Brücken bauen für Neuankömmlinge
Mittwoch, 10. Juni 2015, 20:29 Uhr
Bevor man am Familienzentrum heute zum Sommerfest lud, hatte man sich am Vormittag noch ein schweres Thema vorgenommen: die Situation der Flüchtlinge, ihre Unterbringung und Integration. Es berichteten Menschen, die ganz nah dran sind oder ihre eigenen Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung gemacht haben...
Nader Mahboubkhah lebt schon lange in Deutschland. In seiner Heimat Iran hat der gelernte Straßenbauingenieur Brücken aus Stahl und Beton gebaut, "heute baue ich Brücken aus Liebe". Was er damit meint ist sein Engagement als Ehrenamtler im Verein Schrankenlos. Zusammen mit Peter Kube hat er, der selber fliehen musste, vielen Flüchtlingen helfen können, erzählt er.
Eine andere Arbeit hat er bisher nicht finden können. Sieben Jahre lang hat er im Iran mit europäischen Firmen zusammengearbeitet, aus Italien, aus Österreich und von anderswo. Das steht auch in seinen Bewerbungsschreiben, nur nützt es ihm nichts, trotz Fachkräftemangels. "Einmal habe ich ein Angebot bekommen, da hätte ich arbeiten können", sagt Mahboubkhah, "in Afghanistan". Zu gefährlich, zu nah an der Heimat aus der er fliehen mussten weil er sich schon damals für Menschenrechte einsetzte.
Wie Herrn Mahboubkhah ergeht es vielen Flüchtlingen. Sie sind gut ausgebildet, ihre Abschlüsse werden aber nicht anerkannt und wenn doch, dann zieht sich der bürokratische Prozess hin. Es ist eines von mehreren systemischen Problemen, auf die man am diesen morgen im Familienzentrum zu sprechen kommt. Probleme an denen man auf regionaler oder kommunaler Ebene nur wenig ändern kann.
Paulin Meder, Nader Mahboubkhah und Ernst Scholze berichteten über ihre Erlebnisse und ihre Arbeit mit Flüchtlingen und Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Denn eigentlich sei man derzeit noch gut aufgestellt, erzählt Ernst Scholze vom Verein Schrankenlos. Er und seine Mitarbeiter kümmern sich um die Betreuung der Flüchtlinge im Landkreis. Mit der steigenden Zahl an Flüchtlingen habe man auch das Team aufstocken können. Im März konnte man ein Büro in der Unterkunft in der Ostrower Straße eröffnen. Gründe genug, optimistisch in die Zukunft zu blicken, wären da nicht die Hindernisse, auf die man nur wenig Einfluss hat.
Im Podium werden denn auch diese Fragen diskutiert, wie die Anerkennung der Abschlüsse. Oder Praktiken wie die "Kettenduldung". Gemeint ist die scheinbar willkürliche Verlängerung oder Aufhebung des Aufenthaltsstatus. Die damit einhergehende Unsicherheit, oft über Jahre, mache die Menschen kaputt, sagte Scholz.
Dabei wollen die Menschen gerne arbeiten, sagt seine junge Mitarbeiterin Paulin Meder. "Das sind die ersten Fragen die gestellt werden: wie komme ich an Arbeit, wo kann ich meine Kinder zur Schule schicken", erzählte die Studentin. Gesetzliche Hürden würden das häufig verhinden. Sie spricht aus Erfahrung, hat sie doch schon in Eisenberg in der Erstaufnahme Einrichtung gearbeitet. Hier habe man mehr Zeit mit den Menschen zu sprechen, sich ihre Probleme anzuhören, sagte die junge Frau.
Man ist vor Ort bemüht ist, der Herausforderung zu begegnen, auch das zeigte die Runde. Sabine Schröter etwa, Leiterin der Petersbergschule, redete zwei Jahre lang auf das Schulamt ein, versuchte für die sich verändernde Situation zu sensibilisieren. Lange hörte man ihr nur zu, inzwischen bewegt sich auch etwas. Spätestens nach drei Monaten müssen auch Flüchtlingskinder wieder eine Schule besuchen, nur nützt das wenig, wenn sie die Unterrichtssprache nicht verstehen. Das sei auch für die Lehrer sehr schwer, berichtet die Schulleiterin.
Im Herbst soll ihre Schule nun eine von mehreren "Stützpunktschulen" werden, die Vor- und Sprachkurse für die Kinder der Neuankömmlinge anbieten soll. Die Idee ist gut, es gebe aber noch mehrere "Knackpunkte". Erstens fehlt es an Personal mit der entsprechenden Qualifikation und zweitens an den Räumlichkeiten. Die sind theoretisch vorhanden, müssten aber, so will es der Gesetzgeber, noch den Bedürfnissen des Unterrichts angepasst werden. Ein Eimer Farbe reicht da nicht, 20.000 Euro würde die Maßnahme kosten und niemand weiß, wer die bezahlt.
In den Verwaltungen habe man derweil das Ausmaß und die Komplexität der Herausforderung noch nicht erkannt, hieß es aus dem Publikum und die Personen, die letztlich Entscheidungen treffen müssen, sehe man bei Treffen dieser Art so gut wie nie.
Sowohl Sabine Schröder wie auch Ernst Scholze wandten sich angesichts der Situation deshalb mit einem eindringenden Appell an das Publikum und die Bevölkerung: wer helfen möchte, und seien es nur Kleinigkeiten wie Übersetzungshilfen oder Gespräche mit Familien, der solle sich bitte melden.
Denn einige Nordhäuser wären durchaus bereit ihren Beitrag zu leisten, auch das ging aus der Diskussion hervor, nur wisse man nicht wo man sich melden kann und was man tun könne. "Jede fruchtbare Hilfe ist willkommen", sagte Scholze.
Angelo Glashagel
Autor: redNader Mahboubkhah lebt schon lange in Deutschland. In seiner Heimat Iran hat der gelernte Straßenbauingenieur Brücken aus Stahl und Beton gebaut, "heute baue ich Brücken aus Liebe". Was er damit meint ist sein Engagement als Ehrenamtler im Verein Schrankenlos. Zusammen mit Peter Kube hat er, der selber fliehen musste, vielen Flüchtlingen helfen können, erzählt er.
Eine andere Arbeit hat er bisher nicht finden können. Sieben Jahre lang hat er im Iran mit europäischen Firmen zusammengearbeitet, aus Italien, aus Österreich und von anderswo. Das steht auch in seinen Bewerbungsschreiben, nur nützt es ihm nichts, trotz Fachkräftemangels. "Einmal habe ich ein Angebot bekommen, da hätte ich arbeiten können", sagt Mahboubkhah, "in Afghanistan". Zu gefährlich, zu nah an der Heimat aus der er fliehen mussten weil er sich schon damals für Menschenrechte einsetzte.
Wie Herrn Mahboubkhah ergeht es vielen Flüchtlingen. Sie sind gut ausgebildet, ihre Abschlüsse werden aber nicht anerkannt und wenn doch, dann zieht sich der bürokratische Prozess hin. Es ist eines von mehreren systemischen Problemen, auf die man am diesen morgen im Familienzentrum zu sprechen kommt. Probleme an denen man auf regionaler oder kommunaler Ebene nur wenig ändern kann.
Paulin Meder, Nader Mahboubkhah und Ernst Scholze berichteten über ihre Erlebnisse und ihre Arbeit mit Flüchtlingen und Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Denn eigentlich sei man derzeit noch gut aufgestellt, erzählt Ernst Scholze vom Verein Schrankenlos. Er und seine Mitarbeiter kümmern sich um die Betreuung der Flüchtlinge im Landkreis. Mit der steigenden Zahl an Flüchtlingen habe man auch das Team aufstocken können. Im März konnte man ein Büro in der Unterkunft in der Ostrower Straße eröffnen. Gründe genug, optimistisch in die Zukunft zu blicken, wären da nicht die Hindernisse, auf die man nur wenig Einfluss hat.
Im Podium werden denn auch diese Fragen diskutiert, wie die Anerkennung der Abschlüsse. Oder Praktiken wie die "Kettenduldung". Gemeint ist die scheinbar willkürliche Verlängerung oder Aufhebung des Aufenthaltsstatus. Die damit einhergehende Unsicherheit, oft über Jahre, mache die Menschen kaputt, sagte Scholz.
Dabei wollen die Menschen gerne arbeiten, sagt seine junge Mitarbeiterin Paulin Meder. "Das sind die ersten Fragen die gestellt werden: wie komme ich an Arbeit, wo kann ich meine Kinder zur Schule schicken", erzählte die Studentin. Gesetzliche Hürden würden das häufig verhinden. Sie spricht aus Erfahrung, hat sie doch schon in Eisenberg in der Erstaufnahme Einrichtung gearbeitet. Hier habe man mehr Zeit mit den Menschen zu sprechen, sich ihre Probleme anzuhören, sagte die junge Frau.
Man ist vor Ort bemüht ist, der Herausforderung zu begegnen, auch das zeigte die Runde. Sabine Schröter etwa, Leiterin der Petersbergschule, redete zwei Jahre lang auf das Schulamt ein, versuchte für die sich verändernde Situation zu sensibilisieren. Lange hörte man ihr nur zu, inzwischen bewegt sich auch etwas. Spätestens nach drei Monaten müssen auch Flüchtlingskinder wieder eine Schule besuchen, nur nützt das wenig, wenn sie die Unterrichtssprache nicht verstehen. Das sei auch für die Lehrer sehr schwer, berichtet die Schulleiterin.
Im Herbst soll ihre Schule nun eine von mehreren "Stützpunktschulen" werden, die Vor- und Sprachkurse für die Kinder der Neuankömmlinge anbieten soll. Die Idee ist gut, es gebe aber noch mehrere "Knackpunkte". Erstens fehlt es an Personal mit der entsprechenden Qualifikation und zweitens an den Räumlichkeiten. Die sind theoretisch vorhanden, müssten aber, so will es der Gesetzgeber, noch den Bedürfnissen des Unterrichts angepasst werden. Ein Eimer Farbe reicht da nicht, 20.000 Euro würde die Maßnahme kosten und niemand weiß, wer die bezahlt.
In den Verwaltungen habe man derweil das Ausmaß und die Komplexität der Herausforderung noch nicht erkannt, hieß es aus dem Publikum und die Personen, die letztlich Entscheidungen treffen müssen, sehe man bei Treffen dieser Art so gut wie nie.
Sowohl Sabine Schröder wie auch Ernst Scholze wandten sich angesichts der Situation deshalb mit einem eindringenden Appell an das Publikum und die Bevölkerung: wer helfen möchte, und seien es nur Kleinigkeiten wie Übersetzungshilfen oder Gespräche mit Familien, der solle sich bitte melden.
Denn einige Nordhäuser wären durchaus bereit ihren Beitrag zu leisten, auch das ging aus der Diskussion hervor, nur wisse man nicht wo man sich melden kann und was man tun könne. "Jede fruchtbare Hilfe ist willkommen", sagte Scholze.
Angelo Glashagel
