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Die Geschichte des Judenfriedhofs

Donnerstag, 11. Juni 2015, 11:44 Uhr
In der Juniveranstaltung des Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins war diesmal die Historikerin Marie-Luis Zahradnik zu Gast. Ihren abendfüllenden Vortrag stellte sie unter den etwas abgewandelten Titel „Das Haus des Lebens – Der israelitische Friedhof in Nordhausen“. Auch die nnz lauschte ihren Ausführungen…


Die Historikerin vermittelte in ihrem reich bebilderten Vortrag den überaus zahlreich erschienenen Vereinsfreunden und Gästen einen detailreichen Einblick in die Geschichte des Nordhäuser Judenfriedhofes. Dass der überhaupt entstehen konnte, war der Neugründung der jüdischen Synagogengemeinde Anfang des 19. Jahrhunderts zu verdanken.

Ihre Mitgliederzahl wuchs rasch an. Und deren beständige Wirtschaftskraft ermöglichte schließlich den Erwerb von Boden, der alsbald als „Israelitischer Kirchhof“ - so die damalige Bezeichnung - genutzt werden konnte. Geldspenden und die Aufnahme von Anleihen ermöglichen 1826 die Errichtung einer Friedhofsmauer. Am 1. September 1828 wurde der neue Judenfriedhof eingeweiht.

Durch Zukauf von Land im Zeitraum zwischen 1854 bis 1865 erfuhr die Anlage eine Erweiterung auf ca. 5.000 m². 1867 kam ein Leichenhaus hinzu, dem folgte um 1900 eine Kapelle, was dem Trend der neueren Zeit entsprach. All diese Baumaßnahmen lassen den Schluss zu, dass die jüdische Gemeinde finanziell gut situiert war. Ein Wohnhaus, das sich gegenüber dem Westeingang befindet und Eigentum der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen ist, beherbergte als Mieter nachweislich die Eheleute Karl und Clara Petri. Sie pflegten den Friedhof von 1905 bis 1961. Dann übernahmen Gärtner Schiedung und Familie Leibeling kurzzeitig die Pflegearbeiten. Von 1983 bis 1991 kümmerte sich Jan Blumenthal um die Pflege. Im Rahmen eines Sommerlagers der „Aktion Sühnezeichen“ erfolgte 1984 eine Instandsetzung des Friedhofs. Aktuell werden erforderliche Pflegearbeiten durch Mitarbeiter der Nordhäuser Friedhofsverwaltung abgesichert.

Wie Hans-Jürgen Nüßle in einer Wortmeldung bestätigte, war das Friedhofsgelände immer zugänglich und machte einen gepflegten Eindruck. Nüßles Großeltern wohnten seit 1905 als Friedhofswärter und Gärtner auf dem Friedhof. Er uns seine Eltern zogen nach dem Krieg, also 1945 auf den Friedhof zu seinen Großeltern. Die Familie Nüßle hatte fünf enge Familienangehörige beim Bombenangriff auf Nordhausen verloren und brauchte Hilfe. An die Kapelle konnte sich Hans-Jürgen Nüßle nicht mehr erinnern. Vermutlich existierte sie nach 1945 nicht mehr. Viel später wurde auch die Leichenhalle nicht mehr genutzt und musste schließlich wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Nur die Stufen künden noch vom früheren Bauwerk.

In der Juniveranstaltung des Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins war diesmal die Historikerin Marie-Luis Zahradnik zu Gast. (Foto: Hans-Georg Backhaus) In der Juniveranstaltung des Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins war diesmal die Historikerin Marie-Luis Zahradnik zu Gast. (Foto: Hans-Georg Backhaus)

Eine Feuerbestattung ist nach dem jüdischen Religionsgesetz (Halacha) nicht erlaubt, gilt als Sünde und wird bestraft. Doch die Anhänger der Feuerbestattung, die sich im späten 19. Jahrhundert gut organisierten, setzten sich als Reformer einer alternativen Bestattungskultur durch. Unterstützung fanden sie vor allem auch in den Reihen der Sozialdemokratie. Sekularisierungstendenzen, technische Entwicklungen, Fragen der Hygiene, erhöhter Platzbedarf und niedrigere Kosten trugen zudem dazu bei, dass die Feuerbestattung in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gesetzliche Anerkennung fand. Die Kremation setzte ihren Siegeszug unbeirrt fort, Feuerbestattungsvereine trugen erfolgreich ihre Gedanken in die Öffentlichkeit.

Bekanntester Befürworter dieser Bewegung war in Nordhausen Louis Eisner. Er forcierte maßgeblich die Kremation und die Errichtung eines unterirdischen Urnenhains auf dem Judenfriedhof, der nach dem Plan des Stadtgartendirektors Rotscheid im August 1828 angelegt wurde. Dieser lag jedoch etwas abgelegen, da diese veränderte Friedhofskultur nicht von allen jüdischen Bürgern mitgetragen wurde. Die Urnen wurden in die Erde gelassen, statt sie beispielsweise oberirdisch in die Wände eines Kolumbariums beizusetzen.

Gegenwärtig sind noch sieben Grabsteine auf dem Hain vorhanden. Die noch lesbaren Inschriften zeugen von Bestattungen in den Jahren 1931 bis 1933, 1944 und 1971. Die letzte Bestattung war 1980. Es handelt sich hierbei um die Verstorbene Jenny Goldschmidt, deren Urne jedoch zum Grab ihres Mannes kam.


Die Judenpolitik im 19. Jahrhundert hatte zum Ziel, dass sich jüdische Bürger auch als Deutsche fühlen und die Verbrüderung zwischen Christen und Juden herbeizuführen. Die Juden wurden zum Bestandteil der deutschen Nation und hatten Anteil am Gemeinsinn. Bald standen auch jüdische Soldaten aus Nordhausen im Dienst des kaiserlichen Heeres, hagelte es Auszeichnungen. Den im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten wurde auf dem Friedhof ein Grabdenkmal errichtet und am 25. September 1921 feierlich eingeweiht. Der Abwurf zweier Bomben im Zweiten Weltkrieg beschädigte das Denkmal und weitere Grabsteine. Nach einer Restaurierung wurde es 2005 wieder feierlich eingeweiht.

Breiten Raum nahmen in dem Vortrag auch die Inschriften, die Symbolik und die Veränderungen der Grabsteinformen ein. Schließlich resümierte Marie-Luis Zahradnik, dass sich neben modernen Kunststilen in der Grabmalsgestaltung ebenso traditionelle jüdische Grabmalsformen behaupteten. Aus kulturell-historischer Sicht ist, wie die Historikerin auch in einem „Gelbe Reihe“-Beitrag anmerkt, dieser jüdische Friedhof „ein Ort des besonderen Zeugnisses jüdischer Religionsgeschichte des 19. Jahrhunderts in Nordhausen“. Seit Dezember 2007 steht der Friedhof unter Denkmalschutz und kann daher für Bestattungen nicht mehr genutzt werden.

Wer mehr über den jüdischen Friedhof erfahren möchte, kann am 18. Juni 2015 mit Marie-Luis Zahradnik einen Spaziergang unternehmen. Treffpunkt ist um 18 Uhr Am Ammerberg in Nordhausen.

Zu einem weiteren Vortrag laden die Südharzer Geschichtsfreunde am 14. Juli in den Tabakspeicher ein. Michael Reinboth aus Walkenried ist ein gern gesehener Gast und spricht diesmal zum Thema „100 Jahre Omnibusverkehr im Harz“. Der Vereinsabend beginnt wie immer um 19.30 Uhr. Gäste sind sehr willkommen.
Georg Backhaus
Autor: red

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