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Viel Begabung, wenig Unterstützung

Mittwoch, 11. März 2015, 15:09 Uhr
Intelligenz wird in unserer Gesellschaft hoch geschätzt. Gerade in jungen Jahren kann eine außerordentliche Begabung aber nicht nur Segen sondern auch Belastung sein und den weiteren Lebensweg erschweren. Hilfe für Betroffene gibt es in der Region nicht. Gabriele Lützkendorf vom Familienzentrum will das endlich ändern...

Es ist nicht immer leicht, schlauer als die meisten anderen zu sein. Wer sich als Erwachsener der eigenen geistigen Schärfe bewusst ist, mag damit umgehen können, im Kindesalter fällt es vielen schwer.

Ausgegrenzt oder sich selbst abgrenzend von den Altersgenossen, die einen nicht verstehen, ziehen sich viele hochbegabte Kinder in sich selbst, in ihre eigene Welt zurück. "Hochbegabung ist definitiv keine Krankheit, aber sie kann krank machen", sagt Gabriele Lützkendorf, Diplom- und Begabtenpädagogin am Nordhäuser Familienzentrum, "daran kann ein Kind zerbrechen und das wollen wir verhindern".

Lützkendorf, die zuerst am eigenen Sohn, dann an der Tochter erleben konnte, welch einen Unterschied es macht, ob ein hochbegabtes Kind die richtige Förderung bekommt oder nicht, will in Nordhausen eine Arbeitsgruppe betroffener Eltern gründen. Denn in der Region gibt es niemanden, an den sich hilfesuchende Eltern wenden können und selbst in Großstädten finden sich nur vereinzelt Fachleute, die sich mit dem Thema Hochbegabung befassten, so Lützkendorf.

Schätzungen zu Folge sind rund 2% der Bevölkerung hochbegabt. Wobei der Begriff "Hochbegabung" eine Einheitlichkeit vortäuscht, die so nicht gegeben ist, da sich die Begabung sehr unterschiedlich äußern kann und nicht immer klar zu erkennen ist. Die einen können sehr früh lesen, andere erlernen Fremdsprachen ohne großes zutun, vollbringen enorme Gedächtnisleistungen oder können im Kindergartenalter schon besser rechnen als manch Grundschüler.

Pädagogin Gabriele Lützkendorf hat selbst zwei Hochbegabte Kinder (Foto: Angelo Glashagel) Pädagogin Gabriele Lützkendorf hat selbst zwei Hochbegabte Kinder (Foto: Angelo Glashagel)

In der Schule ecken die Kinder oft an, erfahren Neid und Missgunst, fühlen sich als "Fremdkörper". Jungen neigten zu Verhaltensauffälligkeiten, Mädchen versuchten eher, sich stärker anzupassen und kämen dadurch in die Gefahr psychosomatische Störungen zu entwickeln. Und sie müssen lernen sich anzustrengen, wenn auch aus anderen Gründen. "Potential zu haben ist das eine, etwas daraus zu machen etwas ganz anderes", sagt Gabriele Lützkendorf, "auch wenn ihnen vieles leicht fällt, müssen die Kinder lernen, dass man sich anstrengen muss". Dafür brauche es aber die richtige Förderung und passende Angebote.

In Schulen und Kindergärten sind diese kaum zu finden, da Erzieherinnen und Lehrer nur selten für den Umgang mit Hochbegabung ausgebildet sind. Das Thema wird im Studium kaum behandelt. Eltern, die Hilfe suchen, stoßen in der Familie, im Bekanntenkreis oder auch an der Schule oft auf Unverständniss oder sehen sich Vorwürfen ausgesetzt. Man bringe dem eigenen Kind zuviel bei, sei zu ehrgeizig, überfürsorglich, oder solle sich doch freuen, das der Sprössling so schlau ist. Schnell folgt die Einsicht, dass es in der Region keine Institution gibt, die einem helfen kann.

Deswegen will Gabriele Lützkendorf Betroffenen jetzt helfen, sich zumindest ein wenig selbst zu helfen und plant für den 20. April das erste Treffen der Arbeitsgruppe Hochbegabung. Eltern sollen zusammenkommen, um Erfahrungen auszutauschen. "Es ist wichtig zu wissen das man mit dem Problem nicht alleine dasteht", so Lützkendorf, "auch wenn jedes Kind einzeln und in seiner konkreten Situation betrachtet werden muss, ist es doch gut zu hören, wie andere Eltern mit der Situation umgegangen sind und welche Wege sich bewährt haben".

Perspektivisch sollen auf Hochbegabung spezialiserte Gäste geladen werden. Etabliert sich eine feste Gruppe, plant Lützkendorf als Fernziel auch Angebote speziell für Hochbegabte Kinder.

Die AG Hochbegabung trifft sich am 20.04. um 16:30 im Familienzentrum in der Alexander-Puschkin-Straße.
Bei Interesse kann man sich für die Arbeitsgruppe anmelden und Frau Lützkendorf telefonisch unter 03631 - 462650 erreichen, oder via E-Mail an g.luetzkendorf@jugendsozialwerk.de kontaktieren. Die AG Hochbegabung trifft sich am 20.04. um 16:30 im Familienzentrum in der Alexander-Puschkin-Straße.
Angelo Glashagel
Autor: red

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