38 Arbeitsjahre: Und immer wieder Nordhausen
Mittwoch, 03. Juni 2015, 11:45 Uhr
38 Jahre lang haben ihn die Spirituosen nicht losgelassen. Nein, nicht dass Sie denken, dass sich ein gesundheitliches Problem daraus entwickelte. Vielmehr war es sein Beruf, der ihn mit dem Hochprozentigen” zusammenführte. Oder soll man eher schreiben: Berufung?
Der Arbeitsvertrag von Michael John als Geschäftsführer der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH läuft am 31. Juli dieses Jahres aus. Mein letzter Arbeitstag wird schon der 3. Juli sein, dann beginnt die Zeit des Aufräumen”, erzählt der 62jährige, der vor allem nach der Wende in der Welt herumgekommen ist, der aber nie gänzlich von Nordhausen gelassen hat.
Nach 38 Arbeitsjahren wird sich Michael John mit einem weinenden und einem lachenden Auge in den Ruhestand verabschieden. Lachend deshalb, weil der Generationenwechsel an der Spitze des Freyburger Unternehmens lange Zeit geplant war, weil er jetzt auch Platz machen will, weil mit der jüngeren Generation auch ein anderer Leitungsstil Einzug halten wird.
Die weinende Komponente des Abschieds ist das Loslassen, das Ende eines Zugehörigkeitsgefühls, das Fachleute als Identifikation beschreiben. Es ist das hochoffizielle Ende einer beruflichen Verbundenheit, es ist wie eine Scheidung”.
Michael John (Foto: privat)
Die berufliche Ehe mit den Spirituosen ging der Mann bei Nordbrand Nordhausen nach einem Studium der Mathematik und Datenverarbeitung als Mitarbeiter der EDV an der Erfurter Straße ein. Heute würde man das als Programmierer bezeichnen. Ein Jahr später verließ er die Bites und Bytes, blieb allerdings den Zahlen treu. Es waren nun nicht mehr die Nullen und Einsen, sondern die nüchterne Betriebsabrechnung, der er sich verpflichtet fühlte. 1986 wurde er zum Ökonomischen Direktor des VEB Nordbrand Nordhausen berufen, ab 1990 zeichnete er gemeinsam mit Hans-Joachim Junker als Geschäftsführer der GmbH für die Privatisierung des Unternehmens verantwortlich.
Dann der 15. Dezember 1990 - es war ein solcher Tag, den Michael John wohl nie wieder vergessen wird. Ein Tag, den die Seele nicht unbedingt braucht. Es war genau der Tag, an dem Nordbrand auf der Kippe stand. Von derzeit 800 Mitarbeitern sollten und mussten wir nahezu 600 entlassen. Das waren Frauen und Männer, die diesen Betrieb zu großen Teilen auch mit aufgebaut haben. Es war furchtbar, aber notwendig, um 230 Arbeitsplätze zu erhalten, damit Ende Mai 1991 der Vertrag mit der Treuhand geschlossen werden konnte.”
Mit Eckes übernahm den Betrieb ein Familienunternehmen. Das war ein Glücksfall, wir konnten den zu entlassenen Kolleginnen und Kollegen einen sehr guten Sozialplan anbieten, wir passten ausgezeichnet in das Eckes-Sortiment und wir waren uns sicher, dass Eckes die 35 Millionen DM nicht der Fördermittel wegen in Nordhausen investiert.”
1995, als Eckes die Internationalisierung betrieb, ging Michael John nach Pilsen (Tschechien), baute dort den größten Produzenten von Spirituosen des Landes auf. Er muss diesen Job sehr gut gemacht haben, denn 1999 wurde er als Finanzchef in die Holding der Spirituosensparte nach Nieder- Olm berufen. Die nächste Station war dann der Aufsichtsratsvorsitz in der börsennotierten Gesellschaft in Tschechien.
Und es sollten noch einmal turbulente Jahre werden, in denen auch die Zukunft des Nordhäuser Standortes auf dem Spiel stand. Zweimal sollte die Spirituosenbranche von Eckes verkauft werden. Der erste Versuch wäre bei einem Erfolg verheerend für Nordhausen gewesen, der zweite erwies sich wiederum als Glücksfall. Es war der Verkauf an die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH.
In der Endkonsequenz wurde die komplette Spirituosenproduktion von Eckes nach Nordhausen verlagert. Seit dem 1. Januar 2008 agierte Michael John nun als Finanzvorstand des ostdeutschen Unternehmens, das im Sektbereich in Deutschland unangefochtener Marktführer ist, damit kamen zu den Spirituosen auch noch Sekt und Wein hinzu.
Es waren 25 bewegte Jahre, es war ein Vierteljahrhundert des Auf und Ab, dennoch war die Verbindung nach Nordhausen nie abgebrochen. Nicht beruflich, privat sowieso nicht. Fragt man Michael John, welche Menschen seinen beruflichen Werdegang besonders begleitet haben, welche ihn geprägt haben, dann waren das zu DDR-Zeiten Hanna Erlmeier und Dr. Seidenstricker. Danach Harald Eckes, Dr. Karl Brings und Gunter Heise.
Was aber kommt ab dem 1. August dieses Jahres? Ich werde in kein Loch fallen. Ich werde mich in den Golfklub Neustadt als Vizepräsident weiter einbringen, dort gibt es viel zu tun. Ich werde auch - wenn das gewollt ist - meinem Lieblingsfußball-Verein Wacker Nordhausen weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen und ich will noch den Südpol erreichen.”
Beruflich habe er alles erreicht, er sei zufrieden. Nach 38 Berufsjahren wird ein neuer Lebensabschnitt für Michael John anbrechen. Er muss damit zurechtkommen, er muss in ihm zurechtkommen. Er wird loslassen, auch weil das jahrelange Pendeln zwischen Nordhausen, Nieder-Olm, Pilsen sowie Freyburg und Eltville seine Spuren hinterlassen hat.
Wäre gern Präsident gewesen... (Foto: Bernd Peter)
Gibt es in einem solchen Arbeitsleben noch etwas, was man gern noch erreicht hätte? Wenn ich bei Rotkäppchen-Mumm der ganz große Chef geworden wäre, dann hätte ich mich um das Amt des Präsidenten bei Wacker Nordhausen bemüht”, schmunzelt der Mann mit der markanten Stimme.
Peter-Stefan Greiner
Autor: redDer Arbeitsvertrag von Michael John als Geschäftsführer der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH läuft am 31. Juli dieses Jahres aus. Mein letzter Arbeitstag wird schon der 3. Juli sein, dann beginnt die Zeit des Aufräumen”, erzählt der 62jährige, der vor allem nach der Wende in der Welt herumgekommen ist, der aber nie gänzlich von Nordhausen gelassen hat.
Nach 38 Arbeitsjahren wird sich Michael John mit einem weinenden und einem lachenden Auge in den Ruhestand verabschieden. Lachend deshalb, weil der Generationenwechsel an der Spitze des Freyburger Unternehmens lange Zeit geplant war, weil er jetzt auch Platz machen will, weil mit der jüngeren Generation auch ein anderer Leitungsstil Einzug halten wird.
Die weinende Komponente des Abschieds ist das Loslassen, das Ende eines Zugehörigkeitsgefühls, das Fachleute als Identifikation beschreiben. Es ist das hochoffizielle Ende einer beruflichen Verbundenheit, es ist wie eine Scheidung”.
Michael John (Foto: privat)
Die berufliche Ehe mit den Spirituosen ging der Mann bei Nordbrand Nordhausen nach einem Studium der Mathematik und Datenverarbeitung als Mitarbeiter der EDV an der Erfurter Straße ein. Heute würde man das als Programmierer bezeichnen. Ein Jahr später verließ er die Bites und Bytes, blieb allerdings den Zahlen treu. Es waren nun nicht mehr die Nullen und Einsen, sondern die nüchterne Betriebsabrechnung, der er sich verpflichtet fühlte. 1986 wurde er zum Ökonomischen Direktor des VEB Nordbrand Nordhausen berufen, ab 1990 zeichnete er gemeinsam mit Hans-Joachim Junker als Geschäftsführer der GmbH für die Privatisierung des Unternehmens verantwortlich. Dann der 15. Dezember 1990 - es war ein solcher Tag, den Michael John wohl nie wieder vergessen wird. Ein Tag, den die Seele nicht unbedingt braucht. Es war genau der Tag, an dem Nordbrand auf der Kippe stand. Von derzeit 800 Mitarbeitern sollten und mussten wir nahezu 600 entlassen. Das waren Frauen und Männer, die diesen Betrieb zu großen Teilen auch mit aufgebaut haben. Es war furchtbar, aber notwendig, um 230 Arbeitsplätze zu erhalten, damit Ende Mai 1991 der Vertrag mit der Treuhand geschlossen werden konnte.”
Mit Eckes übernahm den Betrieb ein Familienunternehmen. Das war ein Glücksfall, wir konnten den zu entlassenen Kolleginnen und Kollegen einen sehr guten Sozialplan anbieten, wir passten ausgezeichnet in das Eckes-Sortiment und wir waren uns sicher, dass Eckes die 35 Millionen DM nicht der Fördermittel wegen in Nordhausen investiert.”
1995, als Eckes die Internationalisierung betrieb, ging Michael John nach Pilsen (Tschechien), baute dort den größten Produzenten von Spirituosen des Landes auf. Er muss diesen Job sehr gut gemacht haben, denn 1999 wurde er als Finanzchef in die Holding der Spirituosensparte nach Nieder- Olm berufen. Die nächste Station war dann der Aufsichtsratsvorsitz in der börsennotierten Gesellschaft in Tschechien.
Und es sollten noch einmal turbulente Jahre werden, in denen auch die Zukunft des Nordhäuser Standortes auf dem Spiel stand. Zweimal sollte die Spirituosenbranche von Eckes verkauft werden. Der erste Versuch wäre bei einem Erfolg verheerend für Nordhausen gewesen, der zweite erwies sich wiederum als Glücksfall. Es war der Verkauf an die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH.
In der Endkonsequenz wurde die komplette Spirituosenproduktion von Eckes nach Nordhausen verlagert. Seit dem 1. Januar 2008 agierte Michael John nun als Finanzvorstand des ostdeutschen Unternehmens, das im Sektbereich in Deutschland unangefochtener Marktführer ist, damit kamen zu den Spirituosen auch noch Sekt und Wein hinzu.
Es waren 25 bewegte Jahre, es war ein Vierteljahrhundert des Auf und Ab, dennoch war die Verbindung nach Nordhausen nie abgebrochen. Nicht beruflich, privat sowieso nicht. Fragt man Michael John, welche Menschen seinen beruflichen Werdegang besonders begleitet haben, welche ihn geprägt haben, dann waren das zu DDR-Zeiten Hanna Erlmeier und Dr. Seidenstricker. Danach Harald Eckes, Dr. Karl Brings und Gunter Heise.
Was aber kommt ab dem 1. August dieses Jahres? Ich werde in kein Loch fallen. Ich werde mich in den Golfklub Neustadt als Vizepräsident weiter einbringen, dort gibt es viel zu tun. Ich werde auch - wenn das gewollt ist - meinem Lieblingsfußball-Verein Wacker Nordhausen weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen und ich will noch den Südpol erreichen.”
Beruflich habe er alles erreicht, er sei zufrieden. Nach 38 Berufsjahren wird ein neuer Lebensabschnitt für Michael John anbrechen. Er muss damit zurechtkommen, er muss in ihm zurechtkommen. Er wird loslassen, auch weil das jahrelange Pendeln zwischen Nordhausen, Nieder-Olm, Pilsen sowie Freyburg und Eltville seine Spuren hinterlassen hat.
Wäre gern Präsident gewesen... (Foto: Bernd Peter)
Gibt es in einem solchen Arbeitsleben noch etwas, was man gern noch erreicht hätte? Wenn ich bei Rotkäppchen-Mumm der ganz große Chef geworden wäre, dann hätte ich mich um das Amt des Präsidenten bei Wacker Nordhausen bemüht”, schmunzelt der Mann mit der markanten Stimme.
Peter-Stefan Greiner
