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Jahresbericht der Suchtberatung

Chrystal weiter auf dem Vormarsch

Donnerstag, 18. Februar 2016, 15:00 Uhr
Chrystal Meth ist ein ernsthaftes Problem - deutlich mehr Personen als im Jahr zuvor wurden 2015 mit dieser Diagnose im Suchthilfezentrum der Diakonie betreut. Das geht aus dem jetzt veröffentlichten Jahresbericht der Einrichtung hervor. Der beleuchtet aber auch noch manch andere besorgniserregende Entwicklung. So steigt etwa die Zahl der Kinder die in Suchtbelasteten Familien aufwachsen...

Jahresbericht der Diakonie Suchtberatungsstelle veröffentlicht (Foto: Angelo Glashagel) Jahresbericht der Diakonie Suchtberatungsstelle veröffentlicht (Foto: Angelo Glashagel)

Lag die Zahl der Chrystal Abhängigen die in der Suchtberatungsstelle Hilfe suchten 2008 noch bei gerade einmal 34 Personen, stieg sie bis 2014 auf 127 Personen. Im vergangenen Jahr kletterte die Zahl weiter steil nach oben auf nun 198 Chrystal Konusmenten in Betreuung. "Diese Entwicklung kann man in ganz Mitteldeutschland beobachten", meinte Dirk Rzepus, Leiter der Diakonie Suchtberatung. Das liege nicht daran das es ein größeres Problembewusstsein gebe, sondern daran das man mehr Konsumenten habe. "Das ist hier zur Zeit wie eine Seuche", sagte Rzepus, inzwischen würde die Droge wohl auch nicht mehr nur aus den östlichen Nachbarstaaten importiert, sondern auch vor Ort hergestellt, so hätten es Konsumenten berichtet, bestätigen könne man das aber nicht.

Chrystal sei vor allem deswegen so gefährlich weil die Droge sehr schnell abhängig mache, erklärte Rzepus weiter. Doch die synthetische Droge ist nicht das einzige Problem, mit denen die Mitarbeiter der Beratungsstelle konfrontiert werden. Die weitaus größte Gruppe kommt mit Alkoholproblemen in die Arnoldstraße. Von insgesamt 673 Klienten wurde in 294 Fällen die Hauptdiagnose "Alkohol" gestellt. Die zweitgrößte Gruppe "Stimulanzien", vor allem also der Meth Konsum, wird mit 160 Fällen angegeben, gefolgt von Cannabis Konsum mit 56 Fällen. Die Unterschiede in den Zahlen, etwa zur Chrystalabhängigkeit, ergeben sich vor allem durch Mischkonsum. "Wir erfassen in der Hauptdiagnose das vordergründig schwerste Problem", erläuterte Rzepus, viele Klienten würden sich heute aber nicht auf ein Suchtmittel beschränken. "Die reinen Alkoholiker sind selten geworden", meinte der Einrichtungsleiter, seit ein paar Jahren habe die Tendenz zum Mischkonsum hingegen stark zugenommen.

Hauptdiagnosen der Diakonie Suchtberatung Nordhausen (Foto: Diakonie in Nordhausen / Stiftung „Maria im Elende“ GmbH) Hauptdiagnosen der Diakonie Suchtberatung Nordhausen (Foto: Diakonie in Nordhausen / Stiftung „Maria im Elende“ GmbH)

Wegen "pathologischem Spielen" befanden sich 20 Personen in Behandlung, 14 wegen Tabakabhängigkeit. Medikamentmissbrauch und Kokain spielten mit je drei Fällen eine untergeordnete Rolle. Hier sei die Dunkelziffer aber wohl um einiges höher, meinte Rzepus, für Deutschland gehe man in Sachen Medikamentenmissbrauch von 1 bis 1,2 Millionen Fällen aus, die Betroffenen würden aber nur selten Suchtberatungsstellen aufsuchen.

Ein in der Statistik unterrepräsentiertes aber dennoch ernstzunehmendes Problem sei auch der "GHB und GBL" Konsum, besser bekannt als "Liquid Ecstasy" oder auch "K.O.-Tropfen". Im Jahresbericht finden sich lediglich sechs Fälle, man registriere hier aber gerade wieder einen Anstieg, sagte Rzepus. Die Tropfen würden verdünnt konsumiert, seien billig, vergleichsweise einfach zu beziehen und würden schnell zur Abhängigkeit führen. "Im Grunde handelt es sich um Reinigungsmittel", sagte der Leiter der Suchtberatung, "das ist Gift für den Kreislauf und kann bei einer Überdosis auch zum Tod führen".

Erwerbsituation

Der größte Teil der Klienten, 192 an der Zahl, Befand sich zu Beginn der Beratung im ALG II Bezug. Das sind 38% aller Klienten. Ähnlich sah die Situation auch 2008 aus, auch damals waren es 38%. Zwischen 2008 und 2010 erlebte man einen Anstieg auf 45%, 2013 war die Anzahl der Hartz IV Empfänger mit 33% am niedriegsten.

Stetig gestiegen ist hingegen die Zahl derer, die zur Suchtberatung kommen und voll im Berufsleben stehen. Mit 141 Personen waren das 2015 immerhin 30% aller Klienten. Zum Vergleich: 2008 waren es nur 23% gewesen, Schwankungen wie in der Gruppe der ALG II Empfänger gab es hier nicht, die Kurve zeigt bis 2015 stets aufwärts. Auch hier zeige sich nicht so sehr ein gesteigertes Problembewusststein als vielmehr die allgemeine Stabilisierung des Arbeitsmarktes. Dabei können die Entwicklungen sehr unterschiedlich sein, erzählt Rzepus, bei den Kollegen in Eisenach etwa stünden 70% der Klienten in Lohn und Brot.

Hauptlebensunterhalt aller Klientinnen und Klienten in 2015 zu Beginn und am Ende der Beratung, Begleitung und Behandlung (Foto: Diakonie in Nordhausen / Stiftung „Maria im Elende“ GmbH) Hauptlebensunterhalt aller Klientinnen und Klienten in 2015 zu Beginn und am Ende der Beratung, Begleitung und Behandlung (Foto: Diakonie in Nordhausen / Stiftung „Maria im Elende“ GmbH)

Kinder in Suchtbelasteten Familien

Gerade in den östlichen Bundesländern würden zunehmend mehr Kinder aufwachsen, deren Eltern oder ein Elternteil Meth- Amphetaminabhängig sind, heißt es im Jahresbericht der Suchtberatung. Auch im Landkreis Nordhausen beobachte man diese besorgniserregende Entwicklung. Da die Eltern zumeist selbst noch jung sind, im Altern zwischen 17 und 27, geht es hier vor allem um Kleinkinder. Je jünger aber die Kinder sind, welche unter der Suchterkrankung der Eltern leiden, um so größer ist die Gefahr von Entwicklungsverzögerungen, Traumatisierungen und Verhaltensauffälligkeiten. Das Risiko später selbst einmal an einer Suchterkrankung zu leiden, sei bei Kindern aus suchtbelasteten Familien um ein vielfaches erhöht. In der Erhebung der Suchtberatung kam man für Nordhausen auf die Zahl von 113 Kindern unter 18 Jahren die mit mindestens einem suchtkranken Elternteil zusammen lebten und leben, welcher Hilfe in Suchtberatung gesucht hat. Man konzentriere sich auf die Abhängigen selber und sei keine Einrichtung der Jugendhilfe, sagte Rzepus, dennoch habe man ein Auge auf das Thema, welches gerade mit dem Aufbau spezieller Modellprojekte im Freistaat allgemein stärker in den Fokus rücke.

Suchtberatung im Einzelnen

Insgesamt führten die Mitarbeiter der Suchtberatung im vergangenen Jahr 2566 Einzelgespräche, 245 Gruppenstunden, 149 Paarberatungen und 402 Gespräche mit Angehörigen durch. Bei 55 Personen konnten Reha-Maßnahmen eingeleitet werden und bei 27 Menschen kümmerte man sich um die ambulante Nachsorge. Besonderes Augenmerk legte man auch auf die Prävention. Hier erreichte man auf 70 Veranstaltungen insgesamt 2383 Personen.

Über ein Mangel an Arbeit wird man sich in der Suchtberatung auch in diesem Jahr wohl nicht beschweren müssen, man werde weitermachen wie bisher, sagte Rzepus, vor allem in Sachen Prävention. Zum Beispiel mit dem Angebote "Klasse 2000". Das Programm zur Primärprävention in Grundschulen habe sich bewährt und werde auch in Zukunft weiter geführt, heißt es im Bericht, zur Zeit betreut man 13 Grundschulen. Aber auch von anderer Seite kann die Hilfe der Suchtberatung angefragt werden, etwa durch Institutionen wie Feuerwehr, Krankenhaus, Betriebe, Schulen oder andere Einrichtungen.

Alle Zahlen und Berichte sind auch noch einmal hier zu finden.
Angelo Glashagel
Autor: red

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