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Wir brauchen Entscheidungen

Donnerstag, 07. Mai 2015, 10:00 Uhr
Nicht nur der Stadt steht das Wasser bis zum Hals. Je länger der Haushalt auf sich warten lässt, desto dünner wird auch die Luft für die kleineren Vereine der Stadt. Die Jugendkunstschule hat bereits auf Notbetrieb umgestellt. Die nnz hat mit den Kreativen darüber gesprochen, was sie zu bieten haben, wie die Zukunft aussehen könnte und was sie von der Politik erwarten...

Jugendkunstschule kämpft ums überleben (Foto: Angelo Glashagel) Jugendkunstschule kämpft ums überleben (Foto: Angelo Glashagel)

Thomas Kerwitz ist fast jeden Tag in der Jugendkunstschule (JKS) anzutreffen. Der Grafikdesigner ist ehrenamtlich als Vorstand der Schule tätig, kümmert sich um administratives, betreut aber auch Kurse und Projekte. Heute ist eine Gruppe Schüler aus der Petersbergschule im Haus, die versuchen sich der Flüchtlingsproblematik mit Bleistift, Kohle und Pinsel zu nähern.

"Thüringen mein nahes, fernes Land" heißt das Projekt, das zusammen mit der Weimarer Mal- und Zeichenschule durchgeführt wird. Aktuell sollen sich die Jungen und Mädchen überlegen, was passieren müsste damit sie aus ihrer Heimat fliehen, und das ganze zu Papier bringen. Nicht als Aufsatz oder als Hausaufgabe, sondern in freier, kreativer Arbeit.

Früher habe er solchen Ansätzen auch skeptisch gegenübergestanden, erzählt Kerwitz, inzwischen habe er festgestellt, das es so etwas brauche, das künstlerisches Denken auch demokratisches Denken sei. "Man lernt tolerant gegenüber neuem zu sein, das eigene Bild auf den Kopf zu stellen" sagt Kerwitz, diese Toleranz im Denken fehle immer mehr.

Vereinsvorsitzender Thomas Kerwitz: "künstlerisches Denken ist auch demokratisches Denken (Foto: Angelo Glashagel) Vereinsvorsitzender Thomas Kerwitz: "künstlerisches Denken ist auch demokratisches Denken (Foto: Angelo Glashagel) Es gebe viele Möglichkeiten, Kinder und Jugendlichen das zu vermitteln, ob im Sport, bei der Feuerwehr oder eben auch in der Kultur. Wichtig sei, so Kerwitz, das man die Auswahl habe, damit man seinen Platz in der Gesellschaft selber finden könne. An der Jugendkunstschule versucht man das über wöchentliche Kurse, die 2014 im Schnitt von 170 Personen besucht wurden. Hinzu kommen die aktuellen Kreativprojekte im eigenen Haus die gut 50 Teilnehmern haben und die Angebote an den städtischen Schulen selbst. Insgesamt nahmen im vergangenen Jahr rund 2000 Kinder und Jugendliche an den Projekten der JKS teil.

Man ist stolz auf die eigene Arbeit, gerade was die Schulen anbelangt. Hier könne man auch immer wieder Kinder für kreatives arbeiten begeistern, die aus dem Elternhaus keine Impulse in dieser Richtung erwarten könnten. "Wir machen keine Schule nach Lehrplan", sagte Martina Degenhardt, Leiterin der JKS, "wir können freier, unbelasteter mit den Kindern arbeiten. Das macht es uns leichter, sie aus ihrem sozialen Gefüge herauszuholen und ihnen neue Erfahrungen zu ermöglichen".

Die Arbeit der vergangenen Jahre aber sieht man jetzt gefährdet. Denn der Jugendkunstschule steht da Wasser bis zum Hals. Ab kommenden Monat wird auf Notbetrieb umgestellt, zwei Mitarbeiter mussten bereits entlassen werden und das jährliche Kunstfest mit der Musikschule steht zur Diposition. Wenn man von der Stadt keine Förderzusage auf dem Niveau des Vorjahres bekomme, werde die JKS in ihrer jetzigen Form im Herbst nicht mehr existieren, sagte Kerwitz.

Mit den Schülern der Lessingschule arbeitet man gerade an Requisiten und dem Bühnenbild für ein Theaterstück (Foto: Angelo Glashagel) Mit den Schülern der Lessingschule arbeitet man gerade an Requisiten und dem Bühnenbild für ein Theaterstück (Foto: Angelo Glashagel)
Kostüme, Requisiten, Bühnenbild: mit Schülern der Lessingschule und des Förderzentrums St. Martin arbeitet man an der Gestaltung eines Theaterstücks zum Thema "Angst"

Konkret geht es um 34% des derzeitigen Etats. Das ost der städtische Anteil an der Finanzierung. Weitere 8% kommen vom Landkreis, den Rest bringt die Schule durch Kurseinnahmen und geförderte Projekte selbst auf. Der Knackpunkt ist dabei die Projektförderung, den hier sind die größten Kostenpunkte, Personal- und Betriebskosten, in den Regel nicht förderfähig. Größere Vereine oder Einrichtungen mit starken Organisationen im Hintergrund können bei Engpässen quer finanzieren und Gelder in defizitäre Bereiche umleiten, kleinere Insitutionen ohne Dachverband oder anderweitige Rückendeckung haben solche Möglichkeiten nicht.

Längerfristig streben die Thüringer Kunstschulen deswegen eine Änderung ihres gesetzlichen Status in Erfurt an. Über die Landesarbeitsgemeinschaft versuche man die Gleichstellung mit den Musik- oder Volkshochschulen zu erreichen, erklärte Degenhardt. Diese werden durch die Landkreise voll gefördert.

Kurzfristig müsse man jedoch "schmerzhafte Entscheidungen treffen" um das überleben der Schule zu gewährleisten. Man arbeite an Alternativplänen, die darauf hinauslaufen würden, das man Abstriche an der Grundidee der Jugendkunstschule machen müsste, so Kerwitz. Also eine kleinere Schule mit weniger Kursen. Konkret würde das wohl bedeuten, das die JSK etwas exklusiver, etwas elitärer werden müsste, doch gerade das wollen die Verantwortlichen eigentlich nicht, da das dem Anspruch des Hauses entgegen steht.

Man betrachte die Stadt als Partner, sagte Degenhardt, "und wir leisten unseren Teil der Partnerschaft, zum Beispiel bei der Gestaltung des öffentlichen Raums oder bei städtischen Festen und Veranstaltungen". Gerade das mache die aktuelle Situation so schwierig. Von der Politik erwarte man endlich klare Aussagen, ob das Angebot noch gewünscht sei. "So sehr wir auch konstruktive Gespräche begrüßen: wir brauchen rechtsverbindliche Entscheidungen, nicht nur Willensbekundungen", sagte Vereinsvorsitzender Kerwitz.

Mit den Sorgen steht man nicht alleine da. Zum gestrigen Stadtrat nutzte nicht nur Kerwitz die Bürgerfragestunde um Klarheit zu erlangen, sondern auch Sabine Reich vom Kreisjugendring, der unter anderem das Clubhaus betreibt.

Im Stadtrat wurde auf den ausstehenden Haushalt verwiesen, vorher könnten keine Gelder fließen. Dabei wird die Stadt nicht umhin kommen, in Erfurt um Bedarfszuweisungen in Höhe von gut fünf Millionen Euro zu bitten. Sonst kann der Haushalt nicht ausgeglichen werden und es ist alles andere als ausgemacht, das dass Land Gelder in dieser Größenordnung auch locker macht. Ob und wenn ja wieviel Geld in den Erhalt der Schule fließen könnte, weiß man also auch weiterhin nicht.

In dieser Hinsicht haben die Sportler von Wacker den Künstlern schon etwas voraus: im Albert-Kuntz-Sportpark weiß man seit dieser Woche das von der Stadt keine Hilfe zu erwarten ist und kann entsprechend planen. Diesen fragwürdigen Luxus hat man in der Domstraße noch nicht.
Angelo Glashagel
Autor: red

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