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Leserbrief: „Wer trocknet meine Tränen“

Sonntag, 25. Januar 2015, 17:55 Uhr
Noch vor 25 Jahren war mein Leben einigermaßen in Ordnung. Meine Familie und ich, wir hatten unser Auskommen. Wir hatten Freunde, Arbeitskollegen, jeder wusste was der andere verdient. Es war kein Geheimnis...


Neid und Missgunst gab es eigentlich nicht, das wirkte sich auch positiv auf das Klima am Arbeitsplatz aus. Die Wende kam. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Eltern und ihre Freunde ihre ersten Rentenbescheide bekamen. Auseinander klaffende Ansprüche. Von da an wurde nicht mehr miteinander gesprochen.

Der Betrieb, in dem ich arbeitete musste Insolvenz anmelden. Ich wurde arbeitslos. Ich fand schnell wieder eine Arbeit, nicht eine, die meiner Qualifikation entsprach, aber eine Arbeit. Ich ordnete mich ein und unter.

Ich fing von vorn an, im Alter von 40 Jahren. Ich hatte danach noch verschiedene andere Arbeitsstellen. Aber immer das gleiche Bild. Die Arbeitgeber erwarteten Überstunden. Auch das Klima am Arbeitsplatz war durchsetzt vom Konkurrenzdenken. Du musst dich am Arbeitsplatz fügen, sonst kannst du diesen schnell verlieren. Ich war teilweise spät Abends zu Hause.

Für Familienleben blieb nicht viel Zeit, auch Zeit für mich selbst kaum. Ich arbeitete viel und lang und sparte in eine Lebensversicherung und schloss im Vertrauen einen Riestervertrag zur Aufbesserung meiner Rente ab. Jetzt kann ich Rente bekommen und glaube meinen Augen nicht. Die einst ausgewiesene Überschussbeteiligung trifft jetzt nicht ein.

Der Bundesrat hat in 2014 ein Reformpaket für die Lebensversicherer beschlossen. Ziel der Maßnahme: „zu verhindern, dass einzelne Versicherer wegen zu hoher Zinsversprechen zusammenbrechen. Dieses Szenario ist nämlich nicht mehr ausgeschlossen, seit sich die Branche wegen der allgemein niedrigen Zinsen schwer tut, die Ausschüttungen an die Kunden überhaupt noch zu erwirtschaften. Die Folgen für die Kunden sind spürbar. Zum Beispiel sinkt der sogenannte Garantiezins.“ Und das ist nicht die einzige Änderung.

„Kunden, die einen Vertrag kündigen oder deren Vertrag in naher Zukunft ausläuft, werden nicht mehr zur Hälfte an Bewertungsreserven bei festverzinslichen Wertpapieren beteiligt. Die Unternehmen dürfen diese nur insoweit ausschütten, wie Garantiezusagen für die restlichen Versicherten gesichert sind.“ Das bedeutet für mich, meine Rechnung geht für das Alter nicht auf.

Auch auf mein Gespartes gibt es geringe Zinserträge. Die nicht helfen, meine Rente aufzubessern. Ich habe viel gearbeitet, mir kaum Urlaub gegönnt, um im Rentenalter abgesichert zu sein. Jetzt bricht für mich wieder ein Lebenstraum zusammen. Wer trocknet meine Tränen?
Andrea Meißner, Nordhausen
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Autor: red

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