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nnz-Betrachtung: Anspruch und Realität

Donnerstag, 11. September 2014, 11:15 Uhr
Gregor Gysi erklärte mehreren hundert Menschen gestern die LINKE Welt, die unter anderem frei von Leih- oder befristeter Arbeit sein soll. Allerdings: die LINKE Realität sieht anders aus...


Am Rande des gestrigen Geschehens, auf er ersten Stufe der Treppe des Theaters, stand Landrätin Birgit Keller. Und hörte gespannt zu, was Frontmann Gysi dem Wahlvolke zu verkünden hatte. Zum Beispiel, das befristete Arbeit ein Grund zur Verhinderung einer vernünftigen Lebensplanung der betroffenen Arbeitnehmer sei. Die menschliche Reproduktion sei dadurch erschwert. Mit der LINKEn sei das nicht zu machen, das gehöre abgeschafft.

Die Zuhörer klatschten, Birgit Keller klatschte mit. Wohlwissend, dass gerade diese Praxis in der kreiseigenen Gesellschaft der "Service" mit aller sozialen Kälte durchgezogen wurde. Nein, nicht sie wird vermutlich das unterschrieben haben. Dafür gibt es andere, wie zum Beispiel den Stadtvorsitzenden der LINKEN, Michael Mohr, der in den zurückliegenden Monaten kometenhaft zum Betriebsleiter der Service Gesellschaft aufgestiegen war. Und es gibt den Vorgesetzten des Herrn Mohr, Gunnar Reuter. Der ist Service-Geschäftsführer und bringt den Laden zum Laufen. Und hat die auf ein Jahr befristeten Verträge von acht Mitarbeiterinnen nicht verlängert.

Das ist auf den ersten betriebswirtschaftlichen Blick nicht verkehrt. Auf den zweiten allerdings mehr als fragwürdig. Denn überall, wo Reuter agiert, bleibt eine frostige Atmosphäre zurück. Erzählt man im Landratsamt und hat Angst vor Repressionen. Denn - seit die linke Landrätin regiert, regiert auch das Motto: wer Kritik übt, der wird versetzt. Entlassen geht im öffentlichen Dienst nicht so einfach, dafür wird das Karussell angefahren. Wird Druck gemacht, wird Verantwortung entzogen. Und Herrn Reuter gegeben, verbunden mit Macht.

Mit zuviel Macht, wie im Landratsamt kolportiert wird. Denn: Gunnar Reuter ist nicht nur Geschäftsführer der Service Gesellschaft, er ist Leiter des Büros der Landrätin und er ist Personalchef der Behörde. Und da soll er - immer im Auftrag der "Chefin" - die Mitarbeiter wie Figuren auf einem Schachbrett hin- und herschieben. Von kommunalen Verwaltungen ist im Allgemeinen bekannt, dass dort nicht immer nach fachlichen Kriterien Stellen besetzt werden, sondern auch nach - vornehm ausgedrückt - anderen Fähigkeiten.

Zurück zur Service-Gesellschaft. Die soll in den kommenden Jahren der Glücksbringer für den Landkreis Nordhausen sein. Sie soll Schulen sanieren, eine Turnhalle bauen - eigentlich baut man mit dieser GmbH nur einen zweiten, einen Schattenhaushalt auf, lenkt vom finanziellen Desaster des eigenen Handelns ab. Jeder Euro Umsatz, der mit der Reinigung und Hausmeisterdiensten an den Schulen im Landkreis Nordhausen erwirtschaftet wird, ist Geld aus dem Kreishaushalt. Diese Geld dreht also nur eine Runde im Karussell.

Den Schulleitern reicht es langsam aber sicher. Einige begehren auf, doch in aller Öffentlichkeit Protest anmelden, das trauen sich diese Frauen und Männer auch nicht. Thema Hausmeister: Für weniger Geld müssen die Schulen entweder das gleiche oder mehr Geld zahlen. Für Kleinreparaturen, die ein Hausmeister früher mal so nebenbei erledigt hat, werden jetzt Rechnungen von der Service Gesellschaft an den Landkreis geschrieben. Ob das Herr Reuter auf einigen Papieren zweimal unterschreibt, ist nicht verbrieft, denn der Mann ist auch noch - seit einigen Wochen - für das Gebäudemanagement in der Kreisverwaltung zuständig. Er fungiert als Rechnungsschreiber und Rechnungsempfänger.

Von einem linken Profil bei der Leitung einer kommunalen Behörde sei im Landratsamt nichts zu spüren. Den Finanzen werde alles untergeordnet. Das mag zwar richtig sein, ist aber auch nicht alles. Zu einem Leitungsstil gehören auch das Aushalten anderer Meinungen, eine kontroverse, sachliche Diskussion, auf deren Grundlage letztlich eine Entscheidung getroffen werden soll.

Viele der fast 400 Mitarbeiter im Landratsamt in Nordhausen fühlen sich nicht mehr mitgenommen. Einige machen Dienst nach Vorschrift, weil Eigeninitiative nicht erwünscht sei, andere verziehen sich in den Krankenstand.

Lag der Krankenstand im Nordhäuser Landratsamt im Jahr 2011 noch bei 6,12 Prozent, so stieg er ein Jahr später auf 6,73 Prozent und im Jahr 2013 auf 7,42 Prozent an. Zum Vergleich der durchschnittliche Krankenstand in Thüringen wurde von den Kassen für vergangenes Jahr mit 4,6 Prozent angegeben. Übrigens: Im Nordhäuser Rathaus notierte er im Jahr 2013 noch höher - mit 8,4 Prozent. Auch dort hatten sich die Mitarbeiter von einem neuen Chef mehr, viel mehr erwartet.

Es kriselt demzufolge in beiden großen Verwaltungen ungemein. Diese Krise, von Menschen gemacht, könnte am bitteren Ende einer ganzen Region schaden.
Peter-Stefan Greiner
Autor: red

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