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Alternativen zum Gipsabbau (3)

Dienstag, 17. November 2015, 09:44 Uhr
Die Gipsindustrie forciert politisch, verwaltungsrechtlich und über die Medien ihre Bemühungen zur Erschließung neuer Gipsabbaugebiete und im Südharz regt sich der Widerstand. In der nnz setzt sich Dr. Christian Marx von der Bürgerinitiative Gipskarst mit den Zahlen und Argumenten der Industrie auseinander. Im dritten Teil geht es um Prognosen in Sachen REA Gips...

Die Gipsindustrie forciert politisch, verwaltungsrechtlich und über die Medien ihre Bemühungen zur Erschließung neuer Gipsabbaugebiete. Die von Dr. Christian Marx recherchierte Serie setzt sich detailliert mit den verwendeten Argumenten auseinander und stellt diesen umfangreich recherchiertes Zahlenmaterial gegenüber, welche dem Leser einen kritischen Blick auf die Argumente der Industrie ermöglichen.

Teil 3 REA-Gips: Stimmen die Prognosen?


Die Gipsindustrie geht in den nächsten Jahren von rückläufigen Mengen an REA-Gips aus. Ursache dafür sei die Energiewende mit rückläufigen Mengen an fossilen Energieträgern wie Kohle. Demzufolge sei man zwingend auf neue Abbaugebiete und eine Kompensation durch zunehmende Verwendung von Naturgips angewiesen.
Die Firma CASEA verwendet nach eigenen Angaben zum Teil (ca. 20%) REA-Gips, die Firma Knauf verwendet ihn auch, jedoch meines Wissens kaum am Standort Rottleberode. Formula in Walkenried nach meinen Informationen gar nicht. Ggf. korrigiere man mich zu diesen Informationen.

Was ist REA-Gips?

REA-Gips fällt als Nebenprodukt bei der Entschwefelung von Rauchgasen der Kohleverbrennung an, er kann als industriell aus der Verbrennung von Kohle unter Hinzugabe von Kalkstein hergestellt werden. Die Kraftwerke sind rechtlich verpflichtet, Grenzwerte für Schadstoffemissionen in ihren Kohlekraftwerken einzuhalten. Hierzu dient die Rauchgasentschwefelung. Ein 700 MW Kraftwerk mit 40% Wirkungsgrad verbrennt pro Stunde 252 t Steinkohle, unter Hinzugabe von 8 t Kalkstein entstehen 13,8 t REA-Gips pro Stunde, welcher den Schwefel zu 90% bindet. Bei 1,5% Gewichtsanteil Schwefel pro t Steinkohle entstehen 0,03 t SO2 bei vollständiger Verbrennung von 1 t Steinkohle (3). Da der Schwefelanteil der Braunkohle noch höher ist, ist der Anteil REA-Gips, der aus Braunkohle gewonnen wird, noch höher.

Abbaugebiet im Südharz (Foto: Dr. Christian Marx) Abbaugebiet im Südharz (Foto: Dr. Christian Marx)

Laut Umweltbundesamt ist der Ausstoß von SO2-Äquivalenten durch die Energieindustrie seit 2004 bis 2011 ca. konstant (ca.460000-480000 t/ Jahr), der Anteil der Luftschadstoffe beträgt davon ca. 330000-340000 t/ Jahr (4). 2013 betrug der Anteil der Steinkohle am Energiemix 20%, es wurden 124 TWh/J Energie gewonnen. Seit 2009 ist der Anteil sogar wieder steigend. Bei Braunkohle beträgt der Anteil 25%, es sind (ebenfalls seit 2009 steigend) 162 TWh/J (5). Das bedeutet: zumindest momentan ist der Anteil der Kohle an der Energiegewinnung NICHT rückläufig. Das sieht man auch an den konstanten Zahlen der SO2-Emission durch die Energieindustrie. Die Energiewende führt paradoxerweise NICHT zu einem Rückgang der Kohlekraftwerke am Netz. Stattdessen sind weniger Gaskraftwerke am Netz. Diese grandiose Fehlplanung der „Energiewende“ ist dadurch begründet, dass Gaskraftwerke im Gegensatz zu Kohlekraftwerken dazu geeignet sind, schneller auf Laständerungen bei der Einspeisung erneuerbarer Energien zu reagieren. Ein Kohlekraftwerk kann man nicht so einfach mal eben herunterfahren.

In einer Publikation von Hassa, Vattenfall, nachlesbar auf auf Eurogypsum.org, wird die 2006 aus Steinkohle gewonnene Menge REA-Gips mit 1,92 Mio t beziffert, aus Braunkohle 5,57 Mio t, zusammen also über 7,5 Mio t. Die Prognose der Gipsindustrie für 2015 beläuft sich auf nur noch 5,1 Mio t, für 2020 auf 3,3 Mio t. (6) und ist damit deutlich rückläufig.

Die große Frage, die sich stellt, lautet:
Wie kann das sein, wenn
  • die Energiegewinnung aus Kohle noch konstant ist (seit 2009)?
  • die SO2 Emissionen konstant sind (2004-2011)?
Folgende Szenarien wären möglich:
1. Die Menge an REA-Gips ist tatsächlich rückläufig. In diesem Fall würde bei konstantem Verbrauch von Kohle zur Energiegewinnung offenbar weniger Rauchgas entschwefelt. Dann stimmten die gemeldeten oder errechneten SO2-Emissionen nicht.
2. Die Mengenangaben zum REA-Gips stimmen nicht, dann wäre also die Produktion von REA-Gips nicht rückläufig, da ja theoretisch eine konstante Menge Kohle entschwefelt werden muss und die SO2-Emissionen ja nicht steigen.
So liegen die tatsächlich produzierten Mengen REA-Gips von 2012 und 2013 bei 7,0 bzw. 7,1 Mio t / Jahr (Quelle: Rohstoffbericht 2013 bzw. 2014 der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) und liegen damit deutlich über den Prognosen der Gipsindustrie (2015: 5,1 Mio t). Derzeit ist also die REA-Gipsmenge noch konstant (wie auch der Kohleanteil am Energiemix). Das bedeutet möglicherweise, daß REA-Gips exportiert wird oder für andere Zwecke (z.B. für die Versiegelung von Kalihalden) verwendet, exportiert oder einfach deponiert wird. Zumindest stünde dann vielleicht der deutschen Gipsindustrie weniger REA-Gips zur Verfügung. Oder es wird eben mit falschen Zahlen argumentiert.

Natürlich ist in den nächsten Jahren damit zu rechnen, dass es zumindest in Deutschland tatsächlich zu rückläufigen Mengen an REA-Gips kommt. Letztlich gehen auch unabhängige Studien davon aus. Dennoch wird außer Acht gelassen, dass in den Nachbarländern Polen und Tschechien weiterhin auf Energiegewinnung aus Kohle gesetzt wird, was auch die Möglichkeit zum Import von REA-Gips beinhalten könnte. In Osteuropa ist durch die Erneuerung von Kraftwerken sogar mit einem Anstieg der REA-Gips-Menge zu rechnen (8).

Im Teil 4 soll daher auf einige Aspekte des Geschäftsmodells REA-Gips eingegangen werden.
(Fortsetzung folgt)
Autor: red

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