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Das Herz schlug ihm bis zum Hals

Montag, 06. Oktober 2014, 12:29 Uhr
Es war im Sommer 1972. Man hatte mich nach Gotha beordert. Gleich am zweiten Tag kam ein junger Mann zu mir in die Lokalredaktion. Ein Erlebnisbericht von Kurt Frank...

Gespräch beim Vorstand (Foto: Kurt Frank) Gespräch beim Vorstand (Foto: Kurt Frank)
Sergej Lochthofen im Gespräch beim Vorstand der Nordhäuser Kreissparkasse, rechts Dietrich Rose.

Auf 19 Jahre schätzte ich ihn. Mit üppiger dunkler Haarpracht stand er vor mir. Was er denn hier wolle, fragte ich ihn. Er habe Urlaub, sei hier der Volontär und heiße Sergej Lochthofen. Später wurde er Chefredakteur der Zeitung „Thüringer Allgemeine“.

Nordhausen. Am 30. September begegnete ich ihn wieder. Im Konferenzraum der Kreissparkasse. Lochthofen stellte seinen neuen Roman „Grau“ vor. Wir berichteten. „Der verkauft sich sehr gut“, sagt Buchhändler Dietrich Rose. Es könnte, fügt er an, wie sein erstes Werk „Schwarzes Eis“, wieder ein Bestseller werden. Rose beabsichtigt eine weitere Lesung. Über einen erneuten regen Zuspruch ist er sich sicher.

„Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Einen Kommentar zu schreiben ist das eine, vor Zehntausenden zu sprechen etwas ganz anderes. Ein Redner nach dem anderen tritt nach vorn. Dann höre ich meinen Namen. Das Letzte, was mir durch den Kopf schießt: Keine langen Reden! Kurze Sätze!. Doch im Kopf ist es wie leer gefegt.“ So beschreibt Sergej Lochthofen die Situation in den Abendstunden des 18. Januar 1990 auf dem Erfurter Domplatz.

Lochthofen erblickte ein Plakat. Ihm war ein Mann aufgefallen, der hatte einen Besenstiel genommen und eine Pappe darauf genagelt. Auf der stand: Enteignet die SED! In diesem Moment wusste der heute 61-jährige Autor, was er sagen muss: „Wir, bei der Zeitung, fordern nicht nur, wir handeln. Wir haben es gemacht. Wir haben die SED enteignet.“ - Es sind die vorletzten Sätze seiner Familiengeschichte, niedergeschrieben in dem Roman „Grau“. Man muss ihn gelesen haben.

Von 1990 bis Ende 2009 verantwortete Lochthofen die Thüringer Tageszeitung. Das „Medium-Magazin“ wählte ihn zum „Chefredakteur des Jahres“. Vom ersten Tag an setzte er sich für seine Redakteure ein. So erhielten sie umgehend Westgehalt. Und gleiche Vergünstigungen.

Dann kam der, sogenannte, „Umbau“ der Zeitung. Verbunden mit Personalabbau und Splitting der Seite – oben ein redaktioneller Beitrag, gleich daneben oder darunter Anzeigen. Diesen Vorstellungen der Geschäftsleitung stand Lochthofen im Wege. Er hatte zu gehen. Ohne Abfindung.
Kurt Frank
Autor: red

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