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nnz-Forum: Blatter wird nervös!

Freitag, 29. Mai 2015, 10:29 Uhr
Der Fußball wird bald wieder rollen - im Landkreis Nordhausen, in Thüringen und auch in Deutschland. Doch zuvor macht sich nnz-Autor Hans-Ullrich Klemm so seine Gedanken über einen Verband und dessen Vorsteher...

Nun wird es wirklich schmutzig. Nach Bekanntwerden der fragwürdigen Aktenöffnung in der Schweiz in der vergangenen Woche, über die nachfolgend noch gesprochen wird und der erstmals folgenden heftigen Kritik vom DFB an Blatter, schlug dieser mit einem ungeahnten Hinweis zurück. Er warf indirekt Deutschland (OK–Chef Beckenbauer) vor, sich die WM 2006 erkauft zu haben, was eigentlich gleichzeitig einem Eingeständnis gleichkäme, dass bei der FIFA tatsächlich betrogen wird.

Bekanntlich fehlte bei der Wahl damals eine Stimme eines Neuseeländers, die ein Unentschieden verhinderte, weil dann Blatter allein die Entscheidung hätte herbeiführen können und wahrscheinlich schon zu diesem Zeitpunkt die WM vermutlich an Südafrika vergeben hätte. Ungereimtheiten waren damals schon bekannt geworden, doch das ausgerechnet jetzt über eine Zeitung so zu verbreiten zu lassen, ist schon eine fast makabere Angelegenheit zwischen zwei wichtigen (ehemaligen) in Freundschaft verbundenen Mitglieder-Gruppen innerhalb der FIFA!

Es ist wirklich kurios. Seit Jahren wissen die kleinsten Dorfvereine in der Welt, dass ranghohe Mitglieder ihres Dachverbandes, förmlich die „Regierung“ des Fußballsportes, mit Sitz in der Schweiz, bereits seit vielen Jahren Empfänger von sehr hohen Schmiergeldsummen waren.

In vielen Berichten informierten „ermittelnde“ standfeste Redakteure ihren Lesern, Hörern und Zuschauern immer wieder von diesen skandalösen Machenschaften. Doch Aufklärungen wurden von den wichtigen Personen, allen voran der bereits seit 1981 bis 1998 als Generalsekretär und seit 1998 bis heute als Präsident der FIFA agierende J. Blatter nur versprochen, Taten blieben aus.

Wie sich aber nach eigenen Angaben erst jetzt herausstellt, hatten wichtige Deutsche Fußballfunktionäre angeblich davon keine Kenntnis, warum nicht, folgt später. An der Spitze muss zuerst der Ex-Präsident Dr. Zwanziger genannt werden. Er wurde bekanntlich im März 2011 vom 35. Kongress des Europäischen Verbandes, UEFA, direkt in die FIFA gewählt und erhielt als Jurist die besonders vertrauensvolle Funktion als „Vorsitzender der Task Force Statutenrevision“, war also genau an der richtigen Stelle zu wirken, um die Aufklärung voranzutreiben und spätere Wiederholungen sofort im Ansatz verhindern zu können.

Noch im März diesen Jahres hatte er voller Stolz berichtet, dass sich der Reformprozess bei der FIFA sehr gut entwickelt und (wörtlich): „aufgrund der exzellenten Sitzungsleitung in Budapest des Herrn Blatter deutlich vorangekommen ist. Eventuelle Verdachtsmomente werden sofort durch die eigenen Organe, die wie eine Staatanwaltschaft wirken, verfolgt!“

Fast schon vergessen scheint allerdings der plötzliche Rücktritt des früheren Präsidenten des Deutschen Bundesgerichtshofes, G. Hirsch, zu sein, der nach der Doppelvergabe der Fußballweltmeisterschaften an Russland und Katar sowie wegen der aufkommenden Gerüchte von Schmiergeldzahlungen sich sofort aus der FIFA-Ethikkommission verabschiedete, weil sich dort nichts tat. Das hätte doch ein ernstes Alarmzeichen für viele sein müssen!

Ein ganz normaler Schweizer Journalist hatte 2010 den Einfall, sich einfach einmal ganz formlos an die FIFA-Zentrale zu wenden, um Einsicht in die geheimnisvollen Akten zu erhalten, die sich um die bis dahin vermuteten „Schmiergeldzahlungen“ von dem 2001 insolventen Medien- und Marketingunternehmen ISSM/ISL unter der Führung von Blatters Freunden, Weber und H. Dassler, an verschiedene Leute nicht nur dieses Verbandes drehten. Nachdem die Staatsanwaltschaft Zug für eine hohe Millionenzahlung der FIFA zunächst die Akten ruhen ließ, sprach sich die mutige Anfrage herum, dass einige Zeitungsredaktionen das gleiche Begehren hatten, bis das Schweizer Bundesgericht die eigentliche Einstellung nach Gesetz und einem Deal mit der FIFA in diesen Tagen aber plötzlich wieder zum Erwachen brachte!

Was dabei an die Oberfläche kam, ist sehr, sehr schlimm, doch eigentlich nur die Spitze des „Eisberges“. Während die Staatsanwaltschaft Zug von noch von einem Mangel an Interesse in der Öffentlichkeit sprach, lag nach Meinung des höchsten Schweizer Gerichtes, dem Bundesgericht, nunmehr ein weltweites Interesse vor.

In der Fußballwelt rechnete man mit aufgedeckten Verfehlungen der bekannten Funktionäre in hohen Funktionen und teilweise im sehr hohen Alter, wie z.B. Warner (Trinidad), Bim Hamman (Katar), Grondora (Argentinien), Texeira (Brasilien) und sein Ex-Schwiegervater Havelange.

Im Blickpunkt dieser Akten standen besonders aber vorerst die beiden echten letzteren „Familienmitglieder“, wie Blatter gern seine Mitarbeiter nennt. Der fast 100-jährige (es fehlen nur noch 4 Jahre) von 1974 bis 1998 amtierende brasilianische FIFA-Präsident Havelange hat mit seinem „Zögling“, Ex-Schwiegersohn Texeira, besonders gern seine Hände aufgehalten, um die Schmiergeldzahlungen, die offiziell aber „Provisionen“, „Honorare“ bzw. „finanzielle Zuwendungen für Persönlichkeiten“ genannt wurden, von über einer Million EURO sowie unglaubliche 10(!) Millionen entgegen zu nehmen. Texeira trat Anfang dieses Jahres nach 23 Jahren als Verbandspräsident und im März auch aus der FIFA-Exekutive zurücktrat (er wusste wohl genau, warum…). Beide schädigten damit auch ihren Dachverband!

Insgesamt soll der kontinuierlich zahlende Schmiergeldgeber, laut den offengelegten Dokumenten in den drei letzten Jahren seines Bestehens fast 115 (!) Millionen, für den Normalbürger eigentlich unvorstellbar, für bestimmte Vermarktungs- und Übertragungsrechte vorwiegend an FIFA-Mitglieder gezahlt haben. Wer die weiteren Empfänger waren, die auch anderen Weltverbänden zugeordnet werden können, wird sich auch noch herausstellen, meine Vermutung liegt nahe, dass ein paar überraschende Empfänger dabei sind...

Von den Schmiergeldzahlungen erhielt, wie bekannt wurde, Blatter rein zufällig erstmals 1997 Kenntnis, als eine an Havelange gerichtete Überweisung (1 Mill.) versehentlich auf ein Konto der FIFA überwiesen wurde. Die späteren „Zuwendungen“, im von den Rechtsanwälten der beteiligten Partner unterschriebenen Protokoll bei der Staatsanwaltschaft Zug, waren lt. heutiger Aussage des noch amtierenden FIFA- Präsidenten damals ohne große Bedeutung, da die erhaltenen Gelder für einen Geschäftsaufwand erst in der heutigen Zeit strafbar wären…

Bleiben noch ein paar Bemerkungen zu unseren Funktionären in Deutschland: Der schon von mir erwähnte, früher -bis auf ein paar Ausnahmen - sehr anerkannte, nunmehr „vereinslose“ Dr. Zwanziger scheint nach Einschätzungen bekannter Experten eher ein guter Kumpel, statt ein hemmungsloser Aufklärer im Gefüge des „Blatter-Ensemble“ zu sein. Nach dem Ergebnis dieser soeben endlich gerichtlich angeordneter Veröffentlichung der bisher in den Regalen der Staatsanwaltschaft schlummernden Dokumente scheint für ihn sein vorzeitiger Rückzug aus Zürich beschlossene Sache zu sein, um sich in seinem verdienten Rentendasein nunmehr voll und ganz seiner Familie und seinen Enkelkindern widmen zu können, wie er auch schon seinen völlig überraschenden Rückzug als DFB-Chef begründete.

Leider muss sein bisheriger „Reformationseinsatz“ als gescheitert betrachtet werden, weil der immer wieder angekündigte Selbstreinigungsprozess bei der FIFA ausblieb, in dem neben der Förderung und Weiterentwicklung des Fußballs auch Maßnahmen gehören, die Verletzungen von Regeln und Statuten des internationalen Verbandes aufzudecken haben und unmissverständlich zu bestrafen sind.

Mich überrascht allerdings sehr, dass solche einflussreichen Leute, wie unser neuer DFB-Präsident Niersbach und Liga-Chef Dr. Rauball nach eigener bisher völliger Enthaltung zu diesem lange umherkreisenden Thema erst nach der gerichtlichen Offenlegung plötzlich in die Offensive gehen und, wie Letzterer sogar diesem Blatter einen sofortigen Rücktritt empfiehlt. Das wäre schon eine längst folgerichtige Konsequenz, doch wo waren ihre Stimmen vorher?

Eigentlich waren unsere hohen Funktionäre in Deutschland deshalb lediglich „Steigbügelhalter“ ihres Schweizer Chefs waren! Allein bei der letzten EM konnten wir Fernsehzuschauer noch im Juni eine fröhliche Einheit des „Trios“ auf der Stadiontribüne erkennen, die eine solche gedankliche Kehrtwende nicht ansatzweise vermuten ließ!

Stichwort Europa: Der früher glänzende Fußballer und designierte Nachfolger des FIFA- Chefpostens, Platini aus Frankreich, hat sich im Windschatten seines größeren „Bruders“ als UEFA- Boss immer erstaunlich bei den Diskussionen um den erneut „unschuldigen “ Meister Blatter, der bestimmt bald den öffentlichen Druck nicht mehr aushalten und von seinem Sockel steigen wird, auffällig zurückgehalten, allerdings mittlerweile auch bereits einen teilweise sehr fragwürdigen Freundeskreis um sich herum aufgebaut. Mal sehen, was da alles noch zu erwarten ist.

Nach der Degradierung des „Ehrenpräsidenten“ Haverlange in Kürze wird in das Schmierentheater FIFA mit Sicherheit etwas mehr Bewegung und knisternde Spannung kommen, als in den letzten Monaten, vielleicht schon am kommenden Dienstag in Zürich…..
Das Wort „Rücktritt“ könnte in Verbindung mit dem Thema FIFA in naher Zukunft bestimmt öfters genannt werden!

Übrigens hat der DFB nunmehr ein großes Problem, nämlich eine Variante zu finden, wie man ein „Ehrenmitglied“ aus Zürich los wird...
Hans-Ullrich Klemm
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Autor: red

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