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Fast 400 000 Thüringer von Armut betroffen

Donnerstag, 19. Februar 2015, 11:57 Uhr
Fast 400 000 Thüringer sind von Armut betroffen. Nach einer neuen Berechnung des PARITÄTISCHEN beträgt die Armutsquote in Thüringen 18 Prozent und ist damit auf einen neuen Höchststand seit 2009 gestiegen. Alle Daten und Fakten wie immer mit einem Klick...


Innerhalb eines Jahres nahm nach diesen Zahlen die Zahl der von Armut getroffenen Menschen in Thüringen um mehr als 20 000 oder 1,2 Prozent zu. Der PARITÄTISCHE konstatiert eine vollständige Entkopplung von wirtschaftlicher Entwicklung und Armutsentwicklung.

Wirtschaftswachstum und die insgesamt positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in Thüringen führten nicht zu einer Verringerung des Armutsrisikos, konstatiert Reinhard Müller, der Landesgeschäftsführer des PARITÄTISCHEN.

Bei der Berechnung der Armutsquoten werden, wie in der EU üblich, Personen in Haushalten gezählt, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Einkommens in Deutschland beträgt. 2013 lag die so errechnete Armutsgefährdungsschwelle für einen Singlehaushalt bei 892 Euro. Für Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag sie bei 1873 Euro.

Besonders hoch ist die Armutsquote nach den Zahlen der Studie des PARITÄTISCHEN mit 19,2 Prozent in Nordthüringen. Bei den nach Planungsregionen aufgeschlüsselten Zahlen für den Freistaat folgen Mittelthüringen (18,8 Prozent), Ostthüringen (18,2 Prozent). Südthüringen liegt mit 15,8 Prozent deutlich unter dem landesweiten Schnitt. Im bundesweiten Länderranking kommt Thüringen auf Rang 11.

Die regionale der Kinderarmut in Thüringen zeigt eine deutliche Spreizung. Besonders hoch ist sie in Gera und in Erfurt. In Gera liegt die Zahl der unter 15-Jährigen, die in Familien leben, die auf Hartz IV oder Sozialhilfe angewiesen sind, bei 29 Prozent. In Erfurt sind es 25,5 Prozent, in Nordhausen 24 Prozent, im Kyffhäuserkreis 23,8 Prozent, im Altenburger Land bei 23,4 Prozent, in Eisenach 23,4 Prozent und im Unstrut-Hainich-Kreis 20,4 Prozent.

Dagegen leben im Eichsfeldkreis nur 9,2 Prozent der Kinder in Familien, die auf Hartz IV oder Sozialhilfe angewesen sind. Auch im Wartburgkreis (10,2 Prozent) oder im Landkreis Sonneberg (11,5 Prozent) liegt die Kinderarmutsquote deutlich unter dem Landesschnitt von insgesamt 17 Prozent.

Das höchste Armutsrisiko von allen Haushalten zeigen nach dieser Studie deutschlandweit Alleinerziehende mit 43 Prozent. Sorgen bereitet auch die Entwicklung bei Rentnerinnen und Rentnern. Noch ist deren Armutsquote mit 15,2 Prozent bundesweit vergleichsweise moderat. Allerdings verbirgt sich dahinter ein extremer Anstieg der Armut um 48 Prozent seit 2006. Der PARITÄTISCHE spricht von einem „Erdrutsch bei der Altersarmut“. Landesgeschäftsführer Reinhard Müller fordert von der Bundesregierung entschlossene Reformen, um die auf uns zurollende Welle der Altersarmut aufzuhalten.

Der Verband fordert zur Bekämpfung der Armut in Deutschland ein umfassendes Maßnahmenbündel. Neben einer deutlichen Erhöhung der Regelsätze in Hartz IV sind insbesondere Reformen des Familienlastenausgleichs und der Altersgrundsicherung erforderlich, um Armut wirksam vorzubeugen.

Voraussetzung dazu ist aber, so Müller, ein steuerpolitischer Kurswechsel, der große Vermögen und Einkommen stärker als bisher zur Finanzierung des Sozialstaats heranzieht. „Wir brauchen steuerpolitisch einen starken, keinen schwachen Staat“, so Müller.
Autor: red

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