Geistreich und grandios. - Go Motti, go!
Samstag, 30. Mai 2015, 11:27 Uhr
Der Schweizer Thomas Meyer stellt seinen religiösen Emanzipationsroman, gespickt mit zuverlässig witzigen Pointen im Herder-Gymnasium vor...
Es gehören Erfahrungen, Wissen und auch Mut dazu, kritischen Blickes die Welt zu betrachten, auf Eigentümlichkeiten und Irrwege hinzuweisen, aber auch die Regeln des Lebens von innen her in Frage zu stellen. Er beherrscht dies.
Er, das ist der Schweizer Thomas Meyer. Während seiner Tätigkeit als Reporter und Textchef in verschiedenen Redaktionen erlangte er 1998 erste Beachtung als Verfasser von online-Kolumnen unter dem Pseudonym Hans Schmerz. Hier blickte er zum Beispiel ironisch-kritisch auf das Altern, fungierte als ein auf Frauen spezialisiertes Medium und stellte eigene Staatsgesetze auf.
Auch mit seinem drei Jahre währenden Street-Art-Projekt Aktion für ein kluges Zürich sorgte er für Aufsehen. In höflicher Anredeform steht da auf grell bunten Aufklebern: Wer würde sich über Ihren Tod freuen?” oder Wozu fehlt Ihnen schlicht der Mut?”. Es sind Fragen, die Aufmerksamkeit erregen und die Neugierde anregen sollen, so der hier hervortretende Werbetexter. Vielleicht stimmen sie den einen oder anderen auch nachdenklich und sorgen dafür, dass der Weltenbürger reflektierter wird. 48 Fragen an das Selbst bündelte Meyer dann in dem 2013 beim Salis-Verlag erschienen Postkarten-Set.
Von dem seit 2007 frei schaffenden Autor und Texter liegt seit April nun ein zweiter Roman vor. Er versetzt den Leser in das Preußen des frühen 18. Jahrhunderts. 1716. König Friedrich Wilhelm I. hat mit der verschwenderischen Hofhaltung seines Vaters gebrochen. Er gibt das Geld lieber für die Armee aus – namentlich für die Langen Kerls, seine Leibgarde aus lauter Riesen. Keiner von ihnen ist allerdings freiwillig hier…
Meyer hat sich formidabel nicht nur in die damalige Zeit hinein recherchiert, sondern das ganze Büchlein in Stil und Duktus der damaligen Zeit geschrieben. So ist "Rechnung über meine Dukaten" ein äußerst amüsantes Lesevergnügen mit Mehrwert.
Auf seine jüdischen Wurzeln (die Mutter ist jüdisch geprägt) greift der Autor in dem 2012 erschienen Debütroman, der 46 Wochen lang auf der Bestsellerliste stand, zurück. Bereits der Titel lässt erahnen, dass die Sprache im Roman selbst zum Ereignis wird: Wolkenbruchs wundersame Reise in die Arme einer Schickse. Den besonderen Klang erhält es durch die Kombination der Standardsprache mit Jiddisch. Meyer thematisiert im Roman die Liebesnöte eines frommen jungen Juden. Motti Wolkenbruch lebt noch immer zu Hause, mit seiner geschwätzigen mame und seinem tate, der es seit längerem vorzieht zu schweigen und sich am liebsten hinter der aktuellen Ausgabe des "Tacheles" versteckt.
Die zufällige Begegnung mit einer hübschen Schickse wirft Mottis Leben aus der Bahn; ihm wird bewusst, dass er in seinen Kreisen kein Liebesglück finden wird. Und je mehr seine mame auf ihn einredet, umso stärker regt sich in ihm der Wunsch nach einem mamefreien Leben in den Armen ebendieser Schickse…
Ein wunderbares Buch, lustig, witzig und süffisant geschrieben. Man taucht gleich ein in die Welt des Zürcher orthodoxen jungen Mannes, der von seiner Mutter umsorgt und gehätschelt wird, obwohl er schon 25 Jahre alt ist. Er kennt nichts anderes und gibt dem Leser einen Einblick in diese abgeschottete Welt. Herrlich sind die Einschübe oder einzelnen Worte in Jiddisch, die den Fluss des Lesens nicht beeinträchtigen, aber das Eintauchen in diese Welt begünstigen.
Dies wird Thomas Meyer selbst dem interessierten Publikum zu Gehör bringen und lädt zusammen mit dem Organisationsteam der Reihe Herder liest am 3.6.2015 in die Aula des Gymnasiums ein. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr. Eintritt: 7 € (Schüler und Studenten zahlen 2€.)
Heike Roeder
Autor: redEs gehören Erfahrungen, Wissen und auch Mut dazu, kritischen Blickes die Welt zu betrachten, auf Eigentümlichkeiten und Irrwege hinzuweisen, aber auch die Regeln des Lebens von innen her in Frage zu stellen. Er beherrscht dies.
Er, das ist der Schweizer Thomas Meyer. Während seiner Tätigkeit als Reporter und Textchef in verschiedenen Redaktionen erlangte er 1998 erste Beachtung als Verfasser von online-Kolumnen unter dem Pseudonym Hans Schmerz. Hier blickte er zum Beispiel ironisch-kritisch auf das Altern, fungierte als ein auf Frauen spezialisiertes Medium und stellte eigene Staatsgesetze auf.
Auch mit seinem drei Jahre währenden Street-Art-Projekt Aktion für ein kluges Zürich sorgte er für Aufsehen. In höflicher Anredeform steht da auf grell bunten Aufklebern: Wer würde sich über Ihren Tod freuen?” oder Wozu fehlt Ihnen schlicht der Mut?”. Es sind Fragen, die Aufmerksamkeit erregen und die Neugierde anregen sollen, so der hier hervortretende Werbetexter. Vielleicht stimmen sie den einen oder anderen auch nachdenklich und sorgen dafür, dass der Weltenbürger reflektierter wird. 48 Fragen an das Selbst bündelte Meyer dann in dem 2013 beim Salis-Verlag erschienen Postkarten-Set.
Von dem seit 2007 frei schaffenden Autor und Texter liegt seit April nun ein zweiter Roman vor. Er versetzt den Leser in das Preußen des frühen 18. Jahrhunderts. 1716. König Friedrich Wilhelm I. hat mit der verschwenderischen Hofhaltung seines Vaters gebrochen. Er gibt das Geld lieber für die Armee aus – namentlich für die Langen Kerls, seine Leibgarde aus lauter Riesen. Keiner von ihnen ist allerdings freiwillig hier…
Meyer hat sich formidabel nicht nur in die damalige Zeit hinein recherchiert, sondern das ganze Büchlein in Stil und Duktus der damaligen Zeit geschrieben. So ist "Rechnung über meine Dukaten" ein äußerst amüsantes Lesevergnügen mit Mehrwert.
Auf seine jüdischen Wurzeln (die Mutter ist jüdisch geprägt) greift der Autor in dem 2012 erschienen Debütroman, der 46 Wochen lang auf der Bestsellerliste stand, zurück. Bereits der Titel lässt erahnen, dass die Sprache im Roman selbst zum Ereignis wird: Wolkenbruchs wundersame Reise in die Arme einer Schickse. Den besonderen Klang erhält es durch die Kombination der Standardsprache mit Jiddisch. Meyer thematisiert im Roman die Liebesnöte eines frommen jungen Juden. Motti Wolkenbruch lebt noch immer zu Hause, mit seiner geschwätzigen mame und seinem tate, der es seit längerem vorzieht zu schweigen und sich am liebsten hinter der aktuellen Ausgabe des "Tacheles" versteckt.
Die zufällige Begegnung mit einer hübschen Schickse wirft Mottis Leben aus der Bahn; ihm wird bewusst, dass er in seinen Kreisen kein Liebesglück finden wird. Und je mehr seine mame auf ihn einredet, umso stärker regt sich in ihm der Wunsch nach einem mamefreien Leben in den Armen ebendieser Schickse…
Ein wunderbares Buch, lustig, witzig und süffisant geschrieben. Man taucht gleich ein in die Welt des Zürcher orthodoxen jungen Mannes, der von seiner Mutter umsorgt und gehätschelt wird, obwohl er schon 25 Jahre alt ist. Er kennt nichts anderes und gibt dem Leser einen Einblick in diese abgeschottete Welt. Herrlich sind die Einschübe oder einzelnen Worte in Jiddisch, die den Fluss des Lesens nicht beeinträchtigen, aber das Eintauchen in diese Welt begünstigen.
Dies wird Thomas Meyer selbst dem interessierten Publikum zu Gehör bringen und lädt zusammen mit dem Organisationsteam der Reihe Herder liest am 3.6.2015 in die Aula des Gymnasiums ein. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr. Eintritt: 7 € (Schüler und Studenten zahlen 2€.)
Heike Roeder
