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Feuer frei auf streunende Katzen?

Donnerstag, 20. November 2014, 14:33 Uhr
2498 Hunde sind nach Angaben des Steueramtes derzeit in Nordhausen steuerlich angemeldet. Wir berichteten. In deutschen Haushalten sind Katzen als Haustiere noch beliebter. Angeblich kommen auf einen Hund zwei Stubentiger. Wie viele es genau in Nordhausen sind, weiß keiner. Erfasst werden sie nicht. Eine Betrachtung von Kurt Frank...

Kater Bärle ist ein ganz Lieber. Von Herrchen und Frauchen liebevoll betreut, entfernt er sich stets nur wenige Meter vom Haus. (Foto: Kurt Frank) Kater Bärle ist ein ganz Lieber. Von Herrchen und Frauchen liebevoll betreut, entfernt er sich stets nur wenige Meter vom Haus. (Foto: Kurt Frank)
Kater Bärle ist ein ganz Lieber. Von Herrchen und Frauchen liebevoll betreut, entfernt er sich stets nur wenige Meter vom Haus.

Nordhausen/Südharz. An die 4000 Stubentiger könnten es sein. Die Streuner nicht mitgerechnet. Katja Kolbe vom Tierschutzverein am August-Bebel-Platz schätzt sie auf 200. Es gibt sie auch auf dem Lande. Sie streifen über Felder und Wiesen, 200 Meter und mehr von Gehöften entfernt. Und geraten in das Visier von Jägern.

Feuer frei auf wildernde Katzen und Hunde? Das soll es künftig in Nordrhein-Westfalen und Baden-Würtemberg nicht mehr geben. Die Landesregierungen reformieren das Jagdgesetz. Ökologischer soll es werden. Dazu gehört ein generelles Jagdverbot in Naturschutzgebieten nicht nur in Totalreservaten und ein Abschussverbot streunender Katzen. Unter anderem werden Fischreiher unter Schutz gestellt, die Zahl jagdbarer Wildarten erheblich reduziert. Tellereisen, sogenannte Festhalte-Fallen, und anderes mehr verdammt.

Vorstellungen, die den Landesjagdverband auf die Palme bringen. Wildernde Katzen seien Raubtiere. Sie töten Vögel, Niederwild. Enorm sei der Schaden, den sie anrichteten. Dem begegneten Jäger, indem sie die Räuber, auch Waschbären, Füchse und Marder, kurz halten. Das neue Gesetz sei eine Gängelei gegenüber der Jägerschaft, manche Passagen Unsinn.

Der Bund für Naturschutz und Tierschutzorganisationen halten dagegen. Sie veröffentlichten unter anderem eine Statistik. Gesondert für jeden Landkreis. Lokalredaktionen griffen sie bereitwillig auf. Im Jagd-Jahr 2013/2014 fielen in Nordrhein-Westfalen laut Statistik 7595 streunende Katzen Jägern zum Opfer. Durch die Kugel und durch Fallen. Offiziell.

Die veröffentlichten Zahlen brachten große Teile der Bevölkerung gegen die Jäger auf. Als „Katzenkiller“ und „blindwütige Schießer“ titulierte man sie. Die Jagdgesetze aus alten Zeiten seien verstaubt und realitätsfern. In der Tat ergeben sich Widersprüche. So werden Luchs, Wolf und Greifvögel zwar als jagdbares Wild eingestuft, sind aber seit Langem streng geschützt.

Im Nachbarland Niedersachsen kann sich die Landesregierung eine Reform des Jagdgesetzes ebenfalls vorstellen. Und Thüringen? Während man in anderen Bundesländern, um bei streunenden Katzen zu bleiben, von 300 bis zu 500 Metern ausgeht, bevor das Tier in freier Wildbahn erlegt werden darf, sind es hierzulande nur 200 Meter.

Dr. Erhard Schäfer, Vizepräsident des Thüringer Landesjagdverbandes, hält 500 Meter für gerechtfertigt. Nicht gleich zur Flinte greifen, meint er. In starken Mäuse-Jahren sollte man noch toleranter sein. Ob und wie viele Katzen im Land erschossen worden sind, vermag er nicht zu sagen. Man führe in Thüringen keine Statistik. Die Reform des Jagdgesetzes wie in NRW sieht er eher skeptisch.

Christian Büchting, Vorsitzender der Kreisjägerschaft im Südharz, steht einer Reform aufgeschlossen gegenüber wenn sie nicht grundsätzlich der Jagd zuwiderlaufe. Man müsse ohne Emotionen gemeinsam mit dem Bund für Naturschutz und anderen Vereinen und Organisationen nach Kompromissen suchen. Was Katzen-Streuner betreffe, so wisse er nicht, wann im Landkreis welche erlegt worden sind.

Was meint die Jagdbehörde im Landratsamt? Detlev Collmann vertritt das Gesetzt, wonach eine Hauskatze, die sich weiter als 200 Meter vom Gehöft entfernt, erlegt werden darf. Der Jäger könnte schießen, müsse es aber nicht, fügt er diplomatisch an.

Waidmann Gerhard Nowotny aus Hörningen: „Ich habe nach der Wende keine einzige wildernde Katze mehr geschossen. Ich glaube, dass sich das heute bei der Tierliebe der Menschen kein Jäger mehr wagt.“ Aktiver Naturschutz sei angesagt, hebt er hervor. In der jährlichen Hubertusmesse sei, wie er hörte, davon immer die Rede. Er besuche sie nicht. Brauchen wir einen „Heiligenschein“? Eine Reform der Jagdgesetzgebung lehne er nicht grundsätzlich ab.

Revierförster Wolfhard Gerlach aus Obersachswerfen sieht keinen Bedarf für Veränderungen der derzeitigen Thüringer Jagdordnung. Allerdings lehnt er die Kirrung als Jagdmethode das Anfüttern von Wild vornehmlich zur Regulierung der Schwarzwildbestände strikt ab. Noch nie habe er Wert auf den Abschuss streunender Katzen gelegt. Zur Hubertusmesse gehe er auch nicht. Er habe dafür seine Gründe.

In Deutschland, besagt die Statistik, gebe es etwa acht Millionen Stubentiger. Nicht alle liegen brav auf dem Sofa. Die Zahl der Abschüsse oder gefangener wildernder Katzen schwankt erheblich. Zwischen 200000 und 400 000 jährlich sollen es sein. Hinzu kommen etwa 60 000 Hunde, die wilderten.

Noch darf in Thüringen und damit auch im Landkreis Nordhausen auf wildernde Katzen und Hunde geballert werden. Mit Rot-Rot-Grün könnte sich das ändern und eine Reform des Jagdgesetzes folgen. Wer könnte wohl einer der Ersten sein, der dagegen wettert?
Autor: nnz

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