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Nordhausen hilft weiter

Informieren, helfen, beschäftigen

Freitag, 02. Oktober 2015, 12:00 Uhr
Die Flüchtlingsproblematik beschäftigt die Nordhäuser weiterhin. Zum zweiten Treffen von "Nordhausen hilft", eine Gruppe verschiedener Einrichtungen die sich für die Bewältigung des Flüchtlingsstroms stark machen, wurde die aktuelle Lage besprochen und konkrete Ergebnisse vorgestellt...

Nordhausen hilft - Helferrunde traf sich zum zweiten mal (Foto: Angelo Glashagel) Nordhausen hilft - Helferrunde traf sich zum zweiten mal (Foto: Angelo Glashagel)

Ein bisschen sah es so aus, als würde der Stadtrat tagen. Nur war es nicht die Politik allein, die gestern im Ratssaal Platz genommen hatte, auch Kirchen, Vereine, Rettungsdienste, Lehrkräfte, das Krankenhaus, die Agentur für Arbeit und noch einige mehr waren gekommen, um zur zweiten Sitzung von "Nordhausen hilft" zu besprechen, wie Nordhausen der Flüchtlingssituation Herr werden kann. Die Atmosphäre war arbeitsmäßig, man scheint an einem Strang zu ziehen - auch das ein offensichtlicher Unterschied zu anderen Sitzungen im Saal.


Aktuelle Situation

Zum aktuellen Stand der Dinge informierte Jutta Krauth, die erste Beigeordnete des Landkreises. Demnach halten sich im Landkreis zur Zeit rund 660 Flüchtlinge auf, 400 davon nach wie vor in dezentraler Unterbringung. Hinzukommen drei größere Einrichtungen in Sülzhayn, mit 101 Personen voll belegt, die Gemeinschaftsunterkunft in der Robert-Blum-Straße mit 109 Bewohnern und die Berufsschule in der Rathsfelder Straße, in der zur Zeit 30 Personen untergebracht sind. Nächste Woche sollen hier noch einmal neue Flüchtlinge Obdach finden. Hinzu kommen Unterbringungen in Sollstedt, Wipperdorf und im Hostel am Taschenberg.

Geplant ist die größere Halle des Berufsbildungswerks Bau für 100 Menschen einzurichten. Außerdem werden in der Grimmelallee, der Zorgestraße und dem Altentor derzeit Unterbringungen vorbereitet. Den Landkreis erreichen zwischen 40 und 100 Neuankömmlinge in der Woche mit 1 bis 2 Transfers.

Die größeren Quartiere sollen aus sich des Landratsamtes keine dauerhafte Lösung sein. "Es ist nicht unser Wunsch das dass auf Dauer so bleibt. Diejenigen, die länger bleiben sollen in Wohnungen der SWG, WBG und der Sollstedter SWBG untergebracht werden", sagte Krauth. Die dezentrale Unterbringung und das Leben mit der einheimischen Bevölkerung sei "ein Grundpfeiler der Integration". Gesucht wird auch privater Wohnraum. Wer Platz hat, kann sich bei der Servicegesellschaft des Landkreises über die E-Mailadresse wohnungen@sgndh.de melden. Für Informationen stehen telefonisch auch die Herren Bosse und Teichmüller als zuständige Mitarbeiter unter 0173/2912497 oder 0173/3865013 zur Verfügung.

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen verlaufe konstruktiv, so Krauth weiter, habe aber "Ecken und Kanten". Hier und da müsse "nachjustiert" werden, so Krauth weiter, "wenn wir alle an einem Strang ziehen, dann könne wir das meistern". Positive Signale also aus dem Landratsamt und auch die Träger Schrankenlos und Rotes Kreuz haben die Situation Personalseitig nach eigenen Aussagen zur Zeit im Griff.

Unbegleitete Jugendliche, Kinder, Schulen, Tagesstätten

Ab vorraussichtlich erstem November werden auch unbegleitete Jugendliche ähnlich verteilt werden, wie das bei Erwachsenen und Familien schon der Fall ist, erklärte Stefan Nüßle, der als zweiter Beigeordneter hier für die Koordinierung zuständig ist. In Nordhausen soll eine von fünf "Clearingstellen", also Erstaufnahmeeinrichtungen, des Landes eingerichtet werden. Konkret bedeutet das: die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen werden in Nordhausen im Schnitt lediglich drei Monate bleiben, ehe sie in anderen Landkreisen, die keine Clearingstelle haben, dauerhaft untergebracht werden.

Für die Zeit in Nordhausen werden die unbegleiteten Minderjährigen Obhut am Taschenberg (20 bis 40 Plätze), in der Ullrichstraße (zehn Plätze) und in Rothesütte finden.

Was die Kindergärten betrifft sei es schwierig den tatsächlichen Bedarf festzustellen, sagte Nordhausens Oberbürgermeister Klaus Zeh, da hier zwar ein Recht auf einen Platz bestehe, aber keine Pflicht wie in der Schule. Wenn man hier klarer sieht, sollen auch Entscheidungen bezüglich weiterer Kapazitäten getroffen werden.

In Sachen Schule tagt die Arbeitsgruppe Beschulung seit mehrere Monaten. In der "Stützpunktschule" auf dem Petersberg haben die ersten Sprachförderklassen ihre Arbeit aufgenommen. Die Regelschule Ellrich soll als weiterer Stützpunkt folgen, hier wird als Unterrichtsbeginn der 19. Oktober angepeilt. Sorgen bereitet nach wie vor das Personal, die Zusagen des Freistaats 50 bis 100 neue Stellen zu schaffen sei "etwas dünn", so Oberbürgermeister Zeh.

Spenden

Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung sei nach wie vor hoch, berichtete Stephanie Tiepelmann-Halm vom Verein Schrankenlos, täglich würden Leute kommen, die Sachen abzugeben hätten. Das Rote Kreuz teilte mit, das in Sülzhayn dank der Aktion "Sülzhayn hilft" eine zweite Kleiderkammer eingerichtet werden konnte.

Bei der Kleidung, die im Weltladen und dem Mehrgenerationenhaus des LIFT gesammelt wird, musste man aber erst einmal einen Stopp einlegen, da die Lagerkapazitäten fehlen. Für die Verteilung der Spenden wird darüber nachgedacht, Räumlichkeiten zu finden in denen eine Art Basar eingerichtet werden kann und so die Asylbewerber zu den Sachen kommen und nicht umgekehrt. Es wurde auch die Möglichkeit in den Raum gestellt, dass eine solche Einrichtung von den Flüchtlingen selbst betrieben werden könnte.

Die Treffen verlief produktiver als das für Netzwerkzusammenkünfte die Regel ist (Foto: Angelo Glashagel) Die Treffen verlief produktiver als das für Netzwerkzusammenkünfte die Regel ist (Foto: Angelo Glashagel)

Integration

Grundsätzlich eine gute Idee. Er habe "34 junge Männer die darauf warten etwas zu tun. Denen ist langweilig.", sagte Johanniterchef Frank Gerstenberger. Integration über Arbeit ist das Stichwort. Der Zugang zu Beschäftigung ist bekanntermaßen schwierig, deswegen suchen Beteiligte wie die Agentur für Arbeit, die SWG, der LIFT Verein und andere zur Zeit nach kreativen Wegen, hier erste Schritte zu gehen. Die Arbeitsagentur sucht nach Möglichkeiten die Neuankömmlinge über die Chancen im Landkreis zu informieren, bevor diese in andere Gegenden Deutschlands weiterziehen, erklärte der Leiter der Nordhäuser Agentur, Karsten Froböse. Problem ist die Sprachbarriere, oder vielmehr der Mangel an qualifizierten Übersetzern.

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft (SWG) experimentiert bereits mit einer Maßnahme für ihre Hausmeisterdienste, die als "Brücke in die Berufsausbildung" dienen und zunächst in ein Praktikum münden soll. Das Modell ließe sich grundsätzlich auch auf andere Berufsfelder übertragen, sagte SWG Chefin Inge Klaan und unterstrich das dass Programm sowohl für Deutsche wie auch für Flüchtlinge angeboten wird.

Derzeit "teste" man die Fähigkeiten der Asylsuchenden, die in Wohnungen der SWG untergebracht sind, etwa indem gemeinsam mit den deutschen Bewohnern das Treppenhaus gemalert wird. Das komme gut an, sagte Klaan, und man habe auch ein Malerunternehmen gewinnen können, welches den Prozess begleitet und nach neuen Kräften Ausschau hält. Problematisch sei natürlich die sprachliche Qualifikation, aber auch der Erwerb eines Führerscheines und das einrichten eines Girokontos seien Hindernisse. Klingt banal, in Eritrea aber gibt es für die "normalen" Menschen keine Banken, erläutert Klaan, dort man kenne nur Bares.

Um die Qualifikationen der Neuankömmlinge besser erfassen zu können stellte Franka Bergmann ein Projekt des Vereins LIFT vor. Über "Multipotential" soll in den vier Nordthüringer Landkreisen abgefragt werden, welche Potentiale unter den Flüchtlingen vorhanden sind und was niederschwellig weiterentwickelt werden kann. Das Projekt soll als Schnittstelle zwischen den Flüchtlingen der Agentur und den Unternehmen der Region fungieren.

Informieren, Unterstützen, Beschäftigen

Zu guter letzt stellten Holger Richter und Steffen Mund die Internetseite "Nordhausen hilft" vor. Wenn alles gut geht soll die Seite in einige Wochen online gehen. Sie richtet sich an die Asylsuchenden, an Menschen die Helfen wollen und an Leute, die für Beschäftigung sorgen können. Damit ist nicht nur Arbeit gemeint, sondern auch andere Aktivitäten wie ehrenamtliche Stellen oder sportliche Aktivität. Für Hilfsbereite Einheimische sollen hier zentral Informationen bereit gestellt werden.

Die Seite wird mehrsprachig gestaltet werden, einen Stadtplan mit wichtigen Einrichtungen integrieren und auch ein kleines Portral für Neuigkeiten und Kleinanzeigen in vielen verschiedenen Kategorien bieten. Um die Seite bekannter zu machen wird auch an einem Facebookauftritt gearbeitet.

Nach etwas mehr als zwei Stunden ging die Runde erst einmal wieder auseinander. Das Treffen verlief produktiver als das für Netzwerkzusammenkünfte die Regel ist, wie weit das trägt wird die Zukunft zeigen müssen. Das nächste Treffen wird nach Bedarf einberufen. Angesichts der enormen Herausforderungen dürfte es aber nicht das letzte mal gewesen sein, das man im Ratssaal beieinander saß.
Angelo Glashagel
Autor: red

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