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Von besorgten Bürgern, PEGIDA und Nazis…

Samstag, 24. Oktober 2015, 16:08 Uhr
In die aktuelle Diskussion zur Flüchltingssituation mischt sich jetzt ein Leser der nnz ein...

„ich bin kein nazi
Trotzdem werde auch ich auf diese Kundgebung gehen....
Wir müssen unsere Kinder beschützen....
Und ich bin NICHT dumm wie der eine hier behauptet. Bodenlose frechheit...
Es gibt hier keine gesunde mittelschicht mehr entweder man ist nazi oder linker...... Furchtbar.....
Ist es rechts wenn wir unsere Kinder beschützen wollen???"


Derjenige, der das in einem Kommentar der nnz geschrieben hat, bittet um Diskussion und Antwort dieser Fragen. Das möchte ich mit diesem Artikel gern tun, denn in diesen Sätzen offenbaren sich gleich mehrere Dilemmas in dieser aufgeheizten Zeit.

Die PEGIDA-Bewegung war anfangs hauptsächlich ein Sammelbecken für viele, die sich von der Politik nicht mehr beachtet fühlen, aus den verschiedensten Gründen Unzufriedene, Nichtwähler. Daher gab und gibt es unter den Sympathisanten ein Sammelsurium an (vorsichtig formuliert) einfachen Meinungen und Lösungsvorschlägen zu schwierigen und vielschichtigen Problemen.

Vorab: Natürlich sind diejenigen, die sich Sorgen machen, unzufrieden sind, sich von der Politik alleingelassen fühlen, KEINE Nazis. Das ist falsch, und diesen Vorwurf müssen sich ALLE gefallen lassen, die den Begriff „Nazi“ so unreflektiert und inflationär verwenden, seien es „das Bündnis gegen Rechtsextremismus“ oder die sogenannten etablierten Parteien. Denn er verharmlost und relativiert damit das, was die tatsächlichen Nazis im Dritten Reich angerichtet haben.

Die Verbrechen im Nationalsozialismus stehen für sich. Aber deshalb muss man um so besorgter sein, wenn wieder Hakenkreuzschmierereien auftauchen. Und das wiederum kann man daher auch nicht mit den Schmierereien der „Linken“ vergleichen…

Wenn sich die Menschen jetzt Sorgen machen wegen der vielen Flüchtlinge, dann ist das absolut berechtigt. Es ist auch absolut berechtigt von Asylchaos zu sprechen und einem Versagen der Politik, für die das Thema Asyl oder Integration jahrelang nur ein Verliererthema war, mit dem man keine Wählerstimmen holen konnte. Deswegen blieb es einfach liegen. Es gibt in Deutschland über unsere Gesellschaft tatsächlich einiges zu diskutieren. Natürlich auch über falsch verstandene Toleranz, Parallelgesellschaften usw.. Jahrelang wurden diese Themen vernachlässigt, die Politik muss hier ihre Hausaufgaben machen.

ABER: Wir müssen auch über unsere Werte diskutieren. Was sind denn unsere Werte? Konsum? Werbung? Massenverblödung im Fernsehen, in sozialen Medien? Und mit diesen "Werten" beglücken wir "Abendländer" den Rest der Welt, seit langem übrigens auch das "Morgenland". Wie wir in Europa leben, flimmert über den Fernseher in Afrika in die armseeligste Hütte. Die Waffen, die wir heute exportieren, schaffen morgen die nächsten Flüchtlinge. Deutschland hat Milliarden für Bankenrettungen übrig aber kein Geld für Entwicklungshilfe. Die Flüchtlinge sind da und es werden noch mehr werden.

Wir müssen daher über Integration reden. Natürlich muss es politische und strukturelle Rahmenbedingungen für Integration geben. Aber Integration bedeutet eigentlich „integrieren“ –eingliedern- in die eigenen Reihen aufnehmen: es ist eine Aufgabe für jede Kommune, jede Gemeinschaft und damit für jeden einzelnen von uns, der sich diese Fragen stellen muss: Wie stehe ich dem Menschen, der aus Syrien, Afrika oder sonst wo herkommt, gegenüber, wie verhalte ICH mich?

Was ist mit dem kleinen, dem alltäglichen Rassismus in unserer Mitte? Dem Wissen? Den Vorurteilen? Was zu der Frage führt: woher nehmen wir unsere Informationen? Wir schimpfen über „gesteuerte“ Massenmedien und geschönte Berichterstattung. Und glauben jedes teilweise gezielt über die sozialen Medien gestreute Gerücht oder aufgebauschte Informationen…
Dies führt dazu von vorneherein anzunehmen, die Menschen, die hierher kommen, seien eine Bedrohung: „Wir müssen unsere Kinder vor den Asylanten schützen“.

Das ist falsch.

Wer meldet denn die Demonstrationen der „Besorgten Bürger“ an? Wer streut Informationen? Wer verteilt Handzettel nach Bürgerversammlungen? Schauen Sie einfach in den Sozialen Medien nach, wer sich bei PEGIDA, THÜGIDA, Volksbewegung Nordthüringen, und wie sie alle heißen, so tummelt. Wer da was postet, wer da was gut findet, wer welche Symbole benutzt. Sie werden schnell feststellen, dass es tatsächlich zahlreiche Rechtsextremisten sind, unter Ihnen auch Neo-Nazis.

Ein besorgter Bürger ist kein Nazi. Aber wenn er auf Kundgebungen einfache Lösungen zu schwierigen und vielschichtigen Problemen sucht, wird er anfällig für diejenigen, die glauben sie anbieten zu können. Unter ihnen sind Extremisten und Neo-Nazis. Und darin liegt die Gefahr. Man sollte die Dynamik und die Radikalisierung, die davon ausgeht, nicht unterschätzen. Die Hakenkreuzschmierereien sollten ein Warnzeichen sein. Brandsätze sind schon geflogen. Müssen erst Menschen sterben? Wer möchte Teil einer Menge sein, aus der heraus ein Brandsatz fliegt, der einen Menschen tötet (und sei es den Kumpel von der Freiwilligen Feuerwehr, der ausrückt um ihn zu löschen)…

Der Beste „Schutz“ vor (potentiell kriminellen) Asylbewerbern und Flüchtlingen ist, sie menschenwürdig zu behandeln, auf sie zuzugehen, die eigene Unsicherheit zwischen den Kulturen zu überbrücken und ihnen zu zeigen, was unsere Werte sind. Jemand, dem ich Hilfe anbiete, muss vielleicht nicht klauen. Schauen Sie mal nach Sülzhayn, wie bravourös die Einwohner das trotz der anfänglichen Sorgen bisher gemeistert haben. Und jeder, der bisher geholfen hat, wird es bestätigen: Helfen macht auch Spaß und ist gut für das Selbstwertgefühl.

Mehr noch: In den Dörfern könnte wahre Integration gelingen. Für die Dörfer, wo Bedarfszuweisungen und Infrastruktur (auch der Erhalt von Schulen) zukünftig mehr denn je von Einwohnerzahlen abhängt, stellt dies sogar eine Chance dar. Der beste „Schutz“ ist auch, sich nicht von Extremisten unbewusst vereinnahmen zu lassen: Der Angst vor Brandsätzen im eigenen Ort widersetzt man sich am besten, indem man sich den einfachen Lösungsvorschlägen von Extremisten widersetzt.

Vielleicht ja ein paar Denkanstösse. Alle mal einen Schritt zurücktreten, innehalten und nachdenken, den Ball flach halten…
Dr. C. Marx
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Autor: red

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