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Sandkastenphantasien "großer Männer"

Dienstag, 15. Dezember 2015, 09:58 Uhr
Die Flüchtlingskrise, die Ursachen und Konfliktparteien im Syrienkonflikt, die Rolle Deutschlands im Nahen Osten und die Kriegsbeteiligung - im Interview mit dem Islamwissenschaftler Ronn Müller schaut die nnz auf das Parkett der internationalen Politik und der jüngsten Geschichte...

nnz-Interview zum Syrienkonflikt (Foto: Angelo Glashagel) nnz-Interview zum Syrienkonflikt (Foto: Angelo Glashagel)

Zur Person: Ronn Müller ist gebürtiger Nordhäuser und hat in Halle und Kairo Ethnologie und Islamwissenschaften studiert. Zur Zeit arbeitet Herr Müller an der Universität Halle am Institut für Philosophie und Ethnologie und schreibt hier seine Doktorarbeit. Herr Müller ist mit einer Syrerin verheiratet. Zuletzt waren sie im Frühjahr 2011 in Syrien, kurz bevor die Situation vor Ort eskalierte.

nnz: Herr Müller, zur Zeit sind sie wieder öfter in Nordhausen unterwegs. Was bringt sie zurück in den Südharz?

Ronn Müller: Ich habe vergangene Woche zwei Vorträge am Bleicheröder Gymnasium gehalten und werde morgen an der Hochschule sprechen. Außerdem bin ich einmal in der Woche als Übersetzer in der Stadt.

nnz: Worum geht es in Ihren Vorträgen?

Ronn Müller: Am Gymnasium habe ich über die Hintergründe des Konfliktes und seine Chronologie gesprochen. An der Hochschule wird es um den Krieg und die Flucht nach Europa gehen. Den Ablauf der Ereignisse der vergangenen fünf Jahre behandle ich dann nur als Abriss. Im Vordergrund stehen eher die Fluchtursachen und was mit der Zivilbevölkerung geschieht, beziehungsweise wie sich der Flüchtlingsdiskurs im Vergleich zu früheren Fluchtbewegungen verändert hat.

nnz:Was hat sich denn geändert?

Ronn Müller: Traditionell waren Flüchtlinge in der Vergangenheit eine anonyme Masse, die von Organisationen wie dem UNHCR „verwaltet“ wurde. Heute sind die Flüchtlinge selber aktive Teilnehmer dieses Prozesses. Sie wissen, dass sie bestimmte Rechte haben. Allerdings handelt es sich dabei um ideelle Rechte hinter denen keine Instanz steht, bei der man diese Rechte auch einfordern könnte. Theoretisch wären das die Staaten der EU, die sich verpflichtet haben Menschen auf der Flucht Schutz zu gewähren, es passieren aber dennoch eine Menge Dinge, die nicht sein dürften, etwa in Griechenland oder Ungarn.

nnz: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für die jetzige Situation

Ronn Müller hat in Halle und Kairo studiert  (Foto: Angelo Glashagel) Ronn Müller hat in Halle und Kairo studiert (Foto: Angelo Glashagel) Ronn Müller: Die EU hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Man hat in den letzten Jahren an der „Festung Europa“ gebaut. Man hat dafür gesorgt das die Union starke Außengrenzen hat und im Gegenzug konnte man die innereuropäischen Grenzen frei geben. Aus diesen Überlegungen heraus ist zum Beispiel „Frontex“ entstanden. Die Sicherung der äußeren Grenzen mit militärischen und technischen Mitteln war und ist sehr kostspielig und hat sich mit der Zeit verselbstständigt, unabhängig von Parteien und Mehrheiten. Dieser Vorgang wird etwa in der Soziologie als „Versicherheitlichung“ bezeichnet.

nnz: Aber nun sind die Grenzen trotz des Aufwands gefallen...

Ronn Müller:Sie sind nicht gefallen, sie haben allenfalls Risse bekommen. Lösungen wie die Dublinregelungen wurden von den Außenstaaten mitgetragen und nach den erstem Ansturm hat man mehrere zwischenstaatliche Abkommen mit Ländern wie Libyen, Ägypten, Marokko, Algerien und anderen getroffen. Nach den Unruhen die wir hier als „Arabischen Frühling“ bezeichnen und den Umbrüchen in den nordafrikanischen Ländern haben sich die Lager dort geleert und das haben auch andere mitbekommen. Es gibt Satellitenaufnahmen die zeigen regelrechte Staus in kleinen Wüstenstädten.
Inzwischen verläuft die „Verteidigungslinie“ der EU Grenze noch weiter südlich, hinter der Sahara. Man muss sich nur einmal ansehen wo die Bundeswehr aktiv ist, in Ländern wie Sudan, Somalia, zuletzt auch Mali. Das sind die bekannteren Einsätze, in einigen anderen Ländern der Subsahara ist Deutschland ebenso aktiv, wenn auch nur mit wenigen Soldaten. Wir haben was Auslandseinsätze angeht in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen.

nnz: Der Arabische Frühling hat die Herrscher von Tunesien, Ägypten und Libyen nahezu hinweggefegt. Warum hat sich die Lage in Syrien anders entwickelt?

Ronn Müller: Das ist eine sehr komplexe und zum Teil undurchsichtige Geschichte. Im Grunde muss man schon mit Hafiz al-Assad anfangen, dem Vater des jetzigen Präsidenten Bashar al-Assad. Der ältere Assad hatte 1971 durch einen Putsch die Macht übernommen und lies 1982 die sogenannte „Hama-Opposition“ niederschlagen wobei 30.000 Menschen getötet wurden. Man muss dazu wissen, dass die Opposition vornehmlich aus den Muslimbrüdern bestand. Unter Hafiz wird alles unter den Teppich gekehrt, was dem Regime nicht passt. Es gibt vier große und mehrere kleinere Geheimdienste, die nicht nur die Bevölkerung sondern sich auch gegenseitig bespitzeln. Wer Unmut äußert, den kann man einfach verschwinden lassen. Bashar al-Assad kommt nach dem Tod des Vaters im Jahr 2000 an die Macht und gilt vielen eigentlich als zaghafter Erneuerer. Als im „Damaszener Frühling“ von 2001 dann aber auch Forderungen nach demokratischen Reformen laut werden, ändert sich das. Vieles wird wieder rückgängig gemacht. Wobei Oppositionelle jetzt „nur“ im Gefängnis landen und nicht spurlos verschwinden. Schließlich kommt der Arabische Frühling“ und sowohl die Bevölkerung als auch das Regime sehen was in Libyen, Tunesien und Ägypten passiert. Im Frühjahr 2011 werden in Daraa ein paar Jugendliche aufgegriffen, die Slogans an eine Schulwand gesprüht hatten und das Regime greift, ähnlich wie unter Hafiz, knallhart durch. In der Annahme es handelt sich um Einfluss von außen, etwa durch die Muslimbrüder, misshandelte und foltert man die Kinder und von da an eskalierte die Situation.

nnz: Wie wurde aus dem Aufstand gegen Assad der um sich greifende Konflikt den wir heute sehen?

Ronn Müller: Assad hat seine Lehren aus den Geschehnissen des Arabischen Frühlings, vor allem aus denen in Libyen und den Ereignissen im Irak gezogen. Schon 2011 entlässt er alle Islamisten aus seinen Gefängnissen, die natürlich zur Opposition überlaufen oder zumindest selber gegen Assad sind. Das war insofern ein kluger Schachzug als das es eine Unterstützung für die Opposition von außen wie in Libyen schwierig gemacht hat. Assad hat sich Zeit gekauft. Zum anderen hat Russland die Resolutionen im UN-Sicherheitsrat, anders als im Fall Libyen, blockiert. 2012 steigt der Iran in den Bürgerkrieg ein und hält das Regime mit Geld- und Waffenlieferungen sowie der Entsendung von Offizieren aufrecht. Die Golfstaaten und die Türkei sehen dabei nicht zu und unterstützen ihrerseits die Gegner Assads und finanzieren sunnitische Gruppen womit aus dem Bürgerkrieg ein Stellvertreterkrieg wird. 2013 kommen auch die USA auf Geheimdienstebene dazu. Ein direktes Eingreifen der USA nach den Giftgasangriffen im August wird wiederum durch die Vermittlung Russlands verhindert, wodurch Assad erneut mehr Zeit gewonnen hat. Seitdem wurde der Krieg in zunehmenden Maße auch auf die Ebene eines bipolaren Konfliktes gehoben, wie wir ihn aus dem kalten Krieg kennen.

nnz: Wie passt der IS da ins Bild?

Ronn Müller:Der IS tritt spätestens 2014 auf die Bildfläche und entsteht aus einem Streit innerhalb der Al-Qaida im Irak. Das ganze ist sehr eigenartig, insbesondere die große Bewegungsfreiheit des IS zu Beginn. Die konnten ohne Probleme tausende Kilometer marschieren und Mossul einnehmen. Wer genau da die Fäden gezogen hat ist schwer zu sagen, man hört zum Beispiel Geschichten der iranische Geheimdienst habe da seine Finger im Spiel gehabt, um über den IS-Extremismus den sunnitischen Islam zu diskreditieren.

nnz: Wie kann es sein das sich überhaupt Leute dem IS anschließen?

Ronn Müller: Das Personal des IS speist sich vor allem aus Extremisten aus aller Welt, zum Beispiel den desillusionierten sunnitischen Minderheiten des Irak. Der IS folgt der Ideologie des Kalifats mit einer endzeitlichen Komponente und verspricht seinen Anhängern eine bessere Welt. Elemente des Islam werden willkürlich herausgegriffen, um die Idee eines religiösen Staates auch über Gräueltaten zu legitimieren. Und man sollte auch nicht vergessen das der IS schlicht und einfach gut bezahlt. Terror ist am Ende ein Verteilungsproblem und das wird bestehen bleiben. Die Inkarnation des Problems trägt zur Zeit den Namen IS und steht ideologisch ganz weit rechts, weiter noch als Al-Qaida.

nnz: Das war viel, vielleicht kurz und knapp: Wer verfolgt welche Interessen in Syrien?

Ronn Müller: Wie gesagt, das ist ein komplexes Thema. Assad geht es um seinen Machterhalt. Die Kurden im Norden werden sich die Chance auf ihren eigenen Staat nicht nehmen lassen wollen, der Iran will seinen Einfluss bis in den Libanon hinein erhalten und ausbauen. Die arabischen Staaten und die Türkei wollen das verhindern, wobei es den Türken ebenfalls um die Ausweitung ihrer Einflusssphäre geht. Die Russen wollen ihre Marinebasis in Tartus nicht verlieren und gleichzeitig wieder als Weltmacht anerkannt werden. Die USA sehen sich noch immer in der Rolle des Weltpolizisten und kommen nicht aus ihrem „War on Terror“ heraus. Der IS will sein Kalifat und ist dabei für alle anderen zu einer Art „Joker“ geworden, mit dem sich der jeweils eigene Einsatz ohne viel Mühen legitimieren lässt. Und man darf auch nicht vergessen das Krieg immer ein gutes Geschäft ist. Kurzum, der Krieg wurde zuvor und wird auch jetzt immer wieder angeheizt.

nnz: Und Deutschland?

Ronn Müller: Ich glaube Deutschland würde am liebsten überhaupt nicht mitkämpfen. Bisher hat man als Vermittler im Nahen Osten immer einen guten Stand gehabt, auch weil man historisch beim Kolonialismus zu spät gekommen war. Allerdings würde man nach den Attentaten von Paris und der Bitte um Beistand aus Frankreich den Zusammenhalt der EU in Frage stellen, wenn man nicht mitzöge. Das europäische Konstrukt wiederum braucht man, wenn Deutschland sich als Mittelmacht etablieren will. Dieses Bestreben ist offensichtlich. Man muss nur einmal die Aussagen eines Bundespräsidenten Köhler und eines Bundespräsidenten Gauck und die jeweiligen Konsequenzen miteinander vergleichen.

nnz: Wie löst man den Syrienkonflikt?

Ronn Müller: Ganz ehrlich, ich sehe keine Lösung. Beseitige Hunger und Armut und hör auf Krieg zu führen, das würde vielleicht gehen. Es wäre auch gut wenn man die Fehler der Kolonialherren revidieren könnte. Syrien wird nie wieder so aussehen wie vorher. Vielleicht wird es ein alawitisches Kernland mit Assad an der Spitze, ein sunnitisches Syrien und einen kurdischen Norden geben. Aber zur Zeit ist man nicht in der Lage miteinander zu sprechen und solange „Große Männer“ ihre Sandkastenphantasien ausleben wird sich das auch nicht ändern.

nnz: Herr Müller, wir danken für das Gespräch.

Herr Müller wird morgen Abend um 18 Uhr im Hörsaal 2, Gebäude 19 an der Hochschule Nordhausen zu hören sein.
Autor: red

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