nnz-online
das KZ System im letzten Kriegsjahr

Ordnung und Inferno

Samstag, 10. Oktober 2015, 12:12 Uhr
Die Schlussphase der nationalsozialistischen Konzentrationslager gilt als eine Phase, die durch Desorganisation, Chaos und Willkür geprägt gewesen ist. Der Historiker Stefan Hördler, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau Dora, stellt diesen Ansatz in seinem neu erschienenen Buch in Frage: Er zeigt, dass ab März 1944 eine umfassende Neuordnung des KZ-Systems einsetzte...

Das letzte Kriegsjahr stelle vielmehr eine eigenständige Phase in der Geschichte der Lager dar.

Stefan Hördler in Stralsund geboren, studierte Geschichte und Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und promovierte dort im Jahr 2012 mit dieser Arbeit. Für seine Studie erhielt er im Jahr 2013 mit dem Tiburtius Preis – Preis der Berliner Hochschulen. Seit Februar 2015 ist er Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora.

Diese Phase war durch zwei Merkmale geprägt: eine umfängliche Reorganisation des KZ-Systems sowie die systematische Ermordung von Häftlingen. Beide Besonderheiten bilden die inhaltliche Klammer dieser Studie und werden vom ihm mit den Begriffen Ordnung und Inferno gekennzeichnet.

Ab 1944 verfolgte das NS-Regime zwei Ziele: Das Lagersystem sollte stabilisiert und die Arbeitskraft der KZ-Häftlinge für die deutsche Kriegswirtschaft nutzbar gemacht werden. Zur Analyse beider Dimensionen greift Stefan Hördler auf den Begriff der Rationalisierung zurück. Darunter können sowohl die Massenmorde als auch die „Auslese“ der arbeitsfähigen Häftlinge zusammengefasst werden.

Dr. Stefan Hördler befasst sich in seinem neuem Buch mit dem KZ System im letzten Kriegsjahr (Foto: Angelo Glashagel) Dr. Stefan Hördler befasst sich in seinem neuem Buch mit dem KZ System im letzten Kriegsjahr (Foto: Angelo Glashagel) Die SS schuf Hunderte KZ-Außenlager und begann, Rüstungsfabriken zu verlegen – zum Teil unter die Erde, so wie im Südharz, wo Tausende Häftlinge unter mörderischen Bedingungen Stollen in die Erde treiben mussten. Die bisherigen Hauptlager verloren unterdessen sukzessive an Bedeutung. Stellvertretend für diese Entwicklung steht die Erhebung des Buchenwalder Außenlagerkomplexes um Dora und Ellrich zum eigenständigen KZ Mittelbau im Oktober 1944.

Merkmale der letzten Kriegsmonate waren neben der Explosion des Lagergefüges vor allem organisierte Massentötungen mittels Vergasungen, Erschießungen und Vergiftungen sowie die Vernichtung durch Unterlassung.
Das KZ-System aufrechtzuerhalten war im Jahr 1944 zu einem mörderischen Selbstzweck geworden. Die SS versuchte, die Lage zu stabilisieren, indem sie die Internierten räumlich nach Krankheits- und Arbeitsfähigkeitsgrad sortierte. Wer noch als "brauchbar" angesehen wurde, blieb am Leben; wen das SS-Personal als "unbrauchbar" einstufte, wurde ermordet. Oder die SS ließ sie in isolierten „Todeszonen“ wie beispielsweise in der Nordhäuser Boelcke-Kaserne sterben.

Der Autor zeigt auf, dass das Inferno von 1944 und 1945, als das Mordgeschehen in den Lagern seinen letzten Höhepunkt erreichte, keine Folge überstürzten Handelns war. Es wurde bewusst in Kauf genommen.
Die Organisation der Vernichtung in den Jahren 1944/45 und ihre Akteure sind hierbei für ihn von herausragendem Interesse, da sie Rückschlüsse auf die Gesamtzusammenhänge der Lagersystematik in dieser Zeit erlauben. Dabei setzt er den Fokus auf das Lagerpersonal, deren Netzwerke, Funktionsgruppen und rationale Merkmale.

Damit leistet Stefan Hördler einen wichtigen Beitrag zur Täterforschung. Interessant für die Nordhäuser Leserschaft dürfte hierbei beispielsweise die Karriere des Nordhäuser SS-Führers Markus Habben innerhalb der Konzentrationslager-SS sein. Aber auch zu den SS-Tätern aus dem KZ Mittelbau-Dora liefert diese Studie neue Erkenntnisse. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Tatsache, dass sich im KZ Mittelbau nach der Räumung von Auschwitz ab Februar 1945 eines der Zentren der Auschwitzer SS-Lagerführung formierte. Das Buch ist im Buchhaus Rose und im Buchshop der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora erhältlich.
Nordhäuser Leser
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de