nnz-online
Besuch aus dem Bundestag

Gespräche mit der Basis

Sonnabend, 23. Januar 2016, 08:00 Uhr
Vereine und soziale Träger wie der Horizont haben zur Zeit alle Hände voll zu tun. Zum alltäglichen Betrieb hinzugekommen ist die Arbeit mit Flüchtlingen. Das Engagement ist groß, die Belastungen für die Fachleute ebenso. Da ist es gut wenn man einmal "ganz oben" auf die Herausforderungen vor Ort aufmerksam machen kann...

Gespräche mit der Basis - im Horizont empfing man Besuch aus Berlin (Foto: Angelo Glashagel)
Beim Horizont hatte man gestern die Chance dazu: zu Gast war der Bundestagsabgeordnete Steffen-Claudio Lemme. Der SPD-Mann hat in seiner zweiten Legislaturperiode vom Gesundheitsbereich in den Haushaltsausschuss gewechselt, sitzt also in der ersten Reihe wenn es darum geht, wie der Reichtum dieses Landes verteilt wird.

Einen Teil davon erhalten auf dem einen oder anderen Weg auch Vereine wie der Horizont und Lift. Der Horizont engagiert sich traditionell in der Kinder- und Jugendhilfe und beschäftigt 400 Mitarbeiter, die Lift gGmbH hat sich auf generationenübergreifende soziale Angebote spezialisiert. Mit dazu gehören auch Einrichtungen wie zwei Großküchen, ein alternatives Möbelhaus und das Berufsschulinternat, um nur einige zu nennen. Aktiv ist man vor allem im Landkreis Nordhausen aber auch darüber hinaus.

Für den Nordhäuser Kreis seien die beiden Vereine "ganz wichtige Träger", sagte Landrat Matthias Jendricke, insbesondere in der aktuellen Situation. Man brauche die Trägerstruktur des Landkreises, erklärte der Landrat, ohne die Arbeit der Vereine sei das Thema Flüchtlinge nicht zu schultern. So ist der Horizont mit Sozialarbeitern vor Ort wenn neue Transferbusse den Landkreis erreichen und schafft zur Zeit Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber und unbegleitete Minderjährige am Taschenberg und in der Elisabethstraße. Der Lift arbeitet mit dem Projekt "Multipotential" daran flächendeckend festzustellen welche Befähigungen Neuankömmlinge mit sich bringen.

Gespräche mit der Basis - im Horizont empfing man Besuch aus Berlin (Foto: Angelo Glashagel)
Für Träger wie den Horizont sind seit dem Sommer vergangenen Jahres viele solcher neuen Aufgaben hinzugekommen. Die Arbeitsfelder die man davor hatte sind dabei natürlich nicht verschwunden, sondern verlangen weiterhin nach Aufmerksamkeit. Um dem Gast aus Berlin einen kleinen Einblick in das zu geben, was beim Horizont passiert, konnten sich zwei Projekte vorstellen: die "AnGel" und "Gecko".

Die "AnGel" dürfte manchem ein Begriff sein, gibt es das Gesundheitsangebot doch schon seit neun Jahren. Auch nach dem Bundesmittel für das damalige Modellprojekt nach den ersten fünf Jahren ausgelaufen waren und man "im Praxistest überleben" musste ging es weiter, erzählte AnGel Leiterin Silke Schulze. Heute ist sie an neun Schulen des Landkreises und in mehreren Kindergärten aktiv und bringt Kindern, Eltern und Pädagogen einen natürlichen Umgang mit Lebensmitteln nahe. Das betrifft nicht nur Obst und Gemüse oder die Zubereitung gesunder Mahlzeiten, sondern auch Fragen und praktische Selbsttests zur Herkunft und Herstellung von Brot, Schokolade und ähnlichem. Bezahlen müssen die Schulen und Kindergärten dafür nichts, bisher konnte man sich bei der Finanzierung noch immer auf die Unterstützung des Landkreises verlassen.

Projekt Nummer zwei ist "Gecko", eine Erweiterung des ausgelaufenen Projekts "Lisa" und Teil von "Tizian". Babylonische Verwirrungen wie diese gehören zum Alltag für viele Vereine. Zuweilen fällt es da auch Kennern der bunten Welt der Projektanträge und Fördermittel schwer den Überblick zu behalten, ein Umstand der vor allem den kurzen Förderperioden, häufig nur ein halbes Jahr, geschuldet ist. Die Erfahrung "an der Basis" zeigt das eigentlich eine andere Herangehensweise zumindest punktuell nötig wäre.

Vierzig Teilnehmer betreuen etwa die drei Sozialpädagogen bei "Gecko", ihre Aufgabe umschreiben Projektleiterin Stefanie Seeboth und Mitarbeiter Torsten Wendt als "klinische soziale Arbeit", Hilfe bei psychischen Erkrankungen, die niederschwellig angesetzt ist. "Wir wollen den Menschen dabei helfen mit ihrer Krankheit im Alltag besser zurecht zukommen", erklärte Seeboth. Die Betroffenen werden durch intensive Betreuung in ihrer psychosozialen Gesundheit soweit stabilisiert, das wieder an eine normale Teilnahme am Alltags- und vor allem Arbeitsleben zu denken ist. Sechs Monate sei da für viele Teilnehmer nicht ausreichend, erklärte Wendt, die Erfahrung zeige das man in den meisten Fällen eher 12 manchmal auch 18 Monate brauche.

Die Arbeit muss weiter gehen, sagt Horizont Chef René Kübler. Angesichts der neuen Aufgaben würden Personal- und Finanzierungslücken aber auf Dauer ein Problem. Man brauche die Integration in Arbeit, meinte Kübler, der Horizont könnte das über sein Werkstattsystem stemmen aber gerade hier gibt es zur Zeit Lücken. Dabei sollte man Maßnahmen nicht nur isoliert für Flüchtlinge betrachten, sondern auch bereits vorhandene Angebote nutzen. Wohnungen, Sozialarbeiter und das Betreuungssystem als solches müssten auskömmlich finanziert werden, meinte auch Landrat Jendricke. Angesichts eines Plus von 12 Mrd. im Bund und Lücken vor Ort müsse unbedingt nachgesteuert werden, gab Jendricke dem Bundestagsabgeorndeten Lemme mit auf den Weg und erläuterte die Herausforderungen, denen man sich vor Ort gegenübersieht.

Steffen-Claudio Lemme ist im Haushaltsausschuss des Bundestages tätig (Foto: Angelo Glashagel) Der Bundestagsabgeordnete Lemme hörte zu und erklärte im Gegenzug die Hürden, die man in Berlin und bei der SPD erkennt. Man erlebe gerade das Ergebnis des neoliberalen Stellenabbaus im öffentlichen Dienst, sagte der Abgeordnete, ob Lehrer, Erzieher oder Polizisten - Personal fehle auf allen Ebenen und die Ausbildung neuer Fachleute dauere mehrere Jahre. Dennoch zeigte sich Lemme optimistisch, so lange die gute wirtschaftliche Lage anhalte würde man "das schaffen".

Hindernisse sind aus seiner Sicht zum einen die Zurückhaltung der Länder, welche mit der anstehenden Schuldenbremse im Hinterkopf die Mittel nicht vollständig weiter reichen würden. Auch das Kooperationsverbot in Sachen Bildung und nicht zuletzt die berühmte "schwarze Null", welche von der CDU "wie eine Monstranz" vor sich hergetragen würde, machten die Sache nicht einfacher. Für die SPD wäre es kein großes Problem, sollte Schäubles schwarze Null dieses Jahr doch "gerissen" werden, die Ausgaben würden in den wirtschaftlichen Kreislauf eingehen und sich mittelfristig wieder auszahlen. Und noch eines versicherte der Abgeordnete: "Alles was getan wird um die Situation in den Griff zu bekommen, geht nicht zu Lasten der Bevölkerung".

Mit Vertretern fast aller Ebenen an einem Tisch - vom Sozialarbeiter an der Basis, von Projektleitung, Geschäftsführung und Kreisverwaltung bis zum Parlamentsvertreter - hätte man noch lange und ausschweifend über die Herausforderungen reden können, denen sich ein jeder der Anwesenden gegenübersieht. Am Ende wartet aber erst einmal die alltägliche Arbeit, ob mit Flüchtlingen, Einheimischen, Alten, Jungen, Wohlhabenden oder Armen, mit Verordnungen, Gesetzen und Sachzwängen. Wieviel des Gesagten auch Einfluss entfalten kann, liegt da in anderer Hand.
Angelo Glashagel
Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2019 nnz-online.de