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Lichtblick

„Alles mit ‚zu‘ ist von Übel“

Freitag, 17. Juli 2015, 08:00 Uhr
Geht es Ihnen auch so, dass Sie in Ihrem Alltag einer neuen, grassierenden „Seuche“ begegnen? Sie ist allwettertauglich, von nichts als uns Menschen abhängig und breitet sich, mit verheerender Wirkung aus: die „zu“-Seuche!

Wer gewöhnt ist, in alten Kirchenbüchern zu lesen, weiß, dass es beispielsweise kein „richtiges“ Wetter gibt. Auch in unseren Breiten gab es vor Jahrhunderten schon verheerende Unwetter, Kirchen und andere Gebäude stürzten ein oder um, wurden abgedeckt, Fluten wälzten sich durch Orte, rissen Mensch, Vieh und Besitz mit sich, Stadt- und Dorfbrände zerstörten das Werk vieler Generationen, selbst Erdbeben und andere Fährnisse, wie extreme Hungersnöte, Pestepidemien und vieles andere mehr kannten die Altvordern mehr als wir.

Während Sie nach Antworten auf die Frage ihrer Heimsuchung und ihrer existentiellen Nöte suchten, manche gar nach Amerika abwanderten (Hunderttausende deutscher Asylanten, machten sich Mitte des 19. Jahrhunderts aus wirtschaftlichen Gründen nach Amerika auf) oder sich einer schleichenden Resignation hingaben (die Verelendung breiter Massen der Arbeiterschaft können wir uns gar nicht schlimm genug vorstellen), erlauben wir uns, frei von Hunger, Epidemien und anderen Nöten, ein distinguiertes Urteil aus der Distanz.

Bar jeder Erfahrung von Hunger, echauffieren wir uns vielmehr, dass die Brötchen „zu“ teurer sind, dass Milch „zu“ viel kostet (und nicht einmal das, was sie wert ist), dass die Asylanten zu uns kommen wollen und es „zu“ viele sind...

Wenn es also kein richtiges Wetter gibt, dann kann es logischer Weise auch kein falsches geben. Das liegt in der Natur der Sache. Folglich sind alle Vergleiche inhaltsfrei, wenn z.B. gesagt wird, dass der Monat Juni zu kühl/ zu warm/ zu regenarm/ zu feucht… war. Er kann allenfalls über oder unter dem Durchschnitt liegen, aber nicht im Gegensatz zu einer willkürlich festgemachten, fiktiven Größe als falsch herausgearbeitet werden. Denn genau das will die Gradpartikel „zu“ ja imaginieren. Es gäbe „das Richtige“, was davon abweicht wäre es nicht.

Nur am Rande bemerkt, mir stößt auch schon lange auf, dass schon Anfang des erst fünfzehn Jahre währenden Jahrhunderts von Jahrhundertsommer, -fluten und ähnlich epochalen Ereignissen gesprochen wird (was sagten wir, wenn uns noch Schlimmeres in diesem Jahrhundert widerführe?)

Ein Sommer ist ein Sommer, mal frischer und mal heißer, er bleibt was er ist – unbeeinflussbar und unverwechselbar Sommer. Lieder wie „Wann wird mal wieder richtig Sommer“ leben davon, dass wir in unserer Kindheit Zeiten erlebten, die wir für idealtypisch halten und gern erinnern. Das funktionierte nicht, wenn jeder Sommer dem anderen gliche und sich nicht bestimmte daraus erhöben, an die wir uns als besonders erinnerten.

Desgleichen wundert mich sehr, wenn bei 40 Grad im Schatten (es gibt tatsächlich Menschen, die das mögen) von einem Temperatursturz gesprochen wird, wenn anderntags „nur noch“ 30 Grad auf dem Thermometer zu lesen stehen. Das ist mir „zu“ viel des Guten. Hier wird uns etwas vorgemacht, das nicht so ist. Hier gilt es wachsam zu sein und gut auf die eigene Sprache zu achten, denn schnell schleichen sich solche oft wiederholten Formulierungen unbewusst in unseren Sprachgebrauch ein.

Wie gut ist es da, wenn ich mich selbst als völlig angenommen fühlen darf, weil ich G'TT nichts vormachen muss, um gut genug zu sein, nicht „zu“ schlecht oder „zu“ gut oder „zu“langweilig... Er nimmt mich mit meinen Ecken und Kanten, mit meiner Art und mit meinen Über- und Untertreibungen an. Im Wochenspruch dieser, am Sonnabend zu Ende gehenden Woche heißt es bei Jesaja: Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst; ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein!

Das finde ich mal eine klare Ansage, da wird nichts übertrieben, da wird Klartext gesprochen und niemandem etwas vorgemacht. Sie und ich, sind von G'TT angenommen. Das ist gewisslich wahr. Mehr braucht es auch nicht. G'TT segne Sie und Ihren Urlaub.
Kristóf Bálint, Superintendent des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-Sondershausen
Autor: red

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