Nachgehakt
Flüchtlinge verlangten Antworten
Dienstag, 03. November 2015, 18:28 Uhr
Manchmal ist auch die nnz nicht vor Ort, wenn etwas passiert. So geschehen gestern Nachmittag, als vor dem Landratsamt eine größere Gruppe Flüchtlinge auftauchte und nach Antworten verlangte. Inzwischen hat das Landratsamt eine Erklärung herausgegeben, die nnz hat aber noch einmal nachgehakt, was da eigentlich los war...
Zwischen 30 und 40 Asylbewerber, vornehmlich junge Männer, hatten sich gestern vor dem Landratsamt versammelt und verlangten nach Antworten. Die Fragen verstand im Landratsamt zunächst aber mal keiner: auf der einen Seite wird noch kein Deutsch gesprochen und auf der anderen Seite gibt es nur sehr wenige, die Arabisch können. Das Initialproblem des gestrigen Nachmittages war in dieser Hinsicht eines der (vielen) Grundprobleme, mit denen man derzeit landauf, landab zu kämpfen hat.
In Nordhausen wollten die Männer zunächst vor allem wissen, warum sie noch keine Termine in Hermsdorf bekommen hätten. Dort betreibt das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge seine einzige Außenstelle in Thüringen und nur hier kann das Asylverfahren in Gang gebracht werden. Was die Flüchtlinge bis gestern nicht wussten: das Landratsamt ist dabei lediglich der Aktenverwalter und hat auf die Terminvergabe keinen Einfluss. Auch das man den Familien bei der Wohnungsvergabe Vorrang gibt und schlicht nicht genug Wohnraum für alle vorhanden ist, musste man den Flüchtlingen erst einmal deutlich machen.
An die ersten Fragen schlossen sich weitere an, Alltagsprobleme in der Massennotunterkunft wurden zur Sprache gebracht. Am Ende redete die erste Beigeordnete des Landkreises Jutta Krauth fast zwei Stunden mit den Asylbewerbern. Sicherheitshalber hatte man von Seiten des Landratsamtes auch die Polizei hinzugerufen, es sei aber friedlich geblieben. "Die waren alle sehr höflich und zuvorkommend aber eben auch entrüstet", beschrieb Jutta Krauth die Situation gegenüber der nnz. Es gebe Probleme, da müsse man nichts beschönigen. Ihr selber wäre es lieber, der Landkreis müsste keine große Einrichtung wie die im Bildungswerk Bau betreiben, da man hier immer damit rechnen müsse, das Probleme entstehen können.
Moniert wurde von Seiten der Asylbewerber laut Krauth zum einen das Essen. Das organisiert der Landkreis über einen Caterer und hier lässt sich theoretisch eine einfache Lösung finden, wenn man denn miteinander reden kann: mehr Gemüse, weniger Fleisch. Um mehr geht es nicht. "Unterschiedliche kulturelle Voraussetzungen" wie diese wären in dezentraler Unterbringung nicht von Bedeutung, da gelte die Selbstversorgung, sagt Krauth, nur gibt es am BiW keine Küche. Ein weiteres Problem, von dem man erst durch das Gespräch erfahren habe, war die Warmwasserversorgung. Der einzige Boiler des Hauses reiche nicht aus, hier und auch an anderer Stelle wolle man nachbessern, so Krauth und hat das nach gestern anscheinend auch bereits in Angriff genommen. Die Probleme reichen aber wohl tiefer, als man das im Landratsamt bisher eingestehen will.
Zumindest wurde der nnz aus dem Umfeld der Einrichtung noch von ganz anderen Problemen berichtet. Auf die mangelhafte Warmwasserversorgung hätten die Flüchtlinge schon vor gut 10 Tagen aufmerksam gemacht. Zudem sei eine der Toiletten gesperrt gewesen, die erst seit heute für die Frauen in der Einrichtung wieder zugänglich ist. Eine Internetverbindung und damit einen Draht in die Heimat gibt es zwar, die würde aber ab 22 Uhr abgestellt, damit die Flüchtlinge, allesamt erwachsene Menschen, auch zu Bett gingen. Termine würden nicht an die Bewohner weitergegeben und auf Misstände würde trotz mehrfacher Bitten teilweise über Wochen nicht reagiert - die Kritik richtet sich dabei nicht so sehr an das Landratsamt, sondern vielmehr an den Betreiber der Einrichtung, die Johanniter. In den Erklärungen des Landratsamtes ist davon nichts zu lesen. Hält man hier die Hand schützend über den Betreiber und steckt die Kritik lieber selber ein?
Es würde zur Situation passen: an fähigem Personal und an Institutionen, die eine Aufgabe wie diese überhaupt übernehmen können, herrscht eklatanter Mangel.
Das ist noch so ein Grundproblem, das man nicht allein in Nordhausen haben wird und das aus einer schwierigen Situation eine Krise werden lässt. Das Personal fehlt, die sprachliche Barriere führt zu Missverständnissen und der schlichte Fakt, das kaum jemand Erfahrung mit dieser oder auch nur ähnlichen Situationen hat, tut sein übriges. "Wir fangen alle gerade erst an", sagte Jutta Krauth. Das gilt sowohl für die Flüchtlinge, deren Vorstellungen von Deutschland oft nicht mit der Realität übereinstimmen, wie auch für die Verwaltungen, die gezwungen sind, sich auf unbekanntem Terrain zu bewegen und auch die breite Masse der Bevölkerung, die sich mit dem rapiden Wandel der Situation schwer tut.
Letztlich brauchen alle vor allem eines: mehr Zeit. Mehr Zeit sich darüber klar zu werden was es heißt in Deutschland zu leben, mehr Zeit sich auf die Neuankömmlinge vorzubereiten und Personal zu gewinnen und mehr Zeit sich im Alltag der Flüchtlingskrise zurechtzufinden.
Angelo Glashagel
Autor: redZwischen 30 und 40 Asylbewerber, vornehmlich junge Männer, hatten sich gestern vor dem Landratsamt versammelt und verlangten nach Antworten. Die Fragen verstand im Landratsamt zunächst aber mal keiner: auf der einen Seite wird noch kein Deutsch gesprochen und auf der anderen Seite gibt es nur sehr wenige, die Arabisch können. Das Initialproblem des gestrigen Nachmittages war in dieser Hinsicht eines der (vielen) Grundprobleme, mit denen man derzeit landauf, landab zu kämpfen hat.
In Nordhausen wollten die Männer zunächst vor allem wissen, warum sie noch keine Termine in Hermsdorf bekommen hätten. Dort betreibt das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge seine einzige Außenstelle in Thüringen und nur hier kann das Asylverfahren in Gang gebracht werden. Was die Flüchtlinge bis gestern nicht wussten: das Landratsamt ist dabei lediglich der Aktenverwalter und hat auf die Terminvergabe keinen Einfluss. Auch das man den Familien bei der Wohnungsvergabe Vorrang gibt und schlicht nicht genug Wohnraum für alle vorhanden ist, musste man den Flüchtlingen erst einmal deutlich machen.
An die ersten Fragen schlossen sich weitere an, Alltagsprobleme in der Massennotunterkunft wurden zur Sprache gebracht. Am Ende redete die erste Beigeordnete des Landkreises Jutta Krauth fast zwei Stunden mit den Asylbewerbern. Sicherheitshalber hatte man von Seiten des Landratsamtes auch die Polizei hinzugerufen, es sei aber friedlich geblieben. "Die waren alle sehr höflich und zuvorkommend aber eben auch entrüstet", beschrieb Jutta Krauth die Situation gegenüber der nnz. Es gebe Probleme, da müsse man nichts beschönigen. Ihr selber wäre es lieber, der Landkreis müsste keine große Einrichtung wie die im Bildungswerk Bau betreiben, da man hier immer damit rechnen müsse, das Probleme entstehen können.
Moniert wurde von Seiten der Asylbewerber laut Krauth zum einen das Essen. Das organisiert der Landkreis über einen Caterer und hier lässt sich theoretisch eine einfache Lösung finden, wenn man denn miteinander reden kann: mehr Gemüse, weniger Fleisch. Um mehr geht es nicht. "Unterschiedliche kulturelle Voraussetzungen" wie diese wären in dezentraler Unterbringung nicht von Bedeutung, da gelte die Selbstversorgung, sagt Krauth, nur gibt es am BiW keine Küche. Ein weiteres Problem, von dem man erst durch das Gespräch erfahren habe, war die Warmwasserversorgung. Der einzige Boiler des Hauses reiche nicht aus, hier und auch an anderer Stelle wolle man nachbessern, so Krauth und hat das nach gestern anscheinend auch bereits in Angriff genommen. Die Probleme reichen aber wohl tiefer, als man das im Landratsamt bisher eingestehen will.
Zumindest wurde der nnz aus dem Umfeld der Einrichtung noch von ganz anderen Problemen berichtet. Auf die mangelhafte Warmwasserversorgung hätten die Flüchtlinge schon vor gut 10 Tagen aufmerksam gemacht. Zudem sei eine der Toiletten gesperrt gewesen, die erst seit heute für die Frauen in der Einrichtung wieder zugänglich ist. Eine Internetverbindung und damit einen Draht in die Heimat gibt es zwar, die würde aber ab 22 Uhr abgestellt, damit die Flüchtlinge, allesamt erwachsene Menschen, auch zu Bett gingen. Termine würden nicht an die Bewohner weitergegeben und auf Misstände würde trotz mehrfacher Bitten teilweise über Wochen nicht reagiert - die Kritik richtet sich dabei nicht so sehr an das Landratsamt, sondern vielmehr an den Betreiber der Einrichtung, die Johanniter. In den Erklärungen des Landratsamtes ist davon nichts zu lesen. Hält man hier die Hand schützend über den Betreiber und steckt die Kritik lieber selber ein?
Es würde zur Situation passen: an fähigem Personal und an Institutionen, die eine Aufgabe wie diese überhaupt übernehmen können, herrscht eklatanter Mangel.
Das ist noch so ein Grundproblem, das man nicht allein in Nordhausen haben wird und das aus einer schwierigen Situation eine Krise werden lässt. Das Personal fehlt, die sprachliche Barriere führt zu Missverständnissen und der schlichte Fakt, das kaum jemand Erfahrung mit dieser oder auch nur ähnlichen Situationen hat, tut sein übriges. "Wir fangen alle gerade erst an", sagte Jutta Krauth. Das gilt sowohl für die Flüchtlinge, deren Vorstellungen von Deutschland oft nicht mit der Realität übereinstimmen, wie auch für die Verwaltungen, die gezwungen sind, sich auf unbekanntem Terrain zu bewegen und auch die breite Masse der Bevölkerung, die sich mit dem rapiden Wandel der Situation schwer tut.
Letztlich brauchen alle vor allem eines: mehr Zeit. Mehr Zeit sich darüber klar zu werden was es heißt in Deutschland zu leben, mehr Zeit sich auf die Neuankömmlinge vorzubereiten und Personal zu gewinnen und mehr Zeit sich im Alltag der Flüchtlingskrise zurechtzufinden.
Angelo Glashagel

