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Jeder ist uns willkommen

Dienstag, 10. Februar 2015, 09:00 Uhr
Gestern berichtet Kurt Frank bereits über den Besuch der nnz im islamischen Kulturzentrum Nordhausens. Doch Herr Frank war nicht allein gekommen. Während der alte Hase heikle Fragen stellte, interessierte sich Angelo Glashagel für den Alltag der Nordhäuser Muslime...

Islamisches Kulturzentrum Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel) Islamisches Kulturzentrum Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)

Vergangenen Freitag, kurz vor zwei Uhr. Im islamischen Kulturzentrum Nordhausens wurde gerade das Freitagsgebet beendet. Etwas früher als sonst, denn der Imam des Hauses, Abdel Lahlou, hat sich heute kurz gefasst – Pressetermin, noch einmal. Die nnz ist, anders als sonst üblich, gleich mit zwei Reportern vor Ort. Kurt Frank, ehemals Chefredakteur einer Tageszeitung und inzwischen Ruheständler, bringt Erfahrung und die heiklen Fragen mit, Angelo Glashagel, der Nachwuchs, den unverstellten Blick auf die Dinge.

Angesichts von Terror und Gewalt im Nahen Osten, neuen Flüchtlingsströmen und islamophoben Großdemonstrationen im eigenen Land schaut Deutschland auf seine Muslime. Gehört er nun zu Deutschland, oder nicht, der Islam? Wie steht es um die Integrationswilligkeit? Wie gefährlich sind Salafisten und andere radikale Gruppen? - viel wurde über „die“ Muslime geschrieben, viel diskutiert. Auch in Nordhausen, ob in Artikeln, Kommentaren oder Leserbriefen.

Seltener steht zu lesen, wie sich die letzten Wochen und Monate aus Sicht der muslimischen Bevölkerung darstellen. Die gibt es nunmal auch in der Rolandstadt, und zum Teil schon eine ganze Weile.

Das Kulturzentrum, das den Nordhäuser Muslimen als Moschee dient, besteht hauptsächlich aus einem großem Raum, der mit Teppich ausgelegt ist und einem Büro. Viele Menschen, junge und alte, Männer und Frauen tummeln sich noch im Gebetsraum, schwatzen. „Freitags ist es voll“, sagt Imam Lahlou und bittet uns in sein Büro, während ein Mann auf ihn einredet, der Post vom Amt bekommen hat und Hilfe bei der Übersetzung braucht.

Zum Gespräch mit der nnz hat sich auch Imam Lahlou ein wenig Unterstützung erbeten - Almir Catavic, Avdija Redzep und Muammer Altuq sind im Vorstand des Vereins, der die Moschee seit 2007 betreibt. Warum das Interview ein Zwölf-Augen-Gespräch wird, klärt sich schnell. Abdel Lahlou ist kein ausgebildeter Imam, kein brillanter Rhetoriker, der auf jede Frage eine Antwort weiß, sondern ein einfacher Student der Nordhäuser Hochschule. Ein junger Mann dem man ein wenig Nervosität angesichts zweier Reporter nachsehen kann.

„Ich arbeite ehrenamtlich für die Gemeinde, bis wir wieder einen richtigen Imam, einen Gelehrten, bekommen“, sagte Lahlou. Über seinen Vorgänger spricht man hier ungern. Der Mann hatte Verbindungen zur deutschen Salafistenszene, soll ein Fan des radikalen Predigers Pierre Vogel gewesen sein und wurde inzwischen abgeschoben. Von den salafistischen Tendenzen habe man nichts gewusst, die hätte Lahlous Vorgänger nicht in die Moschee getragen, hieß es einhellig im Vorstand. „Abgeschoben wurde der Mann übrigens, weil er bei seiner Einreise falsche Angaben zu seiner Person gemacht hatte, nicht wegen der Verbindungen zu den Salafisten“, sagte Herr Catavic.

Dem Ruf der Moschee habe das alles sehr geschadet, inzwischen sei man aber wieder auf einem guten Weg. „Wir schauen nach vorne, nicht zurück“, sagte Abdel Lahlou. Der Vorstand wurde damals neu gewählt, das System des Vereins verändert. „Wer sich bei uns mit radikalen Äußerungen hervortut, der bekommt Hausverbot“, sagt Lahlou.

v.l.: Imam Abdel Lahlou, Vorstandsmitglieder Muammer Atug, Almir Catavic (Foto: Angelo Glashagel) v.l.: Imam Abdel Lahlou, Vorstandsmitglieder Muammer Atug, Almir Catavic (Foto: Angelo Glashagel)

Seit 2012 steht Lahlou jeden Freitag vor der muslimischen Gemeinde und predigt. Mal kommen sechzig Leute, mal siebzig. Unter der Woche ist es eher ruhig, der Verein, der das Kulturzentrum trägt, hat nur acht Mitglieder. „Ein gutes Drittel der Leute, die freitags herkommen, sind Studenten an der Hochschule oder bereiten sich im Studienkolleg darauf vor“, erzählt Lahlou. Er selbst stammt aus Marokko, hat dort am Goethe-Institut Deutsch gelernt, und folgte 2005 seinem Bruder nach Deutschland.

Seine Glaubensbrüder aus dem Vorstand sind Alteingessesene, leben seit den 90er Jahren in der Stadt und sprechen fließend deutsch. Für die Muslime habe sich das Leben seit den Anschlägen vom 11. September sehr verändert, meinte Almir Catavic, der in jungen Jahren aus Serbien kam und inzwischen fast die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbracht hat. Den Geschehnissen der letzten Monate sieht er mit Gelassenheit. Sicher, es sei nicht immer schön, wie manchmal über den Islam und über Muslime berichtet werde, meint er, aber dass die Pegida, IS oder das Charlie Hebdo Attentat die Stimmung in der Stadt aufgeheizt hätten, davon habe man nichts gemerkt. Unbekannte hatten vor kurzem versucht, die Scheibe des Kulturzentrums einzuschmeißen. Viel Schaden haben sie nicht angerichtet. Man sieht keinen Grund zur Sorge und kann sich nicht beklagen, die Zusammenarbeit mit den Behörden sei stets gut. „Wir sind schon so lange hier, wir gehören zum Stadtbild“, sagte Catavic mit einem Lächeln und meint sich und seine Kollegen aus dem Vorstand der Moschee.

Auf ihn und viele andere trifft das sicherlich zu, aber weniger auf die Flüchtlinge, von denen in diesem Jahr mehr als erwartet im Landkreis Nordhausen untergebracht werden sollen. Viele von ihnen werden auch aus dem Nahen Osten kommen. Im Kulturzentrum finden sie Unterstützung und ein klein wenig Vertrautheit in einer fremden Welt. Wenn es Studium und Arbeit zulassen, hilft die Gemeinde bei Alltagsangelegenheiten – ein Konto bei der Sparkasse einrichten, übersetzen von amtlichen Schreiben, Begleitung als Übersetzer beim Gang zur Behörde. Für die Kriegsopfer in Syrien, die es nicht bis nach Europa schaffen, sammelt man seit drei Jahren Kleiderspenden. „Jeder ist hier willkommen“, sagt Lahlou und meint damit nicht nur Muslime unterschiedlicher Konfession, „ein-, zwei Mal im Jahr haben wir Schulklassen hier und manchmal auch andere Religionsgemeinschaften. Wir haben nichts zu verbergen. Jeder kann herkommen und sich anhören, was bei uns gepredigt wird, auf Deutsch und auf Arabisch.“ Da würde man nicht viel anderes zu hören bekommen, als in einer christlichen Kirche, die Grundlagen seien schließlich die gleichen.

Zurück in die alte Heimat zieht es keinen der Herren. Catavic, Redzep und Altuq leben schon lange hier, haben sich ihre Existenzen aufgebaut. Lahlou hat eine Deutsche geheiratet, haben inzwischen zwei Kinder und zuviel zu tun, um sich darüber Gedanken zu machen. Wie und wohin es nach dem Studium geht, das wisse er noch nicht. Nur Imam möchte er bis dahin bitte nicht mehr sein.
Angelo Glashagel
Autor: red

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