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Mehr Diversität für MINT

Mittwoch, 10. Juni 2015, 11:20 Uhr
Die Gleichstellung von Mann und Frau ist und bleibt eine Baustelle der Bundesdeutschen Politik. Die Bemühungen um mehr ausgeglichenheit hat in den letzten Jahren auch die Hochschulen erreicht. Wie man mehr Frauen für Ingenieurs- und Naturwissenschaften und mehr Männer für soziale Arbeitsfelder begeistern kann, sollte heute an der Norhäuser Hochschule besprochen werden...

Insgesamt betrachtet ist das Verhältnis von männlichen und weiblichen Studierenden an der Nordhäuser Hochschule ausgeglichen. Schaut man sich jedoch die einzelnen Fachbereiche an, werden enorme Unterschiede deutlich.

In den Ingeniuerswissenschaften liegt der Anteil an Studentinnen unter 20%, schätzt Prof. Dr. Wagner, Präsident der Hochschule. Umgekehrt sieht es im Fachbereich Gesundheit und Soziales aus, hier fehlen vor allem die Herren.

Nordhausen steht mit dieser Problematik nicht alleine da. Trotz bundesweiter Aktionen wie dem "Girls Day", der dazu dienen soll jungen Mädchen eine Karriere in Wissenschaft und Technik schmackhaft zu machen, ist der Anteil an weiblichen Fachkräften in diesen Bereichen in den vergangenen Jahren nur minimal gewachsen, auf rund 23% im Hochschulbereich.

Mehr Frauen für die "MINT" Berufe - an der Nordhäuser Hochschule wurde heute über "Diversity" diskutiert (Foto: Angelo Glashagel) Mehr Frauen für die "MINT" Berufe - an der Nordhäuser Hochschule wurde heute über "Diversity" diskutiert (Foto: Angelo Glashagel)

Auch in Sachen Ausbildung sieht es wenig besser aus, berichtete Anne Müller, Professorin a.D. und seit ihrer Studentenzeit in den 80er Jahren mit dem Thema Gleichstellung beschäftigt. 50% der Mädchen konzentrieren sich im dualen Bildungssystem bei der Berufsauswahl auf gerade einmal zehn Ausbildungsberufe, berichtet Müller den Anwesenden Studenten und Studentinnen, darunter kein einziger aus dem naturwissenschaftlich-technischem Bereich.

Dabei, so Müller weiter, habe eine Studie der OECD aus dem Jahr 2012 gezeigt, dass ein ausgewogenes Bildungsniveau "sehr positive Effekte" für das Wirtschaftswachstum habe, gerade was den Bereich "MINT" angeht, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Und: es scheint sich um ein deutsches Problem zu handeln. In anderen Ländern der EU wie Portugal, Griechenland, dem Baltikum und osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Kroatien ist der Anteil weiblicher Auszubildender und Studierender in den "MINT" Fächern deutlich höher.

Viel aktiv unternehmen kann auch eine Hochschule hier nicht, außer um die jungen Nachwuchswissenschaftler zu werben, sagte Präsident Wagner der nnz. "Wir bemühen uns stark", so Wagner. Im neuen Imagefilm der Hochschule hat man bewusst angehende Ingenieurinnen und Sozialarbeiter gezeigt und man organisiert Informationsveranstaltungen wie den heutigen Aktionstag zum Thema "Diversity". Der findet im Rahmen der "Diversity Woche" an den Thüringer Hochschulen statt. Nordhausen ist nach Jena und Erfurt die dritte Station. Neben Fachvorträgen und Workshops gibt es auch die Ausstellung "Patente Frauen" zu sehen.

Anne Müller, einst selbst Professorin, beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit dem Thema Gleichstellung (Foto: Angelo Glashagel) Anne Müller, einst selbst Professorin, beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit dem Thema Gleichstellung (Foto: Angelo Glashagel) Die Wahl der Ausbildung und des Studiums liegt jedoch bei den Jungen und Mädchen und die wählen bisher vorrangig die Berufe, die als "klassische" Männer- und Frauendomänen angesehen werden. Hier könnte man ansetzen, meinte Müller, der "Defizitansatz" wie er seit Jahren und Jahrzehnten verfolgt werde, sei gescheitert. Gemeint sind Aktionen wie der schon erwähnte "Girls Day", in dem Mädchen und junge Frauen explizit "ermutigt" werden sollen, weil sie sich "nicht trauen" würden die "MINT"-Berufe zu ergreifen, also, so wird es zumindest impliziert, ein Defizit hätten.

Stattdessen müsse man den "männlich technischen Habitus" aufgeben, also die im Denken fest verankerte und scheinbar selbstverständliche Annahme das etwa das Ingenieurswesen nunmal ein Männerberuf sei. Hinzu kommen strukturelle Probleme wie das "Gender Pay Gap", sprich die Ungleichheit unter den Geschlechtern wenn es um das Einkommen geht. Im Schnitt verdienen Frauen nach wie vor zwischen 20 und 23% weniger als ihre männlichen Kollegen.

Da machen auch die "MINT"-Berufe, trotz des vielfach diskutierten Fachmangels, keine Ausnahme.
Angelo Glashagel
Autor: red

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