nnz-online
Neues Leben in alter Villa

Tango und Burlesque in Sülzhayn

Montag, 07. März 2016, 11:10 Uhr
Seit gut zwei Jahren haucht der Verein Kultur-Parkour der über 100 Jahre alten Villa Runge in Sülzhayn wieder Leben ein. Jetzt bietet der Verein kulturelle Workshops an. Die Wohngemeinschaft sucht außerdem weitere Mitglieder...

Villa Runge (Foto: S. Schedwill) Villa Runge (Foto: S. Schedwill)
Nur Vogelgezwitscher und das Rauschen des Baches hört man, wenn man vor der über hundert Jahre alten Villa Runge steht. Hier mitten im Wald, am Rand von Sülzhayn. Die Sonne scheint durch die noch kahlen Baumwipfel. Allein der große Hasel steht schon in voller Blüte. Die Schneeglöckchen wackeln im Wind.

Anne Kauer steht auf der mit Moos bewachsenen Steintreppe und blickt auf die darunter gelegene Wiese. „Man kann sich noch gut vorstellen, wie sich die Lungenkranken hier früher auf Liegen an der frischen Luft erholt haben“, sagt die zierliche Frau mit den langen blonden Haaren.

Hermann Runge ließ die Villa einst 1900 bauen, ehe sie dann später viele Jahre als Sanatorium „Rodehorst“ genutzt wurde. Seit gut zwei Jahren gehört die alte Lungenheilstätte jetzt Kultur-Parkour, einem Verein zur Förderung von Kunst und Lebenskultur. Dessen Vorsitzender Norbert Langer entdeckte das Haus damals im Internet, wo es zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben war. Der Sozialarbeiter aus Halle war, wie der Artist und Künstler Benjamin Löffler, auf der Suche nach einem neuen Lebensmittelpunkt.

Nichts Alltägliches. Viel Platz und viel Natur sollte das neue Heim bieten. Eine Heimstätte für Menschen, die nicht das normale Leben leben wollen. Als sie dann die über hundert Jahre alte frühere Lungenheilstätte das erste Mal besuchten, wussten die Männer, sie hatten ihr neues Zuhause gefunden. Für nicht einmal 40 000 Euro ersteigerten sie das große Haus.

Mittlerweile nennt auch Anne Kauer die abgelegene Villa ihr Zuhause. Zwar hat die Artistin in Leipzig noch ein WG-Zimmer, doch die meiste Zeit lebt sie jetzt in dem 900 Quadratmeter großen Haus mitten im Wald. „Ich wollte mich damals verändern“, berichtet sie über ihre Entscheidung, ein Mitglied der Wohngemeinschaft zu werden. Von der Villa war sie sofort begeistert. „Es ist ein so wunderbarer Ort mit viel Atmosphäre und Platz“, schwärmt die 32-Jährige.

Anne Kauer (Foto: S. Schedwill) Anne Kauer (Foto: S. Schedwill)
In den vergangenen zwei Jahren ist viel passiert, konnten die Vereinsmitglieder gemeinsam mit Freunden schon viel erreichen. „Der Zustand des Hauses war gar nicht so schlecht. Zuletzt lebte hier eine Familie mit zehn Kindern. Dann stand es eine ganze Zeit leer“, berichtet Anne Kauer. Zu Beginn galt es deshalb vor allem Müll aus dem Haus zu schaffen, der sich in den drei Jahren Leerstand angesammelt hatte. Außerdem hatten Schrottdiebe alles aus dem Haus geholt, was irgendwie Geld bringt.

Im vergangenen Jahr konnte dann ein Brunnen gebohrt werden, über den das Haus jetzt zumindest mit Brauchwasser versorgt wird. Darüber hinaus sind vier Gästezimmer entstanden, jedes wird per Holzofen beheizt. Im Obergeschoss gibt es zwar noch einiges zu tun. Und auch das Dach muss an einer Stelle repariert werden. Aber ansonsten lässt es sich in dem großen Haus schon ganz gut leben.

Der große Saal im Erdgeschoss ist das Herzstück. Der Raum mit den hohen Fenstern und Parkettfußboden ist nicht nur Übungsstätte von Anne Kauer, die hier für ihre Artistik am Vertikaltuch und am Seil trainiert. Hier finden seit diesem Jahr auch regelmäßig Workshops statt. „Alles Dinge, die momentan angesagt sind“, beschreibt Anne Kauer. Die Ballettwoche im Februar war gut besucht, ebenso der Burlesque-Kurs. In den kommenden Monaten sind ein Tango- und ein Acro-Yogakurs inklusive Thaimassage geplant. „Unsere Kurse laufen unter dem Motto Urlaub und Training“, sagt die gebürtige Chemnitzerin. Eine öffentliche Milonga am 28. Mai richtet sich außerdem an Tangobegeisterte, die nicht am Kurs teilnehmen.

Die Kursteilnehmer können in den Gästezimmern übernachten, das Essen wird gemeinsam in der großen Küche zubereitet. Alles ist ungezwungen, unkonventionell. Anne Kauer und ihre beiden Mitbewohner sind gern Gastgeber, wollen mit den Kursen natürlich auch Geld für den Erhalt der Villa einspielen. „Ein Café könnte ich mir hier auch gut vorstellen“, schwärmt die studierte Deutschlehrerin. Doch momentan sei sie beruflich dafür zu viel unterwegs.
Meist lebt nur Norbert Langer in der 900 Quadratmeter großen Villa. Der Sozialarbeiter ist in Nordhausen in der Flüchtlingsarbeit beschäftigt. Ein neuer Bewohner, ein Tischler, hat gerade sein Leben aus Berlin nach Sülzhayn verlegt.

„Platz haben wir trotzdem noch immer sehr viel“ sagt Kauer. Die Villabewohner suchen Verstärkung für ihre WG. „Willkommen sind uns Menschen, die Interesse und Begeisterung für ein gemeinschaftliches Leben auf dem Land haben. Unser Haus braucht dringend mehr Leben darin. Wir würden uns freuen, wenn unser Dreierteam auf 5 bis 6 Leute anwächst. Es ist vieles an Entwicklungsrichtungen denkbar, von Selbstversorgung bis Künstler-WG, von Veranstaltungsort bis meditativer Rückzug, von Urlaubs- bis Arbeitsort“, heißt es dazu auf der Homepage des Vereines. Das große Haus und das 14 500 Quadratmeter umfassende Grundstück könne man nur in gemeinschaftlicher Arbeit erhalten, sind sich die WG-Mitglieder einig.

Wer sich das Haus und den Verein erstmal unverbindlich anschauen möchte, ist jeden Sonntag ab 15 Uhr zum Sonntagscafé gern gesehen.
Susanne Schedwill

Mehr Informationen gibt es unter:
https://kulturparkour.wordpress.com/
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de