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Nordhäuser Architektur

Dienstag, 17. Juni 2014, 21:23 Uhr
Im Vorfeld der diesjährigen Architekturtage gab es heute einen kleinen Vorgeschmack auf die Gebäude, die am 27. und 28. Juni besucht werden können. Mit dabei ist auch das umstrittene Bürgerhaus...

Architektensprache klingt für den Laien oft etwas abgehoben. Da wird von "lebendigen" und "spannenden" Räumen gesprochen, von Bauelementen die "Dialoge ermöglichen", von Atmosphären, Beziehungen und Sichtachsen. Der Laie sieht ein Treppenhaus.

Seit 1995 gibt es deswegen den "Tag der Architektur". Architekten und Bürger sollen so miteinander in Kontakt kommen. Die Interessierten können Fragen stellen, die Architekten ihre Vision erläutern. Für so umstrittene Gebäude wie das "Bürgerhaus" muss das eine Chance sein. Die Veranstaltung findet inzwischen bundesweit statt und in Thüringen werden dieses Jahr 71 Gebäude in 35 Städten vorgestellt. 18 davon finden sich in Nordthüringen, fünf direkt in Nordhausen.

Als Vorgeschmack wurde interessierten Bürgern heute im neuen Bürgersaal des Bürgerhauses die Objekte von den zuständigen Architekten vorgestellt. Den Auftakt machte allerdings das Gebäude in der Erfurter Andreasstraße 37. Das ehemalige Gefängnis, das zu DDR Zeiten als Stasi-Knast berüchtigt war, ist heute Gedenkstätte und Bildungsort, bietet aber auch Wohnfläche und Büroräume. Das 1883 errichtete Gebäude hätte eigentlich abgerissen werden sollen, wurde aber von ehemaligen Häftlingen besetzt, die das verhindern wollten, berichtete Architekt Ottmar Stadermann. Stadermann war es auch, der das erste Nordhäuser Gebäude vorstellte.

Skoda Autohaus (Foto: Foto: Fotoatelier Grimm Leinefelde, Architekt:Dipl.-Ing. (FH) Ottmar Stadermann) Skoda Autohaus (Foto: Foto: Fotoatelier Grimm Leinefelde, Architekt:Dipl.-Ing. (FH) Ottmar Stadermann)

Skoda Autohaus

Und bei Autohäusern hat Herr Stadermann reichlich Erfahrung. Seit 25 Jahren plant und baut er die Glaspaläste der Autohändler. Das Skoda Autohaus der Peter Gruppe konzentriert sich daher auch architektonisch ganz auf das wesentliche. In Farbgebung, Struktur, Sichtachsen - der Bau soll möglichst alle Blicke auf das Objekt der Begierde lenken und das Auto im Haus "leben" lassen.

Wohnhaus Stolberger Straße 15 (Foto: Foto: AING Nordhausen GmbH Architekten:Dipl.-Ing. Nadine Stevens | Dipl.-Ing. Thoralf Breuer | B.A. Heike Hesse) Wohnhaus Stolberger Straße 15 (Foto: Foto: AING Nordhausen GmbH Architekten:Dipl.-Ing. Nadine Stevens | Dipl.-Ing. Thoralf Breuer | B.A. Heike Hesse)

Wohnhaus Stolbergerstraße 15

Das Wohnhaus in geschlossener Zeilenbebauung wurde für die Städtische Wohnungsbaugenossenschaft (SWG) errichtet, die ihren Bestand um etwas höherpreisige Wohnungen erweitern wollte. Auf 580m2 finden sich sechs Wohnungen mit je 2 Balkons und im Hinterhof 18 Stellplätze. Die Grundrisse der Wohnungen sind zu einem gewissen Grad flexibel, da Wände entfernt werden können. So bleibt es dem Mieter überlassen ob man eher traditionell oder doch lieber Loft-ähnlich wohnen will. Zur Höhe der Mieten wollte Architekt Thoralf Breuer aber nichts sagen. Das sei Sache der SWG.

Hausensemble am Van-der-Foer-Damm (Foto: Foto und Architekt: Dipl.-Ing. Tobias Winkler) Hausensemble am Van-der-Foer-Damm (Foto: Foto und Architekt: Dipl.-Ing. Tobias Winkler)

Hausensemble Van-der-Voer-Damm 16b

Als "Wohnen am Fluss" bezeichnete Tobias Winkler sein Projekt, das nahe des Stadtparks am Westufer der Zorge entstanden ist. Die eingeschossigen Gebäude ohne Dachboden oder Keller sind schlicht gehalten und passen sich der von Gartenlauben geprägten Umgebung an. Zusammen bieten beide Wohneinheiten 230m2 Platz.

Produktionshalle in der Lokomotivstraße (Foto: Foto und Architekt: Dipl.-Ing. Tobias Winkler) Produktionshalle in der Lokomotivstraße (Foto: Foto und Architekt: Dipl.-Ing. Tobias Winkler)

Produktionshalle in der Lokomotivstraße

Der Industriebau auf dem Gelände der ehemaligen IFA war zu DDR Zeiten in Stahlbauweise errichtet worden. Nachdem man schon über einen Abriss nachgedacht hatte, stellte sich heraus, dass die Stahlkonstruktion noch gut in Schuss war. So wurde "nur" das Außenkleid der 80 Meter langen Halle den Wünschen des Kunden angepasst und ein Bürokomplex angebaut.

Villa am Geiersberg (Foto: Dipl.-Ing. Michael Becke) Villa am Geiersberg (Foto: Dipl.-Ing. Michael Becke)

Villa "Kleine Wege" am Geiersberg

Die "kleinen Wege" haben sich der Förderung autistischer Menschen verschrieben und können dies seit kurzem in ansehnlichen Räumlichkeiten tun, die auf ihre und die Bedürfnisse ihrer Schützlinge zugeschnitten wurden ohne die alte Bausubstanz signifikant zu verändern. Die prächtige Villa am Fuße des Geiersberges wurde 1902 von Richard Wiese, einem späteren Ehrenbürger der Stadt, erbaut. Das herrschaftliche Haus samt Parkanlage beherbergt jetzt auch ein Frühförderzentrum. Neben der Restaurierung der Fassade wurden der Dachboden aus- und eine Treppe und ein Fahrstuhl eingebaut.

Das Bürgerhaus

Zu guter letzt war auch das viel gescholtene Paar aus Ratssaal und Bibliothek an der Reihe. Viele der zahlreich erschienen Bürger waren vor allem gekommen, weil des die Möglichkeit gab, das Haus noch vor der Eröffnung einmal von Innen betrachten zu können. Zuvor sagte Staatsekretärin Inge Klaan, in ihrem etwas verspäteten Grußwort, das Architektur Diskussion erzeugen müsse und erinnerte an die Auseinandersetzungen, die es im Vorfeld des großräumigen Innenstadtumbaus zur Landesgartenschau gegeben hatte.

Frau Klaan, welche "die neue Kulturbibliothek" selber vor zwei Jahren das letzte mal betreten hatte, freute sich über die Möglichkeit der Besichtigung und mahnte: "Lassen sie das Gebäude erst fertig werden und fällen sie ihr Urteil, wenn die Leute es nutzen".

Seit dem letzten Besuch der nnz hat sich einiges getan im neuen Haus. Die Umzugskisten der Bibliothek dominieren nicht mehr das Geschehen und die Regale füllen sich zusehends. Die Akustik im neuen Rats- und Bürgersaal war bei großen Publikumsinteresse ausgesprochen gut. Da allerdings noch ein paar "kleine Restarbeiten" ausgeführt würden, wie sich Architekt Jörg Kopprasch ausdrückte, konnte das Gebäude nicht zur Gänze erkundet werden.

Kopprasch und Bibliotheksleiterin Hildegard Seidel gaben sich alle Mühe, den Gästen das Haus nahezubringen. Sie erläuterten die Funktionsweise des Gebäudes, die Gedankengänge, die hinter Form, Farbe und Gestaltung stehen und machten auf die Vorteile der neuen Bibliothek aufmerksam.

Wer heute nicht dabei sein konnte, der hat am 27. und 28. Juni die Möglichkeit, alle vorgestellten Gebäude, inklusive der Kulturbibliothek zu besichtigen. Am Samstag, den 28.06., wird es außerdem eine Fahrradtour geben, die zu den architektonischen Highlights des Jahres führt. Um 10 Uhr geht es an der Produktionshalle in der Lokomotivstraße los.

Genauere Informationen zu Führungen in den Objekten sowie eine Vorstellung aller 71 Thüringer Projekte finden sich auf der Website des Architekturtages unter http://www.architekten-thueringen.de/bauherren/architektur/2014
Angelo Glashagel
Autor: red

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