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Lichtblick

Ewigkeitssonntag - Jahresende

Freitag, 20. November 2015, 07:00 Uhr
An diesem Sonntag endet für Christen das Kirchenjahr mit dem Ewigkeitssonntag. Der im Volksmund zuweilen auch Totensonntag genannte Sonntag dient der Erinnerung der Toten. Viele Menschen gehen auf den Friedhof, gedenken ihrer Verstorbenen, schmücken das Grab und gestalten es winterfest. Das Kirchenjahr endet und wir halten inne. Auch Menschen, die keiner Kirche angehören und denen diese Tradition nicht vertraut ist. Auf dem Friedhof sind alle gleich...


Die Kirchenjahreszeit ist geprägt von Texten, die vom Ende sprechen – dem individuellen wie dem der Welt. Manch einer sieht dieses Ende jetzt gekommen und ist damit nicht allein. Denn schon häufig in der Geschichte wurde das Weltende nahe gesehen.

Thomas Müntzer und Martin Luther beispielsweise. Ihr Handeln und Ihre Entschlossenheit bis zur äußersten Konsequenz waren maßgeblich durch ihre Erwartung des Weltendes geprägt. Vielen ist Nostradamus als jemand bekannt, der das Ende berechnete. Im Jahre 2000 war jeder zweite in Deutschland ein „Endzeitapostel“, der Inkakalender war plötzlich in jedermanns Munde. Die Anhänger des IS reden auch von der Endzeit, von der Entscheidung von Gut und Böse. Natürlich sind sie gut und vertreten das Richtige und die Europäer/Amerikaner sind die Ausgeburt des Bösen. Das darf bekämpft werden, beschimpft, verbrannt, einen Kopf kürzer. Es sind ja „nur“ Ungläubige…

Auch jetzt sehen bei uns in Europa viele das Ende gekommen, das Ende des Abendlandes zum Beispiel. Sie geben ihren berechtigten und unberechtigten Ängsten Ausdruck, indem sie Menschen zuhören und nachlaufen, von denen sie glauben, dass sie stichhaltige Antworten haben. Doch zum Leben und zum Tod gehört die Ehrlichkeit dazu. Deshalb ist es nötig, dass wir diese „Antworten“ einmal bis zum Ende durchdenken.

Es wird z.B. vom bayrischen Ministerpräsidenten von Transitzonen gesprochen. Das bedeutet, dass sie dort, wo die Flüchtlinge nach Deutschland einreisen, also vornehmlich in Bayern errichtet werden müssten, für täglich tausende neue Flüchtlinge. Wie soll das gehen? Wo sollen die aufgebaut werden? Akif Pirinçci hat leider nur ausgesprochen, was manche einer denkt. Doch löste das das Problem? Erwiesen wir darin unsere (Mit)Menschlichkeit? Wohin haben diese Ideen geführt? Zur Entmenschlichung und letzten Endes zur Zerstörung Deutschlands. Nur siebzig Jahre später vergessen wir das und halten es für eine Lösung?

Ein weiterer Vorschlag lautet, einen Zaun zu bauen. Im Ernst, vor fünfundzwanzig Jahren haben wir eine Mauer niedergerissen um Freiheit zu erlangen und wollen nun wieder eine aufbauen? Doch konsequent zu Ende gedacht: wenn wir einen Zaun bauten, wie in Ungarn, von der Ostsee bis nach Süddeutschland. Neben den immensen Kosten, wäre dieser Zaun nur sinnvoll, wenn wir ihn bewachten – durchgängig, hunderte Kilometer.
Wenn dann Flüchtlinge zu tausenden diesen Zaun niederwalzten, wie verführen wir weiter? Wer dem Tod entrinnen will, hat keine Angst mehr, er wird solange kämpfen, bis er sich sicher wähnt. Was die Menschen in Paris an einem Tag erleben mussten, erleben viele der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak täglich und unausgesetzt. Wie müssen Sie diese Anschläge erleben. Vor ihnen in der Heimat geflohen und nun hier davon eingeholt.

Wenn also der Zaun niedergewalzt würde, erschießen wir dann die Grenzverletzer? Das passte dem IS hervorragend ins Konzept, denn dann wären wir wirklich die Bösen, gegen die sich die islamische Welt verbünden würde – unter Führung des IS. Wer ihnen zuhört, bemerkt genau dieses Kalkül und wir gehen ihnen womöglich „auf den Leim“.

Und noch eine Konsequenz. Wenn der Zaun bis nach Süddeutschland geht, werden die Flüchtlinge eben über die Schweiz und Frankreich kommen, bis wir uns völlig eingezäunt haben, vom Szenario der niedergewalzten Zäune mal ganz zu schweigen.

Die auf NPD-/ AfD- und Pegida-Demonstrationen angebotenen Antworten klingen plausibel, aber sie sind es nicht. Es sind hilflose, populistische und nicht zu Ende gedachte Antwortversuche. Wer sie zu Ende denkt, wird merken, dass er populistischen Gedanken hinterherrennt und sich letztendlich mit denen gemein macht, die in der Tradition derer stehen, die Deutschland schon einmal in den Ruin trieben. Macht sich das jeder Mitläufer wirklich bewusst? Schon heute ziehen ausländische Firmen Aufträge aus deutschen Firmen im Raum Dresden zurück, weil sie nicht bei Rassisten planen/entwickeln/produzieren lassen wollen. Damit gefährden die Demonstranten die eigenen Arbeitsplätze. Ist das jedem/jeder bewusst?

Der Tod gehört zum Leben, ohne ihn wird das Leben nicht erkennbar. Die Ehrlichkeit gehört auch dazu, wir können uns nur zeitweise etwas vormachen. Das Leben ist und bleibt kompliziert. Das macht es auch so wechselvoll und liebenswert. Es gilt die Herausforderungen ernst und an zu nehmen. Uns bleibt gar nichts anderes übrig. Deshalb gilt, dass wir nach tragfähigen Antworten suchen, nicht plumpen Behauptungen nachlaufen und Unmenschlichkeit mit salonfähig machen. Gerade hatte die Welt begonnen, die Deutschen nicht mehr als Bedrohung zu sehen, das war harte, Jahrzehnte lange Arbeit. Machen wir es nicht in Monaten kaputt, indem wir unsere berechtigten und unberechtigten Ängste auf andere projizieren und uns wieder an Schwächeren schuldig machen. Das war vor 82 Jahren nicht richtig und ist es auch heute nicht.
Der Ewigkeitssonntag ist ein Geschenk an uns. Wir können innehalten, Luft holen, unserer Verstorbenen gedenken und aus Ihren Fehlern lernen. Seien wir ehrlich zueinander, schätzen wir, das vom Tod begrenzte Leben und bewahren wir uns unsere Mitmenschlichkeit. Dann kann das neue Kirchenjahr mit dem 1. Advent gesegnet beginnen.
Superintendent K. Bálint

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Autor: red

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