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Na, das geht ja gut los

Donnerstag, 07. Januar 2016, 06:00 Uhr
Waren es nicht schöne, ruhige Tage zwischen Weihnachten und Neujahr? Ohne viel Aufregung? Nun, mit der Ruhe ist's vorbei, der Alltag hat uns wieder und die Probleme sind immer noch die gleichen wie 2015. Kaum eine Woche rum und das Land übt sich schon wieder in kollektiver Schnappatmung. Besser wäre es wir würden alle einmal tief durchatmen...

Kaum hat 2016 angefangen kann man es auch schon wieder satt haben (Foto: Angelo Glashagel) Kaum hat 2016 angefangen kann man es auch schon wieder satt haben (Foto: Angelo Glashagel)

Was da in der Silvesternacht in deutschen Großstädten geschehen ist, hat das Zeug zur Katastrophe. Für die betroffenen Frauen allemal, aber auch für den Staat, die Gesellschaft sowie die Migranten und Flüchtlinge, die hier leben und neu ankommen.

Unabhängig davon, ob es sich nun um "polizeibekannte Intensivtäter" oder Asylbewerber handelt - das Verhalten der jungen Männer, die in der Silvesternacht in Köln und anderswo Frauen belästigt, angegriffen und beklaut haben sollen, ist indiskutabel und nicht zu entschuldigen. Das würde ebenso gelten, wenn es sich um deutsche Täter handeln würde. Nur wäre die Diskussion dann eine andere.

Der Aspekt des scheinbar offensichtlich kulturellen Hintergrundes der Übergriffe kann und wird in der Diskussion nicht ausgeklammert werden, sondern hohe Wellen schlagen. Wellen, die schon jetzt deutlich zu spüren sind. Ganz einfach gesagt: eine ganze Reihe Testosterongesteuerter Machos hat den Jahresanfang mal so richtig versaut. Und zwar für alle. Für die Frauen, die angegangen wurden, für die Millionen anderer Migranten, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, für die Menschen, die in Sachen Migration und Integration mit anpacken und (in diesem Fall hoffentlich) auch für sich selbst, so denn der Rechtsstaat erst einmal zum Zuge kommt.

Der Umgang der großen Medien mit dem Thema macht die Situation nicht besser, erst wird gar nicht oder nur sehr wenig berichtet, jetzt feuert man in einer publizistischen Aufholjagd aus allen Rohren und auf allen Kanälen. So sehr, das es fast schon verzweifelt wirkt. Gefühlt hat sich inzwischen so ziemlich jeder Politiker, der von sich glaubt Rang und Namen zu haben, zu dem Thema geäußert, Anschuldigungen fliegen zwischen Politik, Parteien und Polizei hin und her und die Teile der Bevölkerung, die schon im vergangenen Jahr massiv gegen die Zuwanderung Stimmung gemacht haben, kommen vor Lachen wahrscheinlich nicht mehr in die Schlaf. Steilvorlage. Ein Land übt sich in kollektiver Schnappatmung. Das kann noch heiter werden dieses Jahr.

Die Aufregung ist berechtigt, das ist bis hierhin hoffentlich deutlich genug gemacht worden. Das bedeutet aber nicht, dass sie auch zielführend ist. Stattdessen sollte man einmal tief durchatmen und sich die Situation in Ruhe vor Augen führen. An zentralen Plätzen in Köln, Berlin, Stuttgart und Frankfurt haben in der Silvesternacht größere Gruppen junger Männer, man könnte auch vom Mob sprechen, Frauen belästigt und wohl auch bestohlen. Die Größe der Gruppen wird unterschiedlich angegeben, mal ist von drei, mal von 20, mal von 40 und mehr Personen die Rede. Wie viele es insgesamt waren, kann keiner sagen, wohl mehrere hundert in ganz Deutschland, wenn man hoch schätzen will. In jedem Fall eine Menge, über 100 Anzeigen sollen allein bei der Kölner Polizei eingegangen sein.

Stellen wir dem einige andere Zahlen gegenüber. In Köln leben 83.802 Menschen mit Migrationshintergrund. Die Zahl stammt aus dem Jahr 2014 und berücksichtigt nicht die Flüchtlinge. In Deutschland waren es 2013 rund 16,53 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. An vielen wird wegen ihrer Hautfarbe und einem vermeintlichem kulturellem Hintergrund das Stigma dieser Silvesternacht haften bleiben. Ob sie nun etwas dafür können oder nicht, spielt dann keine Rolle mehr. Mit den Verallgemeinerungen wird nicht gespart, man öffne eine beliebige Kommentarspalte im Internet zu dem Thema und man wird schnell fündig werden. Sippenverdacht könnte man das auch nennen.

In der nnz wurde vor wenigen Tagen und gestern noch einmal nach klaren Aussagen zur Zukunft des Landes gefragt. Die wird es nicht geben, zumindest nicht verbindlich. Weil es sie nicht geben kann. Wie viele Flüchtlinge verträgt das Land? Woran bitte will man so eine Frage fest machen? Am Geld? Oder am Platz? Vielleicht aber auch an der Akzeptanz der Bevölkerung, verfügbaren Arbeitsplätzen oder dem vorhandenen Betreuungspersonal? An all diesen Punkten? Teile einer möglichen Antwort könnten sehr kompliziert ausfallen, möchte man vermuten.

Was einmal wird, kann niemand sagen auch weil Ereignisse wie die der Silvesternacht das Zeug dazu haben die Entwicklungen in andere Bahnen zu lenken. Ob diese als gut oder schlecht empfunden werden, hängt von der jeweiligen Perspektive ab.

Die Diskussionen jetzt und auch im vergangenen Jahr heben das Lokale ins Zentrum, das, was sich im eigenen Kreis, im Bundesland oder der Republik abspielt. Das ist vollkommen normal, da einem die eigenen Belange nun mal näher sind als die der restlichen Welt. In Sachen Flüchtlingssituation verstellt diese Tendenz aber allzu oft den Blick auf das größere Szenario. Die Diskussionen um Obergrenzen, Abschiebungen, Grenzschließungen, Integrationswillen und ähnliches laufen ins Leere. Vor Ort in Deutschland kann die Situation nur verwaltet, nicht aber gelöst werden. Flüchtlingsstrom und Zuwanderung enden nicht, nur weil die deutsche Politik jetzt mal hart durchgreift.

Die Lösung liegt im Nahen Osten, begraben unter Trümmern, Leichenbergen, Jahrzehntelangen Konflikten und einem Flickenteppich an unterschiedlichen Interessen. Über die Feiertage ist es in in Syrien, dem Irak, und der Türkei nicht ruhig geblieben. Iran, Saudi-Arabien und die kleineren Golfstaaten vollziehen gerade den offenen Bruch und könnten den bisherigen Stellvertreterkrieg zu einem noch größeren und blutigeren Konflikt eskalieren lassen. Es ist kein Ende in Sicht. Wo Bomben fallen und fanatische Mörderbanden Angst und Schrecken verbreiten, da werden die Menschen fliehen und zwar nicht einfach in das nächste gerade noch sichere Land, sondern dahin, wo sie sich langfristige Perspektiven erhoffen. Werden also die Fluchtursachen beseitigt werden können? Nein. Nicht kurzfristig. Das versucht die Bundesregierung auch gar nicht, die legt ihr Augenmerk eher darauf die Möglichkeiten zur erfolgreichen Flucht zu unterbinden. Etwa in Form von Deals mit Ländern wie der Türkei oder den Staaten der Subsahara und dem Ausbau von Frontex.

Was bedeutet das alles für Deutschland und seine Menschen? Wir können wie die Kinder mit dem Fuß aufstampfen und lauthals verlangen, dass wir das alles nicht wollen und damit exakt nichts erreichen. Wir können dicht machen, das Problem auf andere Schultern abwälzen und hoffen, dass der Kelch dann an uns vorüber geht. Das war, grob vereinfacht, über Jahre die zenraleuropäische Strategie und die kann seit letztem Sommer als vorläufig gescheitert gelten.

Oder wir können die Aufgabe anpacken und wenigstens die Chance haben etwas gutes aus der ganzen verfahrenen Misere zu machen. Das wird alles andere als einfach, Vorfälle wie die aus der Silvesternacht zeigen das nur allzu deutlich. Wird "Köln" eine Ausnahme bleiben? In Form und Ausprägung ist das zu hoffen. Wenn man darunter aber allgemeine Konfliktbereiche verstehen möchte, dann nein, das wird es in anderer Form wieder geben. Man muss sich da keinen Illusionen oder romantischen Vorstellungen hingeben. Es existieren große kulturelle Unterschiede und das wird uns noch des öfteren vor Augen geführt werden.

Der einzige Weg, den sozialen Frieden im Land langfristig zu erhalten ist die offensive Auseinandersetzung mit dem Thema, mit Kultur, mit Religion. Es bedeutet auf unsere Stärken zu setzen und diese offensiv zu vermitteln: Gleichbehandlung, Rechtsstaatlichkeit, Respekt gegenüber dem anderen Geschlecht, Meinunngs- und Religionsfreiheit für alle. Es bedeutet, Übertritte deutlich und ohne Unterschied zu ahnden und zwar so, wie es das Gesetz vorsieht. Es bedeutet, die Werte, die mancher so bedroht sieht, selber zu leben. Und das trotz der Ereignisse in Köln und anderswo, trotz radikaler Fanatiker im Nahen Osten, trotz Hetze von rechtsaußen, trotz Terror. Wo man das alles vermitteln will? Natürlich in den Deutschkursen, und beim Praktikum, in der Schule, bei der Ausbildung, wo immer sich Berührungspunkte ergeben oder geschaffen werden. Wer soll das alles vermitteln? Am besten jeder, zur Zeit vor allem aber wohl diejenigen, die am meisten mit Migranten und Asylbewerbern zu tun haben. Sprich Sozialarbeiter, Lehrer, Ehrenamtliche, Übersetzer. Jedes Gespräch ist ein Schritt nach vorne.

Wird man jeden Migranten damit erreichen? Definitv nein. Wird das alles jede Menge Kraft und Geld kosten? Definitiv ja. Ist das ein Projekt von Monaten und Wochen? Nein, eher von Jahren, Jahrzehnten vielleicht sogar Generationen. Wird es sich trotzdem lohnen? Das kann man nur hoffen.

Vieles von dem, was hier zu lesen stand, wurde so oder in anderer Form schon im vergangenen Jahr in der nnz geschrieben. Die Argumente bleiben die gleichen, weil sich die Grundsituation nicht geändert hat, auch nicht nach den Ereignissen der Silvesternacht.

Was dieses Land braucht sind Zeit, Besonnenheit und Vertrauen in die eigene Stärke. Die Politik kann hier nur bedingt helfen. Aber es bleibt nicht nur "der Aufschrei: Hörbar, lesbar, gewaltig". Es bleibt auch die Tat, es liegt an jedem Einzelnen zu entscheiden wie er oder sie 2016 den Herausforderungen dieser Zeit begegnen will. Worauf wollen wir unsere Energie verwenden: auf atemlose Aufregung, wütende Diskussionen und gegenseitige Anschuldigungen oder auf konstruktive Lösungsansätze?
Angelo Glashagel
Autor: red

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