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Bürgerinitiative Gipskarst Süpdharz

Dem Südharz droht der Super-GAU

Montag, 29. Februar 2016, 10:31 Uhr
Der Rüdigsdorfer Schweiz droht mit den jetzt auch von Formula eingereichten Hauptbetriebsplänen am Kuhberg und im Harzfelder Holz der Super-GAU mit schlimmstenfalls vier (!) Gipssteinbrüchen. Dieser Meinung ist die Bürgerinitiative Gipskarst Südharz...


Es ist erschütternd zu erleben, wieviel Unwissen noch immer in der Politik über die Zusammenhänge vorherrscht! Alles hängt jetzt vom Regionalen Raumordnungsplan und/oder den laufenden Verwaltungsgerichtsverfahren ab. Wenn diese Klagen Erfolg haben, müssen die vom Bergamt genehmigten Hauptbetriebspläne in einen neu zu schreibenden Regionalplan integriert werden. Dann hat das letzte Stündlein der Rüdigsdorfer Schweiz, des letzten intakten Landschaftsraumes ohne aktiven Gipsabbau in unserer Region, geschlagen!

In meiner Recherche zum Thema "Alternativen zum Naturgips - Reden wir über Zahlen", welche ich in der nnz veröffentlicht habe, habe ich dargestellt, mit welchen dünnen Zahlen die Industrie ihre Argumente zum Abbau von Naturgips unterfüttert. Ich habe dabei auch über die REA-Gips-Problematik in der Vergangenheit informiert.

Ich habe erwähnt, dass es sehr schwierig ist, hier Informationen zu recherchieren. Hierzu hat mich kürzlich ein Brief mit Informationen eines Insiders erreicht, der in der Zeit um das 2000 aktiv mit der Thematik befasst war. Ich kann die Sachverhalte nicht im Detail nachprüfen, einige Belege waren dem Schreiben jedoch beigefügt. Sie werfen ein deutliches Licht auf, darauf wie die Gipsindustrie in dieser Zeit mit dem Thema REA-Gips umgegangen ist und dass es sich um eine gesamtwirtschaftliche Dimension handelt. Ich gebe hiermit Auszüge dieses Briefes wieder:

„Bereits 1999 tagten im niedersächsischen Umweltministerium ein Arbeitskreis zum Erhalt der Karstlandschaft im Südharz und im niedersächsischen Wirtschaftsministerium der AK "Substitution von Naturgips - nachhaltige Ressourcennutzung". Neben Vertretern der Ministerien waren Vertreter der Gipswerke, des Bundesverbandes Gips, des Verbandes der Niedersächsischen Wirtschaftsunternehmen, der
Naturschutzverbände und des Landesamtes für Ökologie beteiligt. Als Ende 1999 durch Recherchen im AK "Substitution" sich abzeichnete, dass enorme Mengen REA-Gips bei den neu entschwefelten Braunkohlekraftwerken der (damaligen) VEAG in Brandenburg anfallen, diese aber nicht abgenommen werden - wurde von der Gipsindustrie mit Knall der Arbeitskreis beendet. In der Zeitung behauptete die Industrie, die Naturschutzverbände hätten sich nicht an Absprachen gehalten. Es ging aber darum, genau diese hohen REA-Gipsmengen zu vertuschen.

2001 fand im Thüringer Landtag eine Anhörung zum Gipsabbau statt. Hier wurde unter anderem dargestellt, dass "sich die VEAG nach der Wende entscheiden musste, alte Kohlekraftwerke stillzulegen oder durch Einbau von Entschwefelungsanlagen die Rauchgase so zu reinigen, dass sie nach Bundesimmissionsschutzgesetz weiter betrieben werden durften. Die VEAG hat sich entschieden, Filter einzubauen. Sie hat sich auch entschieden, mehrstufige Filter einzubauen um hochreine REA-Gipse zu erhalten, die sich als Baustoffgrundlage eignen, um dann - an ihren vier brandenburgischen Kraftwerken, Gipswerke direkt anzusiedeln....

Die Ansiedlung von Gipswerken an den brandenburgischen VEAG-Kraftwerken gelang nicht in dem Maße, wie es sich die VEAG erhofft hatte. Das hatte mit dem dort zu hoch eingeschätzten Absatzmarkt für Gipsbaustoffe zu tun. Dennoch gab/gibt es einige Gipswerke an den VEAG-Kraftwerkstandorten, aber z.T. mit geringerer Produktion. Bei dem Kraftwerk Jänschwalde wurden wegen geplantem Auslaufen nach ca. 15 -20 Jahren den neu angesiedelten Gipswerken Depots von REA-Gips für weitere 20 Jahre zugesagt und angelegt. Dennoch gab es immer noch zuviel REA-Gips an den vier VEAG-Standorten, Lippendorf, Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe, der nicht abgenommen wurde. Bei über 3 Millionen Tonnen REA-Gips-Gesamtanfall pro Jahr und Laufzeiten von 40 Jahren wird das schnell zum Problem, weil dann der Deponieplatz fehlt, das Kraftwerk aber laufen muss und täglich REA-Gips produziert.

Die VEAG war gezwungen mit Gipsunternehmen außerhalb Brandenburgs zu verhandeln und weitere Abnehmer für den REA-Gips zu finden. Wiederum gab es an diesem Punkt eine rege Diskussion seitens der teilnehmenden Gipsindustrie, dass sie weiter Naturgips brauche, weil der REA-Gips der VEAG nicht "verfügbar" sei. Gemeint ist, dass angeblich aller REA-Gips vertraglich schon Dritten zugesagt ist.

Leider nicht genannt wurde bei der Anhörung im Thüringer Landtag eine Veröffentlichung der Promineral GmbH von 1999. Hier wird ausgesagt, dass bei Fortbestand der Baukonjunktur von 1999 : "Nach der
Jahrtausendwende (...) die verbleibende Menge von 1,95 Mio t jährlich deponiert werden müsste." Bereits 1999 zahlte die VEAG an Knauf Transportsubventionen für REA-Gipstransporte per Bahn nach Iphofen in Bayern! statt wie ursprünglich geplant, den REA-Gips zu verkaufen!

Das heißt, dass bereits 1999 REA-Gipsabnahme bezuschusst wurde. Das war nur möglich, weil die Gipswerke im Südharz ständig neue Abbaugebiete genehmigt bekommen haben, statt auf Umstellung auf den viel reineren REA-Gips zu drängen!

Da die VEAG - jetzt Vattenfall - nicht weiter für die Abnahme ihrer teuer produzierten REA-Gipse den deutschen Gipswerken Geld zahlen wollte, hatte sie mittlerweile einen REA-Gipsvertrieb nach Skandinavien eingerichtet!! Weil Skandinavien keinen Gips hat, wurde hier REA-Gips aus Deutschland anscheinend besser bezahlt als auf den doch viel kürzeren Transportstrecken
innerhalb Deutschlands.“

Liebe Leser der nnz, seit dieser Zeit sind über 15 Jahre vergangen. Das Schreiben der Promineral GmbH liegt uns vor und bestätigt die erwähnten Zahlen. Die REA-Gips-Menge wird zukünftig tatsächlich abnehmen, aber sicher nicht im von der Gipsindustrie genannten Zeitraum und Umfang. Die Ausdehnung des Naturgipsabbaus, wie sie mit der Einreichung weiterer Hauptbetriebspläne zum Abbau am Winkelberg, Kuhberg, Harzfelder Holz und im Gräblingstal bei Rüdigsdorf aktuell geplant ist, führt jetzt dazu, dass zukünftig erneut eine verhängnisvolle volkswirtschaftliche Fehlentwicklung eintritt, für die unsere Region, der Thüringer Südharz, exklusiv in Deutschland mit ihren Naturschätzen bezahlen wird:
Weiterführender Abbau von Naturgips wird in den nächsten Jahrzehnten dringend erforderliches Recycling von Gipsabfällen, wie sie im Rahmen der Modernisierungslast der Bauindustrie anfallen, verhindern!

Aktuell werden wir alle also erneut an der Nase herumgeführt! Die letzte Landesregierung hat sich dieser Thematik nie gestellt und diesen verhängnisvollen volkswirtschaftlichen Entwicklungen schon bei der Problematik des REA-Gipses tatenlos zugesehen. Und auch die jetzige Landesregierung hat keine Strategie, sieht tatenlos zu und läßt die Regionalplaner mit dem Problem allein. Stattdessen werden Beruhigungspillen wie der „Naturpark Südharz“ und Naturschutzgroßprojekte verteilt, welche in dieser Frage keinerlei Schutzkategorie darstellen.

Mehr noch, diese Untätigkeit gefährdet auch Projekte, die unserer Regionalentwicklung eine anderweitige, nachhaltige Richtung geben könnten! Neustadt lässt grüßen. Der Südharz ist eben doch weit von Erfurt entfernt! Der Regionalplan wird fortgeschrieben werden müssen. Wie sollen denn die Gerichte entscheiden, wenn die Landes- oder sogar die Bundespolitik aufgrund belastbarer Daten nicht aktiv wird und ggf. regulatorisch eingreift? Hier wurde und wird wertvolle Zeit verschenkt, um mit unabhängigen Gutachten über die Verfügbarkeit und Verwendbarkeit von Sekundärgipsen, mit unabhängigen Lagerstättenprognosen und Bedarfsanalysen unter Berücksichtigung zu erwartender Mengen an REA- und Recyclinggipsen eine Steuerung des ungehemmten Abbaus von Naturgipsen zu erreichen und Alternativen zu fördern!
Dr. C. Marx BI Gipskarst Südharz
Autor: red

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