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Mit 'nem großen Stickchen Glick

Sonnabend, 28. Juni 2014, 10:40 Uhr
Was könnte schöner sein, als an einem lauen Sommerabend im romantischen Schlosshof des Sondershäuser Schlosses zu sitzen und die Mutter aller Musicals „My Fair Lady“ zu genießen?

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, froh gestimmte Menschen drängen in den Hof des Sondershäuser Residenzschlosses, wo von der Zuschauertribüne bis zu den Cateringständen alles gerichtet ist für eine sommerliche Premiere. Aufmerksames, funkvernetztes Personal sorgt für einen reibungslosen Ablauf und pünktlich um 20 Uhr haben es sich die Premierengäste erwartungsvoll bequem gemacht vor der Bühne, die schon nicht mehr als ein saisonales Provisorium bezeichnet werden kann. Und drei Stunden später gehen sie heim mit einem großen Stückchen Glück im Herzen, denn es war ein freudvoller Abend.

my fair lady (Foto: agentur) my fair lady (Foto: agentur)

Die Straßengöre Eliza (Désirée Brodka) im Kreise ihrer Vorstadtfreunde

Auch wenn es ungewöhnlich erscheint, lassen Sie mich damit beginnen, die aufwändige Einrichtung einer Drehbühne auf einem jahrhundertealten Schlosshof zu loben, denn ohne diese logistische Meisterleistung der Theatertechniker hätte das Musical gestern nicht seine faszinierende Wirkung entfalten können. Und genau das passierte ab dem ersten Ton des unter Michael Ellis Ingram souverän agierenden Sondershäuser Loh-Orchesters - eine phantastische Unterhaltung aller erster Güte, die der Schlossfest-erprobte Toni Burkhardt hier inszeniert hat.
Der Funke sprang sofort auf das Publikum über und schon die Ouvertüre animierte zu rhythmischen Fuß- oder Handbewegungen. Chor, Ballett und Solisten waren von Anfang an in Höchstform, Spielfreude und Witz unverkennbar.

my fair lady (Foto: agentur) my fair lady (Foto: agentur)

Thomas Kohl als unbarmherziger Sprachlehrer Prof. Higgins konnte ebenso brillieren wie seine Partnerin Désirée Brodka als Eliza Doolittle

Und was waren das für Solisten! Die große Entdeckung des Abends war ohne jeden Zweifel Désirée Brodka, die als Eliza Doolittle begeisterte.

Eine perfekt ausgebildete Sängerin, die jede Schauspielbühne ebenso bereichern könnte wie ein Ballettensemble. Mimisch, gestisch, gesangstechnisch und beweglich hervorragend. Schon allein wie sie die imposante Revuetreppe im Hause Higgins rauf- und runterschwebte war eine Augenweide. Überhaupt trug das raffinierte Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning und erwähnte Drehtechnik (ohne Motor und dafür von fünf starken Männern jeweils per Hand betrieben) zum rasanten Ablauf bei. Es entstanden keinerlei Umbaupausen und die ganze Aufführung lief ab wie ein gut geschnittener Film. In diese funktionale Kulisse zauberte Anja Schulz-Hentrich so tolle Kostüme, dass im Zuschauerraum immer wieder begeistertes Raunen und Gluckser der Zufriedenheit hörbar wurden. Ich weiß nicht wie viele verschiedene Kostüme das waren, aber nur die Kleider und Hüte der Damen in der Ascot-Szene waren schon überwältigend.

my fair lady (Foto: agentur) my fair lady (Foto: agentur)

Damen und Herren beim Pferderennen in Ascot: Grandiose Kostüme in schwarz-weiss, die trotzdem farbig wirken

Überwältigend gut, glaubhaft und lebensecht präsentierten sich auch die männlichen Hauptdarsteller, angeführt von Thomas Kohl, der einen Professor Higgins mit eben jenen Facetten auf die Bühne brachte, die sich der alte Moralist und Schwerenöter G.B. Shaw für diese Figur ausgedacht hatte. Der Engländer schrieb einstmals das „My Fair Lady“ zugrunde liegendes Theaterstück „Pygmalion“. Ich habe auch noch nie zuvor einen so guten Vater Doolittle gesehen, wie ihn gestern Abend Thomas Bayer hingelegt hat.

Genial, wie der ohne das obligatorische Slapstick-Brett das ganze Ensemble packt und das Publikum gleich mit. Auch Bayer hat seine Shaw gelesen und den Alten wohl verstanden. Helmut Kleinen als ausgleichender Oberst Pickering und Marian Kalus als unbeholfen verliebter Freddy trugen ebenso zum Erfolg bei wie Uta Haase, die all ihr komödiantisches Talent als Mutter Higgins einsetzte und die vornehme Dame äußerst sympathisch gestaltete. Nicht zu vergessen Brigitte Roth als Haushälterin Mrs. Pearce.

Eine nicht nur dank der Drehbühne rundum gelungene Premiere des Theater Nordhausen/ Loh-Orchester Sondershausen, die zum Besten gehört, was der kulturelle Sommer in der Region bieten kann. Diese „My Fair Lady“ wird sich überregional herumsprechen und die Schlossfestspiele Sondershausen weiter fest etablieren.

Und da stellt sich mir eine weitere Frage: Wie wollen die Verantwortlichen und Künstler die Qualität der letzten drei Inszenierungen „Singin’ in the rain“, „Rigoletto“ und nun „My Fair Lady“ eigentlich in der nächsten Spielzeit toppen? Und sie wollen es bestimmt! Das wird spannend und hoffentlich so erfolgreich wie diese schöne Sommernacht in Sondershausen gestern. ich wünsche dazu ein großes „Stickchen Glick“.
Olaf Schulze
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