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Was wollt Ihr?

Mittwoch, 16. Juli 2014, 13:00 Uhr
Im Jahr 1601 hat William Shakespeare die Komödie "Was Ihr wollt" geschrieben. Auf die Jetztzeit in das politische Spiel in Nordhausen transferiert, würde das einem Selbstbedienungsladen gleichkommen. Für die Zukunft des Albert-Kuntz-Sportparkes müsste es jetzt heißen "Was wollt Ihr?"...


Politiker lieben es, wenn man Sie hofiert, sie einlädt. Zu Sektchen und Häppchen - nahezu eine Selbstverständlichkeit im laufenden Betrieb. Da macht der Sport keine Ausnahme. Beispiel Champions League im Damenhandball. Der THC gastiert seit zwei CL-Serien in der Nordhäuser Wiedigsburghalle. Wohl gemerkt, der Verein ist in Bad Langensalza ansässig, die sportlichen Akteure wohnen nahezu komplett in Erfurt und Umgebung.

Aber: es ist schon eine tolle Atmosphäre, wenn Handball auf höchstem Niveau gespielt wird. Nicht nur für die rund 2.000 Zuschauer, auch für die etwa 100 VIP, zu denen immer die kommunalen Politgrößen gehören. Schließlich gibt es dann auch die Chance, dass die Stadt Nordhausen im Mitteldeutschen Staatsfernsehen zu sehen ist. Drei bis fünf Mal im Jahr.

Nahezu jede Woche berichtet allerdings der mdr über die Spiele eines echten Nordhäuser Vereins - dem Fußballsportverein Wacker 90 Nordhausen. Ob im heimischen AKS oder auswärts von Neustrelitz bis (ab dieser Saison) Bautzen. Nur bei den Heimspielen im Albert-Kuntz-Sportpark lassen sich die politischen VIPs kaum sehen. Woran liegt das? An der Sportart, an den baulichen Umständen, am Fußball als Open-Air-Veranstaltung?

Es liegt vermutlich auch an den fehlenden Möglichkeiten, die man VIPs im Jahr 2014 zugestehen muss. Da muss der Verein immer ein Zelt für das "gemeinsame Beisammensein" aufbauen lassen. Da gibt es für die angeblich wichtigen Polit-Menschen eben keine Schalensitze, sondern die gleichen harten Bänke, auf denen auch der normale Fan Platz nehmen muss. Die Wirtschafts-VIPs haben sich mit den Gegebenheiten abgefunden, sie sind regelmäßig zu sehen und sind den Weg mit dem Präsidium mitgegangen. Die Polit-VIPs scheinbar nicht. Mit Folgen.

Immer wieder wurde um eine Modernisierung des AKS gekämpft. Schöne Zeichnungen liegen in irgendeiner Schublade, ein Kunstrasenplatz wurde gebaut, auch und vor allem ein Verdienst von Bürgermeister Matthias Jendricke. Das war allerdings zu jener Zeit, da der Mann noch mitentscheiden durfte im Rathaus dieser Stadt.

Immer wieder wurde eine umfassende Sanierung hinausgezögert. Jetzt hat der Verein geliefert, er hat die sportlichen Vorlagen gemacht. Wer hätte im Jahr 2004 wirklich gedacht, dass zehn Jahre später wieder in der Regionalliga gekickt wird? Ganz ehrlich, niemand.

Nun ist das Realität, die die Politik eingeholt hat. Jetzt muss die Politik liefern. Zum Beispiel mit den ersten 80.000 Euro aus der Stadtkasse. Für Inge Klaan (CDU), die Bau-Staatssekretärin und Mitglied im Nordhäuser Stadt, ist das erste Paket der politischen Lieferung eine Pflichtaufgabe. In einem Gespräch mit der nnz sagt sie: "Der Albert-Kuntz-Sportpark braucht dringend eine Sanierung, unabhängig in welcher Liga wir spielen. Diese Sportanlage ist eine der Sportanlagen, in die die Stadt seit der Wende (außer Kunstrasenplatz) fast nicht investiert hat. Zum Erhalt der Regionalliga und zur Unterstützung der Nachwuchsarbeit müssen wir investieren."

Die Sportanlage werde von vielen Vereinen der Stadt genutzt. Sie, Klaan, werde dem Beschluss zum Planungsauftrag zustimmen, weil die Unterlagen benötigt werden, um mit allen Geldgebern so zu verhandeln, dass die finanzielle Last für die Stadt in der Gesamtfinanzierung erträglich bleibt. "Ich bin froh, dass wir bei Wacker nicht nur eine Mannschaft haben, die guten Fußball spielt, sondern wir haben einen hochmotivierten Verein, der inhaltlich gute Arbeit leistet. Es tut gut zu sehen, wie dessen Mitglieder sich für unsere Stadt engagieren. Deshalb werde ich sie unterstützen."

Sicher, die Unterstützung des Breitensports, die wurde im Nordhäuser Stadtrat nie abgeschrieben, doch mit den wenigen Zehntausend Euro im Jahr für viele Tausend Freizeitsportler und ehrenamtliche Betreuer scheint das wie eine Beruhigungspille für die kommunalen Politiker zu sein. Übrigens kicken von 298 Vereinsmitgliedern bei Wacker 169 im Kinder- und Jugendbereich.

Anders im Bereich der Kultur. Hier zeigten sich Rathaus-Besatzungen und Stadträte immer sehr großzügig. Seit dem Bestehen der Theater GmbH flossen allein aus der Stadt Nordhausen mehr als 50 Millionen Euro, vom Landkreis Nordhausen waren es wohl knapp 20 Millionen Euro an die Promenade. Wohl gemerkt - nur für den laufenden Betrieb. Vom Land Thüringen flossen seit dem Jahr 1992 mehr als 100 Millionen Euro in die Heimstatt der Hochkultur.

Natürlich hat das Theater selbst in der Nordhäuser Landschaft eine Ausnahmestellung inne, doch auch die kleineren Kulturinseln freuen sich über Zuschüsse aller Art. Die Jugendkunstschule zum Beispiel erhielt von 2006 bis 2013 mehr als 350.000 Euro aus dem städtischen Geldsäckel. Nicht mit eingerechnet sind da die vermutlichen Fördermittelflüsse seitens des Landes Thüringen.

Zurück zum Verhältnis von Wacker und der Stadt Nordhausen. Viele Unternehmen, an denen die Stadt Nordhausen beteiligt ist, engagieren sich über Jahre hinweg finanziell als Sponsoren beim Regionalligisten. Das ist gut so und richtig und wird auch ab und zu vergessen zu erwähnen. Trotzdem hat die Stadt Nordhausen noch ein ganz spezielles Verhältnis zum Fußballsportverein. Sie ist Eigentümer des Albert-Kuntz-Sportparks. Und da gilt: Eigentum verpflichtet - nicht nur für die Ballspielhalle oder das Haus, in dem die Jugendkunstschule jetzt mietfrei "wohnen" darf.
Peter-Stefan Greiner
Autor: red

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