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Humboldts Historiker Nachwuchs

Montag, 29. September 2014, 14:33 Uhr
Mit Quellenmaterial arbeiten, Artefakte studieren, kritische Fragen stellen - das ist Arbeit die für gewöhnlich Historikern vorbehalten bleibt. Eine Gruppe Schüler des Humboldt Gymnasiums darf sich jetzt auch in der historischen Profession versuchen...

Im Geschichtsunterricht haben sie ein Buch und eine Stunde in der Woche um die Geschichte der Menschheit in all ihren Facetten, Höhen und Tiefen kennen zu lernen. Vielleicht reicht die Zeit, einen Film, ein literarisches Werk oder einen Museumsbesuch in den Unterricht einfließen zu lassen. In den meisten Fällen wird sie nicht reichen.

"Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte", hat Krut Tucholsky einmal gesagt. Der Geschichtsunterricht an der Schule ist auf den ersten Blick kein Fach, das einen offensichtlichen Nutzen für das spätere Leben hat, wie Mathematik oder Deutsch.

Man lernt zumeist, was wann geschehen ist und wer daran beteiligt war. Die vielfachen Variationen des Wie? und Warum? müssen auf Grund der Fülle an Interpretationsmöglichkeiten, die zudem jede Generation neu entdeckt, auf der Strecke bleiben. Die Entstehung der historischen Erzählung(en) zu untersuchen und kritisch zu beurteilen, die vielen Pfade zu finden, die uns bis in jene Gegenwart gebracht haben wie wir sie jetzt erleben, bleibt dem Studenten der Geschichte vorbehalten.

Eine Gruppe Schüler des Humboldt Gymnasiums bekommt seit Beginn des Schuljahres die Möglichkeit geboten, zu entdecken, was die Geschichte als Fach für einen selbst tatsächlich leisten kann. Einmal in der Woche werden sich die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse in den kommenden zwei Jahren im stadtgeschichtlichen Museum Flohburg treffen. Hier sollen sie sich im Wahlpflichtfach Gesellschaftswissenschaften mit der großen Geschichte der Welt aus der Perspektive einer kleinen Stadt am Südharz beschäftigen.

Das Museum stellt Räumlichkeiten, Quellenmaterial, die Expertise der Mitarbeiter und natürlich den Blick in die umfangreiche Dauer- und Sonderausstellungen zur Verfügung. "So ein Angebot bekommt man nur einmal", sagte Lena, die später Geschichte und Journalismus studieren
will, "wir haben hier mehr Zeit als im eigentlichen Geschichtsunterricht und können uns mit den Quellen in der Hand Sachen selbst erarbeiten". Hanna meint, sie fange an, die Stadt mit anderen Augen zu sehen. "Es ist interessant über diejenigen nachzudenken, die vor einem gekommen sind", sagte die Schülerin. Allgemein ist die Gruppe froh, Unterricht einmal etwas anders zu erfahren.

Unterricht am anderen Ort (Foto: Angelo Glashagel) Unterricht am anderen Ort (Foto: Angelo Glashagel)

Doch das lernen wird auch hier nicht zu kurz kommen. Vorträge und Kontrollen gibt es auch im Pflichtfach. In den kommenden Wochen wird man sich mit dem ersten Weltkrieg auseinandersetzen. Heute wurde schon über Feldpostkarten, offiziellen Dokumenten und dem "1000jährigen Nordhausen" gebrütet, dem Großwerk von 1927, das versucht, die gesamte Geschichte der Stadt darzustellen. Ebenfalls auf dem Plan stehen der Zweite Weltkrieg, die friedliche Revolution, der etwas abstraktere Punkt Kommunikation und, passend zum Jahr der Jubiläen, die diversen Gedenktage. Letztere werden in den Lehrplan eingestreut, wie sie begangen werden. Besuche im Tabakspeicher, dem Archiv, dem Museumsdepot und der Bibliothek sind ebenso in Vorbereitung. Am Ende der zwei Jahre soll eine Radiosendung im Offenen Kanal produziert werden.

Thema ist derzeit der erste Weltkrieg, das Museum stellt zahlreiche Originalquellen zur Verfügung (Foto: Angelo Glashagel) Thema ist derzeit der erste Weltkrieg, das Museum stellt zahlreiche Originalquellen zur Verfügung (Foto: Angelo Glashagel)

Im Gesellschaftsbereich sei es schwierig, ein Wahlpflichtfach anzubieten, sagte die Deutsch- und Geschichtslehrerin Frau Liebig, welche die Gruppe betreut. Im vergangenen Jahr hatte die Schule im Bereich Geschichte nichts anbieten können. "Wir haben uns deswegen sehr gefreut als im vergangenen Jahr das Angebot der Flohburg kam und wir zusammen mit Frau Dr. Klose einen Lehrplan für das Fach ausarbeiten konnten", sagte Liebig. Mindestens eines der Pflichtfächer, die in jedem Bereich der Schulbildung angeboten werden, muss jeder Schüler wählen. Der Vorteil ist, das sich jeder Schüler nach seinem Interesse entfalten kann, das Problem, das es kein Material für die Lehrkräfte gibt, mit dem gearbeitet werden könnte. Das sei nicht leicht und erfordere viel Engagement von den Kollegen, die ein Wahlpflichtfach übernehmen, meinte Liebig.

Noch sind sie nicht ganz angekommen in ihrer Rolle als Historiker auf Probe. Liebig hält ihre Schüler dazu an, etwas weniger theoretisch zu arbeiten als in der Schule, nicht allein dem Zeitstrang und den kalten Fakten zu Folgen, sondern auch nach der Geschichte hinter den Geschichten zu suchen. Sie sollen Fragen formulieren und sich mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzen.

Am Ende könnte die Verjüngung der in die Jahre gekommenen Zunft der Lokalhistoriker stehen. Aber auch wenn sie nicht selber anfangen, Geschichte zu schreiben, so werden sie doch mehr von ihr gelernt haben, als im normalen Unterricht.
Angelo Glashagel
Autor: red

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