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Die Bücher aus „Himmelgarten“

Freitag, 31. Oktober 2014, 11:40 Uhr
Diese poetische Bezeichnung lässt sicherlich in Nordhausen und Umgebung nicht so aufhorchen wie im weiteren Umland, denn der sehr kleine Ort dieses Namens nahe Leimbach ist bekannt. Eine Abhandlung von Heidelore Kneffel...

Aufständige Bauern auf dem Heimweg nach der Plünderung des Klosters Himmelgarten 1525 von Fritz Teichmüller (Foto: Archiv Kneffel) Aufständige Bauern auf dem Heimweg nach der Plünderung des Klosters Himmelgarten 1525 von Fritz Teichmüller (Foto: Archiv Kneffel)

Manch einer weiß auch noch, dass es dort von 1295 bis 1525 ein Servitenkloster gab, in dem man auch Bücher sammelte.

Wegen der Unruhen und Plünderungen des Bauernkrieges flüchteten die Mönche mit der Bibliothek nach Nordhausen, wo sie einen Hof besaßen. 1552 gelangten die Bände auf Initiative des Bürgermeisters Michael Meyenburg in die St.-Blasii-Kirche in Nordhausen.

1717 erstellte der Pfarrer Johann Heinrich Kindervater, „ein Vater der Waisen, ein Forscher der Heimatkunde“, einen Katalog, und entdeckte bei der Untersuchung Bücher, mit Schmutz und Schimmel überzogen. Im Jahre 1879 fand der Realgymnasiallehrer und Heimatforscher Dr. Richard Rackwitz die Bibliothek in den „feuchten Räumen der Sakristei in einem kläglichen Zustande“ und „betrieb die Restaurierung“ der beschädigten Ledereinbände.

Dabei gingen leider bibliotheksgeschichtliche Spuren undokumentiert verloren. Zu danken ist ihm, dass er sich um die Bibliothek kümmerte, zu ihrem Erhalt Geld sammelte, vor allem aber einen Katalog „Nachrichten über die St. Blasii-Bibliothek in Nordhausen und das Kloster Himmelgarten bei Nordhausen, dem die Bibliothek entstammt“ schuf, und eine historische Einleitung voran setze.

In den Festausgaben der „Nordhäuser Zeitung“ von 1927, in denen man auf wichtige Ereignisse in der Stadtgeschichte hinwies, steht auch ein Artikel von dem Pfarrer Friedrich Trautmann: „Die Bibliothek der Mönche vom Himmelgarten. Ein kostbarer Schatz in der Blasiikirche“. Dem Beitrag sind Zeichnungen von Fritz Teichmüller (1897-1986) beigefügt. Der Künstler zeigt, wie die Mönche die schweren Bücher aus dem Kloster während der Bauernunruhen nach Nordhausen in Sicherheit bringen und den Aufbewahrungsort der Bibliothek 1927 in der Sakristei von St. Blasii.

Trautmann beschreibt die Historie der Bibliothek und weist auf den Prior des Klosters Johannes Pilearius (Johannes Huter) hin. Er wurde 1489 von seinem Orden an die Universität Erfurt gesandt. Dort erlangte er 1495 als „Johannes Hutter de Northußen“ den Magister, 1514 war er Doktor der Theologie. Damals war Huter Prior des Servitenklosters. Er war es vor allem, der den Bücherbestand während seiner Amtszeit um historische und vor allem aktuelle Bücher vermehrte. Mit den Bänden wurde gearbeitet, wie viele von ihnen durch Handeintragungen besonders an den Buchrändern beweisen. Huter kennzeichnete die Bücher auf dem Titelblatt auf ganz individuelle Art, wie es die beigefügte Reproduktion aus dem in Basel bei Johannes Froben gedruckten Band zeigt.

Johannes Huter sollte zukünftig in der Nordhäuser Geschichte einen ihm gebührenden Platz einnehmen. Im Februar 2011 erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Stadtverwaltung und die Kirchengemeinde St. Blasii-Altendorf einen Verwahrvertrag für die Himmelgartenbibliothek unterzeichnet haben. Dies bedeutet, dass man die Bücher aus Wittenberg zurückholen will, wo sie sich seit 1989 in der Bibliothek des Evangelischen Predigerseminars befinden - aus konservatorischen Gründen.

Der Streit über den Verwahrort der Bibliothek wurde in letzter Zeit ausführlich dargestellt – zu selten objektiv - und für mich und manchen anderen nicht glücklich gelöst.

Himmelgarten um 1955/Teichmüller (Foto: Archiv Kneffel) Himmelgarten um 1955/Teichmüller (Foto: Archiv Kneffel)

Aus der Sakristei der Blasiikirche mussten die Bände 1969/70 herausgebracht werden, denn die dort herrschenden „klimatischen“ Bedingungen waren nicht mehr tragbar. Sie kamen dann nach Naumburg in die Obhut der Bibliothek des Katechetischen Oberseminars, aber auch dort waren sie zu feucht untergebracht. So entschied man sich für Wittenberg.

An dieser Stelle muss man einen Mann erwähnen, der sich um die Bibliothek seit Jahrzehnten verdient gemacht hat, den Buchrestaurator Günther Kreienbrink in Erfurt. Er wurde 1969 um ein Gutachten gebeten. Darin heißt es: „Die Bücher befanden sich in der Sakristei … in einem katastrophalen Zustand. Das Dach der Kirche war desolat - das Regenwasser lief am Mauerwerk direkt in die Buchbestände. Dadurch begünstigt, wuchsen dicke Schimmelpilze aus den Inkunabeln und sämtliche Bücher waren völlig durchnässt.“

Es war klar, dass sofortige Abhilfe geschaffen werden musste, was aber für den damaligen Pfarrer Günther Donath nicht so einsichtig war, denn: Wohin damit? Vorerst ins Pfarrhaus in Nordhausen, dann nach Naumburg, dann nach Wittenberg! Man darf nicht vergessen, dass die Bibliothek während des 2. Weltkrieges im Kalischacht in Wolkramshausen lagerte. Kreienbrink bekam mit einem weiteren Restaurator aus Jena den Auftrag, mehrere besonders beschädigte Inkunabeln zu restaurieren, was auch geschah.

In seinem Bericht schreibt er u. a.: „In Alkoholbädern wurden sämtliche Blätter voneinander gelöst. In siedenden Wasserbädern und Kaliumpermanganat Natriumhydrogensulfitbädern gereinigt und desinfiziert. Die zerstörten Blätter im anschließenden Papierspaltverfahren stabilisiert. Der völlig zerstörte Einband ist originalgetreu wiederhergestellt, Holzdeckel und Schließenhaken ergänzt worden. Erfurt, im August 1969“.

Einige dieser Bände konnten Interessierte anlässlich des Melanchthonjahres im September 1997 in der Frauenbergkirche besichtigen, als der Melanchthonforscher Dr. Heinz Scheible von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, damals gerade mit dem Melanchthonpreis geehrt, über Philipp Melanchthons Beziehungen zu Nordhausen sprach. Ob diese restaurierten Bände nun wieder in die Bibliotheksschränke in der Flohburg integriert sind, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wie schrieb Pfarrer Trautmann 1927 am Ende seines Artikels: „Diese Zeilen wollen auf einen kostbaren Schatz in unserer tausendjährigen Stadt aufmerksam machen … Unser Ziel muß ein Katalog sein, der, nach Wissensgebieten geordnet, eine gute Orientierung möglich macht. Die Bibliothek … verdient unsere größte Beachtung und Pflege als Denkmal wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit der Vergangenheit.“
Heidelore Kneffel
Autor: red

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