Reden und Rundgänge zum 9. November
Zeit sich zu erinnern
Montag, 09. November 2015, 20:34 Uhr
Treffen vor der Mittagszeit, eine bewegte Rede, Schweigeminute, Kranzniederlegung - so sahen bisher die meisten Gedenkveranstaltungen in Nordhausen aus und das seit Jahren. Heute jährte sich die Pogromnacht von 1938 zum 77. Mal und es sollte alles ein wenig anders werden. Die nnz hat das Geschehen begleitet...
Die Nacht des 9. November 1938: in Nordhausen brennt die Synagoge und die Schlägertrupps der Nazis ziehen durch die Stadt und hauen kaputt, was jüdisch ist. Die Feuerwehr rückt zur Synagoge aus, aber nur damit die Flammen nicht auf die Häuser der arischen Nachbarn übergreifen. Als der Morgen kommt ist das Gotteshaus nur noch eine rauchende Ruine, ein jeder der Augen hat zu sehen muss die verwüsteten Geschäfte bemerken, muss sich fragen was da los war in dieser Novembernacht. Die Reaktion der breiten Masse ist: schweigen.
Die Bilder gleichen sich im Rest des Landes - dem jüdischen Nachbarn zerschlägt man die Existenz und die "echten" Deutschen halten still. Für die Nationalsozialisten ist es der Startschuss noch härter gegen die Juden und all jene vorzugehen, die nicht in ihr Weltbild passen. Gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale und ander vermeintliche Volksverräter. Gegen Homosexuelle, gegen Behinderte, gegen Minderheiten - gegen alle die dem Ideal des reinen Deutschen Übermenschen nicht entsprechen.
77 Jahre ist das her und die Erinnerung daran verblasst. Der Tag er kommt, der Tag er geht und auf den Veranstaltungen, die an den Schrecken dieser einen Nacht erinnern sollen, sieht man ein ums andere Jahr dieselben Gesichter. Sie ist starr geworden unsere Erinnerung, eine blasse Ahnung, ein Ritual das abgespult werden kann, bevor es mit dem Alltag weiter geht.
In Nordhausen kann man das seit geraumer Zeit beobachten und auch diejenigen, denen ehrliches Gedenken am Herzen liegt, wissen um das Problem. Deswegen sollte diesen 9. November einiges anders gemacht werden. Erste und durchaus positive Erfahrungen mit anderen Formen des Gedenkens hatte man schon im Frühjahr machen können, als sich Zerstörung und Befreiung zum 70. mal jährten.
Das die Erinnerung immer mehr verblasst, liegt wie so häufig beklagt, daran das diejenigen, die den Nationalsozialismus noch erlebt haben, immer weniger werden. Was bleibt sind Objekte, Artefakte und markante Orte die eine Verbindung mit der Vergangenheit herstellen können und um die sollte es dieser Tage gehen.
Schon gestern wurde eine Führung über den jüdischen Friedhof angeboten, der das Dritte Reich und den Krieg wie durch ein Wunder überstanden hat und bis heute im Dornröschenschlaf liegt. Heute ging es nun um das, was nicht mehr oder kaum noch sichtbar ist.
Da war zum einen der Verein "Gegen Vergessen Für Demokratie", der zum Stadtrundgang "Jüdisches Leben in Nordhausen" geladen hatte. Dr. Cornelia Klose führte durch die Innenstadt, zeigte verlorene Orte und verwaschene Hinweise auf die jüdischen Mitbürger der Stadt und sprach über Leben und Schicksal der Nordhäuser Juden.
Mit der Zeit verschwimmt die Erinnerung - mit anderen Formen des Gedenkens soll sie wachgehalten werden (Foto: Angelo Glashagel)
An anderer Stelle war man unterwegs um Mahnmale wieder sichtbar zu machen: die Stolpersteine wurden mit Blumen geschmückt. Alle 25 der kleinen ins Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine für verschiedene Opfer der alten Nazis bekamen je eine weiße Rose. Und für das Frühjahr will man noch einen Schritt weiter gehen. Da einige der Steine vom umgebenden Pflaster kaum noch zu unterscheiden sind, will man dann so es das Wetter zulässt eine Paten- und Putzaktion starten.
Ein Anfang wurde heute schon gemacht: Rüdiger Neitzke brachte einen der beiden Stolpersteine vor dem Denkmal für die Nordhäuser Synagoge wieder zum leuchten.
Es ist ein symbolischer Akt für die allgemeine Auffrischung der Gedenkkultur. Die Frage nach der Schuld steht schon lange nicht mehr im Zentrum, das betonte Hannelore Haase auch in der traditionellen Rede vor dem Synagogendenkmal. Vielmehr muss es heute darum gehen daran zu erinnern zu welchen Grausamkeiten nicht nur dieses Volk sondern der Mensch als solcher fähig ist. Es muss darum gehen daran zu erinnern wie Hetze, Propaganda, Ideologie und Verbrechen Hand in Hand gingen und gehen können mit Desinteresse, Schweigen, Wegsehen und nicht-wahr-haben-wollen. Oder auch mit klarer Zustimmung.
Gedenkveranstaltungen in Nordhausen am 9. November 2015 (Foto: Angelo Glashagel)
Was bleibt also von diesem 9. November? So ganz hat das Neue und Andere an diesem Gedenktag noch nicht verfangen. Die Führung zum jüdischen Leben war gut besucht, die Jugendlichen aber die eigentlich beim putzen und Rosen verlegen hätten helfen sollen, kamen leider nicht. Auf der zentralen Gedenkveranstaltung sah man wieder die alten Gesichter, aber auch ein paar neue. Immerhin 70 Menschen waren vor das Denkmal für die Nordhäuser Synagoge gekommen um Blumen, Kränze und Steine mit den Namen der jüdischen Opfer niederzulegen.
Der Anfang, den man in Sachen Gedenkkultur in diesem Jahr schon seit April gemacht hat, war ein guter. Auch wenn man sich mehr Aufmerksamkeit, mehr Interesse wünschen könnte - es passiert etwas, der Staub der Routine wird langsam weggewischt. Und das ist nötig und wichtig, wenn man die Erinnerung wach halten will.
Auch all den Unkenrufen zum Trotz, die fordern dass es doch jetzt endlich einmal genug sei mit der Erinnerung an jene Jahre, das man genug gesühnt habe. Und das hat man auch, die Schuld lastet nicht auf unseren Schultern. Der Grund warum wir das Erinnern dennoch nicht verlernen dürfen ist aber ein anderer, ganz einfacher: die Geschichte mag sich weiter drehen und uns immer weiter forttragen vom Schrecken dieser Zeit. Der Mensch aber, mit all seinem Glanz und all seinem Makel, bleibt Mensch. Egal ob 1938 oder 2015.
Angelo Glashagel
Autor: redDie Nacht des 9. November 1938: in Nordhausen brennt die Synagoge und die Schlägertrupps der Nazis ziehen durch die Stadt und hauen kaputt, was jüdisch ist. Die Feuerwehr rückt zur Synagoge aus, aber nur damit die Flammen nicht auf die Häuser der arischen Nachbarn übergreifen. Als der Morgen kommt ist das Gotteshaus nur noch eine rauchende Ruine, ein jeder der Augen hat zu sehen muss die verwüsteten Geschäfte bemerken, muss sich fragen was da los war in dieser Novembernacht. Die Reaktion der breiten Masse ist: schweigen.
Die Bilder gleichen sich im Rest des Landes - dem jüdischen Nachbarn zerschlägt man die Existenz und die "echten" Deutschen halten still. Für die Nationalsozialisten ist es der Startschuss noch härter gegen die Juden und all jene vorzugehen, die nicht in ihr Weltbild passen. Gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale und ander vermeintliche Volksverräter. Gegen Homosexuelle, gegen Behinderte, gegen Minderheiten - gegen alle die dem Ideal des reinen Deutschen Übermenschen nicht entsprechen.
77 Jahre ist das her und die Erinnerung daran verblasst. Der Tag er kommt, der Tag er geht und auf den Veranstaltungen, die an den Schrecken dieser einen Nacht erinnern sollen, sieht man ein ums andere Jahr dieselben Gesichter. Sie ist starr geworden unsere Erinnerung, eine blasse Ahnung, ein Ritual das abgespult werden kann, bevor es mit dem Alltag weiter geht.
In Nordhausen kann man das seit geraumer Zeit beobachten und auch diejenigen, denen ehrliches Gedenken am Herzen liegt, wissen um das Problem. Deswegen sollte diesen 9. November einiges anders gemacht werden. Erste und durchaus positive Erfahrungen mit anderen Formen des Gedenkens hatte man schon im Frühjahr machen können, als sich Zerstörung und Befreiung zum 70. mal jährten.
Das die Erinnerung immer mehr verblasst, liegt wie so häufig beklagt, daran das diejenigen, die den Nationalsozialismus noch erlebt haben, immer weniger werden. Was bleibt sind Objekte, Artefakte und markante Orte die eine Verbindung mit der Vergangenheit herstellen können und um die sollte es dieser Tage gehen.
Schon gestern wurde eine Führung über den jüdischen Friedhof angeboten, der das Dritte Reich und den Krieg wie durch ein Wunder überstanden hat und bis heute im Dornröschenschlaf liegt. Heute ging es nun um das, was nicht mehr oder kaum noch sichtbar ist.
Da war zum einen der Verein "Gegen Vergessen Für Demokratie", der zum Stadtrundgang "Jüdisches Leben in Nordhausen" geladen hatte. Dr. Cornelia Klose führte durch die Innenstadt, zeigte verlorene Orte und verwaschene Hinweise auf die jüdischen Mitbürger der Stadt und sprach über Leben und Schicksal der Nordhäuser Juden.
Mit der Zeit verschwimmt die Erinnerung - mit anderen Formen des Gedenkens soll sie wachgehalten werden (Foto: Angelo Glashagel)
An anderer Stelle war man unterwegs um Mahnmale wieder sichtbar zu machen: die Stolpersteine wurden mit Blumen geschmückt. Alle 25 der kleinen ins Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine für verschiedene Opfer der alten Nazis bekamen je eine weiße Rose. Und für das Frühjahr will man noch einen Schritt weiter gehen. Da einige der Steine vom umgebenden Pflaster kaum noch zu unterscheiden sind, will man dann so es das Wetter zulässt eine Paten- und Putzaktion starten.
Ein Anfang wurde heute schon gemacht: Rüdiger Neitzke brachte einen der beiden Stolpersteine vor dem Denkmal für die Nordhäuser Synagoge wieder zum leuchten.
Es ist ein symbolischer Akt für die allgemeine Auffrischung der Gedenkkultur. Die Frage nach der Schuld steht schon lange nicht mehr im Zentrum, das betonte Hannelore Haase auch in der traditionellen Rede vor dem Synagogendenkmal. Vielmehr muss es heute darum gehen daran zu erinnern zu welchen Grausamkeiten nicht nur dieses Volk sondern der Mensch als solcher fähig ist. Es muss darum gehen daran zu erinnern wie Hetze, Propaganda, Ideologie und Verbrechen Hand in Hand gingen und gehen können mit Desinteresse, Schweigen, Wegsehen und nicht-wahr-haben-wollen. Oder auch mit klarer Zustimmung.
Gedenkveranstaltungen in Nordhausen am 9. November 2015 (Foto: Angelo Glashagel)
Was bleibt also von diesem 9. November? So ganz hat das Neue und Andere an diesem Gedenktag noch nicht verfangen. Die Führung zum jüdischen Leben war gut besucht, die Jugendlichen aber die eigentlich beim putzen und Rosen verlegen hätten helfen sollen, kamen leider nicht. Auf der zentralen Gedenkveranstaltung sah man wieder die alten Gesichter, aber auch ein paar neue. Immerhin 70 Menschen waren vor das Denkmal für die Nordhäuser Synagoge gekommen um Blumen, Kränze und Steine mit den Namen der jüdischen Opfer niederzulegen. Der Anfang, den man in Sachen Gedenkkultur in diesem Jahr schon seit April gemacht hat, war ein guter. Auch wenn man sich mehr Aufmerksamkeit, mehr Interesse wünschen könnte - es passiert etwas, der Staub der Routine wird langsam weggewischt. Und das ist nötig und wichtig, wenn man die Erinnerung wach halten will.
Auch all den Unkenrufen zum Trotz, die fordern dass es doch jetzt endlich einmal genug sei mit der Erinnerung an jene Jahre, das man genug gesühnt habe. Und das hat man auch, die Schuld lastet nicht auf unseren Schultern. Der Grund warum wir das Erinnern dennoch nicht verlernen dürfen ist aber ein anderer, ganz einfacher: die Geschichte mag sich weiter drehen und uns immer weiter forttragen vom Schrecken dieser Zeit. Der Mensch aber, mit all seinem Glanz und all seinem Makel, bleibt Mensch. Egal ob 1938 oder 2015.
Angelo Glashagel

