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Ehrenamtsgala zum Jubiläum

Gegenwart und Vergangenheit

Freitag, 02. Oktober 2015, 23:15 Uhr
Das in Nordhausen am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit das ehrenamtliche Engagement der Menschen im Landkreis geehrt wird hat inzwischen Tradition. Dieses Jahr aber steht auch ein großes Jubiläum an. Und so ehrte man nicht nur die Helfer dieser Tage, sondern auch die Recken vergangener Jahre...

Ehrenamtsgala und Feierstunde zum 25jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution (Foto: Angelo Glashagel) Ehrenamtsgala und Feierstunde zum 25jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution (Foto: Angelo Glashagel)

25 Jahre Deutsche Einheit. Ein guter Zeitpunkt einmal Bilanz zu ziehen und ein guter Grund zu feiern und an das zu erinnern, was vor einem Vierteljahrhundert auf Nordhausens Straßen und im Rest des Landes geschehen ist. Genau das tat man am Freitag Abend auf der Bühne des Nordhäuser Theaters.

Nicht nur die Gegenwart sollte ihren Platz haben, sondern auch die Vergangenheit. Dafür sorgten zum einen die Schülerinnen und Schüler des Humboldt Gymnasiums. Die Gruppe hatte sich im Rahmen ihres Unterrichts ausführlich mit den Geschehnissen des Jahres 1989/90 beschäftigt und dazu die Ausstellung "Nordhausen während der Revolution der Kerzen" erarbeitet, die bis vor kurzem in der Flohburg zu sehen war.

Dafür hatten sie sich nicht nur durch die Archive gewühlt, sondern waren auch zu den Orten gegangen, an denen im Herbst 1989 alles begann, sowohl in Nordhausen wie auch in Leipzig. Sie führten diverse Interviews mit Zeitzeugen und trugen Geschichten, Zahlen, Fakten und Gedichte zusammen. Ihre Interviews und einige der Gedichte präsentierten sie vor den geladenen Gästen der Ehrenamtsgala. Musikalisch unterstützt wurden sie dabei von Ronald Gäßlein und Georg Schröter.

Schülerinnen und Schüler des Humboldt Gymnasiums hatten sich intensiv mit dem Thema friedliche Revolution auseinandergesetzt (Foto: Angelo Glashagel) Schülerinnen und Schüler des Humboldt Gymnasiums hatten sich intensiv mit dem Thema friedliche Revolution auseinandergesetzt (Foto: Angelo Glashagel) Den großen historischen Rahmen gab Festredner Erhart Neubert. Bekannt geworden ist der Theologe vor allem für seine Arbeit "Geschichte der Opposition in der DDR 1949 - 1989", das von wohlbekannten Presseorganen auch einmal mit den Worten "1000 Seiten Widerstand" beschrieben wurde. Geboren in einem evangelischem Elternhaus studierte Neubert Theologie in Jena und wurde bei Weimar schließlich Pfarrer. Er bewegt sich in oppositionellen Kreisen und wird schließlich Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs. Nach der friedlichen Revolution arbeitet er zusammen mit Joachim Gauck in der Stasi-Unterlagenbehörde.

In seiner Festrede erinnerte er daran, welche Sorgen es in Ost und West 1989 in Bezug auf die Wiedervereinigung gab. Da war das Ausland, das an mancher Stelle befürchtete in Deutschland könnte das vierte Reich entstehen, da waren die Ostdeutschen Eliten, die in Einheitsbefürwortern Staatsverräter sahen und ihr Pendant im Westen, das Kalte Krieger witterte. Und doch kam die Wende, die friedliche Revolution und vieles wurde gut.

Ehrhart Neubert hielt im Nordhäuser Theater die Festrede zum 25. Jubiläum der friedlichen Revolution (Foto: Angelo Glashagel) Ehrhart Neubert hielt im Nordhäuser Theater die Festrede zum 25. Jubiläum der friedlichen Revolution (Foto: Angelo Glashagel)

Das Volk hinter der Mauer, so Neubert, sei verhöhnt worden und zum Reiseverbot sei die "Verletzung der Seelen" gekommen. '89 aber hätten die Menschen am "geöffneten Käfig gelächelt", habe die "Fantasie die Realität überholt". Jeder habe seine eigene Geschichte und heute würde man nicht nur erzählen, was während des Herbstes '89 geschah, sondern auch wie man die Zeit danach erlebt habe. Viele Leute hätten "bittere Pillen" schlucken müssen, insgesamt aber sei die Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte. So erfolgreich das Deutschland zum Traumziel geworden sei, und Menschen auf der Flucht heute "Germany, Germany" skandieren.

Das es einmal so kommen würde, war nicht vorauszusehen, so Neubert. Das gilt für heute und für 1989. Die Geschichte, sagt Neubert, sei kein "Subjekt", es gebe keine "Herrschaftsgeschichte". Nicht die große Politik würde die Geschichte machen, die Menschen seien es selber. Die Geschichte sei "Raum und Zeit (...) der durch unsere Erinnerungen entsteht". Unsere Geschichte sei auch unsere Konstruktion und wir könnten nur das aus ihr lernen, was wir lernen wollten.

Neubert erinnerte auch an einen anderen, älteren Feiertag der Einheit aus längst vergangener Zeit. Am Sedanstag gedachte man im Kaiserreich dem Sieg über die Franzosen im letzten der Reichseinigungskriege 1870/71. Ein Tag der Militarismus symbolisierte, der den Kampf und die Selbstbehauptung gegenüber anderen in den Vordergrund stellte. Aus dieser Mentalität entwuchsen zwei Weltkriege und zwei Diktaturen, so Neubert.

Die Frage der Identität, die Frage nach dem was eigentlich "Deutsch" ist, stelle sich immer. Zur Zeit sei die Stimmung aufgeladen und Parolen wie: "Deutschland den Deutschen" machen wieder die Runde. Noch aber sei "nichts verloren und nichts gewonnen", sagte der Theologe und endete mit den Worten "Germany, Germany".

Danach ging es an die Ehrung derjenigen, die in Nordhausen damals die friedliche Revolution organisierten und unterstützten und diejenigen, die heute ihre Kraft geben, um die Stadt und das Land ein wenig besser zu machen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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