelo Glashagel) Das Erkennen der Bedürfnisse des eigenen Körpers, die Auseinandersetzung mit sich und seiner Umwelt und auch seinen eigenen Krankheiten führt, zumindest theoretisch, zu anderen Verhaltensweisen was wiederrum, auf sehr lange Sicht, eine andere Welt möglich macht, wenn die gesellschaftliche Erkenntniss eine kritische Masse erreicht.

Licht- und Schattenarbeit, Anthroposophie, "Resonanz" und "Polarität" - in den Vorträgen schwang auch ein ordentliches Maß an Esoterik mit, an Idealismus, Ideen der Alt '68er und der Hippiebewegung. Wer nicht mit ein paar Grundbegriffen der alternativen Subkulturen vertraut war, dem dürfte es schwer gefallen sein, den Ausführungen zu folgen.

Das kann man kritisch betrachten, kann es belächeln, kann Dahlke Vereinfachung und Verkürzung vorwerfen. An seiner Kernaussage ändert das nichts. Dem Mediziner schien durchaus bewusst zu sein, das man nicht zur Drei-Säfte-Lehre zurückkehren sollte, man eine Cholera Epidemie nicht mit Meditation und Selbsterkenntniss in den Griff bekommt und dass die Schulmedizin mit den Fortschritten, die sie erzielt hat, durchaus ihre Existenzberechtigung hat.

Wie weit man die Gratwanderung zwischen alternativer und etablierter Medizin betreiben will, bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Allein das kann schon Selbsterkenntnis sein. Und dabei etwas mehr in sich zu ruhen kann in keinem Fall schaden.

Für das Interessierte Publikum bot der Abend noch mehr, als die Vorträge: das Café "Bauchgefühl" des Carpe Diem servierte vegane Häppchen und das Spezialitätengeschäft Brettschneider hatte Gemüsetees im Angebot. Das dass in Nordhausen nur die Spitze des alternativen Eisberges ist, konnte man im vergangenen November beim ersten Naturheilkundetag schon einmal erleben, am 27. Mai soll hiervon die zweite Auflage folgen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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