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Ein Nordhäuser Stauffenberg?

Sonntag, 20. Juli 2014, 12:51 Uhr
Gab es einen Nordhäuser Stauffenberg oder die besondere Befindlichkeiten von Nordhausen zu Widerstand gegen SS-Staat, KZ Mittelbau-Komplex und Nazideutschland. Ein Beitrag in der nnz von Tim Schäfer...


Gerade ist der 70. Jahrestag des Attentats von Stauffenberg auf Adolf Hitler in medialem Munde, doch die Begriffe und Inhalte zum Widerstand verblassen oder liegen im Dunkeln der Geschichte, so auch in Nordhausen?

Die Medien berichten es unisono: „Stauffenberg“, „Operation Walküre“, „Wolfsschanze“ oder Hitler-Attentat verblassen vor dem Hintergrund des Neuen Deutschlands. Der hoch zu ehrende Richard von Weizsäcker (Bundespräsident a.D.) brachte dies in Bild auf den Punkt: „Widerstand, Verantwortung, Anstand, Gewissen Nachgeborene füllen diese Worte anders als jene, die den 2. Weltkrieg, das Hitler-Attentat und seine Folgen selbst erlebt haben. Tatsächlich könnten die Unterschiede zwischen damals und heute größer kaum sein: 1944 hatten die Deutschen Angst vor dem Untergang. Ganz persönlich, ganz konkret. Angst vor dem Tod als Soldat an der Front oder durch die Fliegerbomben der Alliierten. Angst vor Vertreibung, vor dem Verlust der Heimat, vor der Gefangenschaft. Angst vor Verrat beim Abhören von „Feindsendern“, Angst vor Gestapo, Blockwart, KZ. Wer sich heute sorgt um seine Arbeitsstelle, um die Gesundheit, um die Umwelt oder um seine Daten im Internet, der weiß: Dies sind Ängste vor einer ungewissen, aber nicht lebensbedrohlichen Zukunft. Die eigene Existenz steht nicht auf dem Spiel. Und wer will, kann im deutschen Rechtsstaat auf die Straße gehen, Flugblätter schreiben, demonstrieren, eine Partei gründen,“ (Zitat Ende), ja, zumindest im Grundsatz ist das richtig und nicht von der Hand zu weisen.

Diejenigen die sich historisch interessieren, stellen schnell fest, wie politisch die Thematik, ja stark Interessen getrieben, bis in die jüngste Zeit ist. Diametral sich gegenüberstehende Vereinnahmung je nach Interessenslage, das ist sicherlich die längste Zeit so gewesen. In der Nähe von Nordhausen war in der Zeit Nazideutschlands eines der wichtigsten militär-industriellen Komplexe „Mittelwerk-Nordwerke“ geplant und teils verwirklicht, unter massivem Zwangsarbeitereinsatz, dislozierte Konzentrationslager unter extrem unmenschlichen Bedingungen.

Insbesondere im Konzentrationslager Mittelbau gab es objektiv Kräfte, die im Widerspruch zum Nazi-SS Staat und SS- General Dr. Kammlers Vision der Metropolis standen, exemplarisch und prominent in Nordhausen dafür steht: Albert Kuntz, Kommunist, ehemaliger Reichstagsabgeordneter, konspirativ befähigter Kämpfer für die Diktatur der Arbeiterklasse leninistischer und wohl auch stalinistischer Prägung seiner Zeit.

Albert Kuntz war ein totgeweihter Feind des Naziregimes erster Klasse. Im Angesicht des Untergangs des Dritten Reichs, wurde er im oder im Umfeld des KZ Mittelbau ermordet. Das war so oder so wohl unausweichlich. Dieses Schicksal zeigt die Brutalität und Banalität des Bösen seiner Zeit. Man gedenkt und ehrt Albert Kuntz besonders in Nordhausen.

Es ist aber eher fraglich ob und wie er sich in der ehemaligen DDR zurechtgefunden hätte. Noch fraglicher ist es ja, ob ein Albert Kuntz im späteren vereinigten Deutschland heute wieder ein Bundestagsabgeordneter sein dürfte. Denn selbst kommunistisch geprägte Literatur zu Kuntz setzt die Zäsur des konspirativ hoch befähigten kommunistischen Kämpfers. Wie steht das im Kontext zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (Verbot KPD)? Bis heute ehrt Nordhausen Albert Kuntz in besonderer Weise.

Er ist Namensgeber und Patron einer Schule, von Straßen und dem Sportpark, kurz auch liebevoll AKS genannt. Also ein Vorbild für die Jugend, denn Albert Kuntz präsentiert zweifellos den hohen Blutzoll der Kommunisten in Nazideutschland und ein persönlich besonders hartes Schicksal. Albert Kuntz war auch Familienvater und seine Hinterlassenschaft aus jahrelanger KZ Haft zeugt von Liebe und Trauer, er sah seine Familie quasi nie wieder.

Gab es im Komplex Mittelwerk mehr Widerstand als gemeinhin bekannt, stand auch die offenbar panische Folteraktion gegen Albert Kuntz im Kontext zu Erfolgen des Widerstands im Komplex KZ Mittelbau? Es gibt Hinweise auf solche erfolgreiche Aktionen. Da ist eben auch der junge, deutsche Ingenieur aus dem Mittelwerk, der in einer Hinrichtungsaktion auf Befehl der SS aufgehangen worden ist. Eine Verbindung dieses Mannes reicht nach Niedersachwerfen.

Nach Zeitzeugenberichten stammte er wohl aus dem Raum Groß-Berlin, war im Bereich Technik der Mittelwerke tätig. Er soll in die Familie Bierbach (ehem. Bäckerei) in Niedersachswerfen eingeheiratet haben. Haben wir es hier mit einer reinen Strafaktion „Abschreckung“ zu tun, hatte sich dieser Ingenieur aber gegen die Verhältnisse im Mittelwerk aufgelehnt, hatte er gar konspiriert mit Häftlingen? Gab es gezielte Sabotage unter Anleitung eines Mittelwerks-Ingenieurs? Konnten so letztlich viele Menschenleben erfolgreich gerettet werden, weil die Waffe nicht einsatzfähig oder zu wenige davon gefertigt werden konnten? Mehrere Augenzeugenberichte aus den letzten Jahren geben wertvolle Hinweise.

Übrigens, diese Tatsache ist deswegen in schrecklicher Erinnerung, weil alle, auch die Zivilangestellten im Mittelwerk, also teilweise die Omas und Opas Nordhäuser Familien, gezwungen waren, an diesen ermordeten vorbei zu gehen, zur totalen Abschreckung. Stand Albert Kuntz zum Beispiel hier in Verbindung? Hinweise (vgl. auch Manfred Bornemann) zu Verbindungen von Albert Kuntz wurden dokumentiert, wonach sich leitende Ingenieure und SS auch schon mal mit Albert Kuntz zusammengesetzt haben sollen, um von seinem vorzüglichen Kaninchenbraten zu kosten.

Kaninchenbraten? Nun, es sei gegönnt. Eine der hektischen Strafaktionen betraf eine Brieftaube, die die Gestapo auffand, angeblich mit einer Meldung für die herannahenden Amerikaner, wer hat dies im KZ Mittelbau geschafft? Vieles, es gibt noch mehrere solcher Beispiele, kann aufgrund der Hinweise nur als Fragment gesehen werden. Die Tatsachen sprechen aber eine klare Sprache.

Richard von Weizsäcker, der Alt- Bundepräsident erinnerte deutlich: Die Botschaft von Stauffenberg gilt auch heute noch! Sollte man in der KZ-Gedenkstätte Dora-Mittelbau ein neues Kapitel erforschen und hinzufügen?
Tim Schäfer

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