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„Grau“ - die bewegende Lebensgeschichte des Sergej L.

Mittwoch, 01. Oktober 2014, 12:03 Uhr
„Der Autor ist ein kluger Analytiker und versierter Erzähler, der über eine nuancenreiche, differenzierte Sprache gebietet“, schreibt die „Badische Zeitung“ über Sergej Lochthofen, dem ehemaligen langjährigen Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“. Davon konnten sich gestern Abend im prall gefüllten Konferenzsaal der Kreissparkasse die etwa 200 interessierten Zuhörer anschaulich überzeugen. Kurt Frank war dabei...


Nordhausen. Lochthofen stellte seinen neuen Roman „Grau“ vor. Es ist die bewegende Lebensgeschichte eines Mannes, der zur dritten Generation einer deutsch-russichen Familie gehört, die den Stalinismus erlebt und erlitten hat – von der Oktoberrevolution über den Gulag bis zum Mauerfall.

Der Autor erzählt sie in seiner ihm eigenen, überzeugenden und verständlichen Sprache. Der Leser erfährt, wie er aus Workuta nach Thüringen kam, auf der Straße die Sprache lernte, als einziges Kind eines Zivilisten in eine sowjetische Garnisonsschule ging. Später von zu Haus ausriss, um auf der Krim Kunst zu studieren, aber vor der Einberufung in die Sowjetarmee zurück in die DDR floh und den stupiden Alltag in einer SED-Zeitung als Journalist erlebte.

Eingeladen zur Buchlesung hatte die Kreissparkasse anlässlich ihrer Kulturtage gemeinsam mit dem Buchhaus Rose. Herzlicher Applaus umfing Sergej Lochthofen, als er den Saal betrat. Schnell fand er Kontakt zum Publikum. Angeregt vom Erfolg seines Erstlingswerkes „Schwarzes Eis“ – über 250 Mal ging es über die Ladenkasse des Rose-Buchhauses und war zum Bestseller geworden – hatte ihn der Verlag gebeten, die Geschichte fortzuschreiben.
Sergej Lochthofen gab der Zeitung, die er jahrelang als Chefredakteur leitete, ihren Namen: „Thüringer Allgemeine“. Er machte sie, war er doch auch ein gern gesehener Gast im ARD-Presseclub, weltweit bekannt. Dicke schwarze Zahlen schrieb seine Zeitung. So gut war sie, dass man Rendite an den WAZ-Konzern (Westfälische Allgemeine/heutige Funke-Gruppe) abzuführen hatte, um deren Bilanz aufzubessern.

Einer halben Seite im Roman „Grau“ widmete Lochthofen Nordhausen. Dort soll es einen Lokalchef gegeben haben, der bei einem Festessen auf der Suche nach einem weichen Pfirsich alle Früchte angefasst habe. Alle anderen Gäste des Banketts hatten keine Chance, eine begehrte Frucht zu erwischen, die nicht der Lokalredakteur vorher angefasst hatte.

Pfirsiche waren Mangelware. Das „unverschämte“ Verhalten landete auf dem Tisch des 1. SED-Kreissekretärs. Der Lokalchef musste sich nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich erklären. Was ist Wahrheit, was Fantasie? Der Redakteur ist leider schon verstorben, um ihn danach fragen zu können.

Für den Chefredakteur Sergej Lochthofen kam die Stunde, als er vor der Entscheidung stand, als Konsequenz einer Umgestaltung der Zeitung eine nicht geringe Zahl an Redakteuren entlassen zu müssen. Da machte er nicht mit. Das sei er den Mitarbeitern schuldig gewesen. Der Geschäftsleitung stand er somit im Wege. Sie entließ ihn. Als gleich darauf seine Frau die Kündigung erhielt, bezeichnete er den Fall als eine Art Sippenhaft. Auch heute noch.

Es kam der neue Mann, Paul-Josef Raue. Aus den alten Bundesländern. Mit propagandistisch großen Aufwand kündigte er an: „Jetzt kommt die neue Zeitung, die Zeitung der Leser“. Ein Affront gegen Lochthofen. Was kam,war ein Abonnentenrückgang ohnegleichen. Und ein „Aufschrei“ von über 60 Redakteuren. An ihren Chef richteten sie ein Schreiben. Darin heißt es unter anderem:

„Wir Redakteurinnen und Redakteure der Thüringer Allgemeinen beobachten die Entwicklung unserer Zeitung mit großer Sorge. Die Auflagenzahl sinkt ungebremst, die Abbestellungen befinden sich auf dramatischem Niveau. Offenbar brachten der Neustart der Zeitung mit anderem Layout und veränderter Seitenfolge sowie die versuchte Umorganisation der Redaktion nicht den von uns allen gewünschten Erfolgt.“

Wie zu hören war, habe Raue Schlussfolgerungen aus den zahlreichen Hinweisen und Anregungen, die ihm auf dem Tisch lagen, gezogen. Der Chef schreibt oft selbst, nicht nur für die Liebhaber der deutschen Sprache. Er sitzt mitten im Kreis von Gesprächsrunden, nimmt an Wanderungen teil, antwortet auf Leserbriefen. Eine personifizierte Leserbindung. Sagen die einen. Geltungsbedürfnis, meinen andere.
Autor: red

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