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Zweikommafünf Stunden......

Dienstag, 09. Juni 2015, 10:30 Uhr
... dauerte am frühen Morgen des Donnerstags ein lokales „Kataströphchen“. Dann waren Nordhausen und Teile des Umfeldes wieder mit Strom versorgt. Dennoch ging, Zeitungsberichten zufolge, vielerorts nichts mehr. Wollen wir mal gemeinsam darüber nachdenken, was passiert, wenn´s mal länger dauert?


Mit der ersten Sekunde des Stromausfalls können die Benutzer eines Festnetztelefons, die bereits auf IP-Technik umgestellt haben, über das Festnetz nicht mehr telefonieren. Grund: Ihre Modems im Haus, egal wie sie heißen, bekommen keine Spannung mehr. Zwar hat entsprechend diesem nnz-Beitrag die Telekom ihr ehrgeiziges Vorhaben, bereits Ende diesen Jahres alle Telefonanschlüsse auf IP-Technik umzustellen, auf Ende 2018 vertagt, aber auch dieser Tag wird kommen. Und dann?

Dann nehmen wir eben unsere Mobiltelefone, werden Sie sagen. Vollkommen richtig, aber auch mit überschaubarer Lebenserwartung der „Unterbrechungsfreien StromVersorgung“ (USV) bzw. entsprechender Notstromaggregate an den großen Knotenpunkten. Nach 8 Stunden wird es merkbare Lücken im Netz geben und - vom Verfasser leider nur zu schätzen, weil belastbare Angaben dazu nicht verfügbar sind - nach 2 Tagen ist das Netz zusammen gebrochen.

Auch von der ersten Sekunde des Stromausfalls können Sie Ihre Smartphones, Tabletts, Notebooks etc. nicht mehr laden, was aber so gesehen kein Verlust ist, denn ins Internet kommen Sie ja wegen spannungslosem Modem sowieso nicht mehr.

Dass Ihr Kühlschrank und die Tiefkühltruhe anfangen abzutauen, die Heizung (Es sei denn, Sie haben noch einen „guten alten“ Kachelofen und entsprechendes „Futter“ für ihn auf Lager.) nicht mehr mag und die Petroleumlampe keinen Brennstoff mehr bekommt, weil es im Supermarkt dunkel, bitterkalt und auch sonst ganz schön ungemütlich ist, stört dann in dem Zusammenhang nur noch wenig. Dass auch die Registrierkassen nicht mehr funktionieren, ist nur ein schwacher Trost.

Wir alle müssen uns, vor allem auch mental, darauf einrichten, dass wir kurz nach einem großflächigen Stromausfall keine Nachrichten mehr von uns geben können und auch keine mehr bekommen werden, denn die Sender MDR1, MDR Info, DLF, Antenne Thüringen, Landeswelle Thüringen, radio TOP 40, KlassikRadio und OKN mit Standort Nordhausen waren bei o.g. Beispiel auch alle ausgefallen. Einige der großen Stationen für Rundfunk und Fernsehen, wie z. B. auf dem Brocken, haben leistungsfähige Notstromaggregate. Aber wie kommen die Sendeinhalte dort hin?

Viele Verantwortliche und besorgte Bürger haben deshalb für den Erhalt wenigstens eines Mittelwellensenders mit großer Reichweite gestimmt. Abgesehen davon, dass auch hierbei die Frage der Versorgung mit Sendeinhalten geklärt werden müsste, kostet aber der Betrieb eines solchen Senders schon ein paareurofuffzich mehr, so dass man die Frage, wie lange in den Haushalten noch funktionsfähige Mittelwellenradios vorhanden sind, wenn Ende 2015 auch der letzte deutsche Mittelwellensender abgeschaltet wird, gar nicht erst stellen muss.

Nepal ist weit weg, Bützow war – natürlich außer für die Betroffenen – eine Kleinigkeit für einen gut funktionierenden Katastrophenschutz und die Erinnerung an Münster, wo im November 2005 mehr als 100.000 Menschen z.T. viele Tage ohne Strom waren, ist nach und nach verblasst.

So haben es die Katastrophenschutzverantwortlichen nicht leicht, wenn sie in den Räten die Probleme eines großflächigen, länger andauernden Stromausfalls vor allem hinsichtlich der Informationen an die Bevölkerung als auch der Benachrichtigung aus der Bevölkerung an die Notdienste ansprechen. Sie wollen Geld für einen Fall, von dem alle durchaus berechtigt hoffen, dass er nie eintritt.

Die Vertreter der Rundum-Sorglos-Fraktion werden darauf hinweisen, dass statistisch gesehen alle 2768 Jahre zur größten Not dann ein gebratenes Stück Wild auch in ihre Küche fällt und mit einem Schulterzucken zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen. Es müssen aber tragfähige Konzepte her, wie die Folgen eines großflächigen, länger dauernden Energieausfalls gemindert werden können.

Im Februar 2015 gab es in Deutschland 74.483 Funkamateure. Diese können dabei eine feste Größe sein, um wichtige Informationen längst nicht mehr nur mittels Morsetelegrafie und analogem Sprechfunk zu transportieren, die nicht nur die Grundlage für eine Information an die Bevölkerung bilden. Allerdings bedarf es dazu eines landesweiten Konzeptes, einiger Gesetzesergänzungen und einer zentralen Anleitung mit sicher auch der einen oder anderen Übung.

Es hat wenig Zweck, die Initiative den Ortsverbänden des Deutschen Amateur Radio Clubs zu überlassen zumal dort nur noch etwas über 36.000 Funkamateure Mitglied sind. Es gibt seitens einiger Ortsverbände (in Köln, bzw. im Ruhrgebiet) bemerkenswerte, gut organisierte Notfunksysteme, aber die Situation vor Ort ist beherrschbar. Vorsorgen muss man für die Beherrschung eines Orts-, Landes-, Bundesgrenzen überschreitenden Stromausfalls, was mit unterschiedlichen Organisationsformen, unterschiedlicher Hard- und Software der Amateurfunkstellen im plötzlich eintretenden großen Notfall nicht funktioniert.

Sicher sollten auch die Energieversorger ein Interesse daran haben, nicht nur so einen GAU zu verhindern, sondern auch Vorsorge zu schaffen, für den Fall, dass das nicht durchgehend gelingt. Zum Beispiel an der Uni Erlangen und im Fraunhofer Institut gibt es fortgeschrittene Forschungen zur Umwandlung von Elektroenergie in Gas. Gas hat gegenüber der Elektroenergie viele Vorteile und gasbetriebene dezentrale kleine Kraftwerke mit ein paar Megawatt Leistung, die im Normalfall über das Verbundnetz synchronisiert und ferngesteuert werden können und im Katastrophenfall auf manuellen Betrieb umgestellt werden, würden die Diskussionen um die gesamte Problematik wesentlich erleichtern.
Jürgen Wiethoff
Autor: red

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