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Alzheimer – auch im Südharz steigend?

Montag, 16. Juni 2014, 07:30 Uhr
Wie heißt mein Türnachbar doch gleich? Was wollte ich eigentlich soeben erledigen? Wo sind nur meine Autoschlüssel? Kleine Gedächtnislücken kennt jeder. Normal, nicht beängstigend. Sobald sie sich allerdings häufen, entsteht eine Unsicherheit. Es könnte der Beginn der klassischen Alzheimer sein. Häuft sich die Krankheit auch im Südharz? Die nnz auf der Suche nach einer Antwort...

Pflegeheim (Foto: Kurt Frank) Pflegeheim (Foto: Kurt Frank)
Erst nach der Wende erbaut, sind die 69 Heimplätze im Sankt-Jakob-Haus in der Rautenstraße derzeit vollständig belegt. 37 Bewohner zeigten demente Symptome.

Nordhausen/Südharz. Ihr geliebter Mann wurde mit der Zeit immer vergesslicher. Sie tat das anfangs als eine Alterserscheinung ab. Bis zu jenem Tag, als ihr Gatte die Garderobentür im Flur öffnete und lauthals auf die dort hängenden Kleidungsstücke einredete: „Einbrecher. Elendes Gesindel. Raus aus meinem Haus.“ Der Frau fuhr der Schrecken in die Glieder. Sie ahnte die Diagnose: Alzheimer. Der Mann befindet heute in einem Heim.

Demenz hat viele Ausdrucksformen: Vergesslichkeit. Verlegen von Gegenständen. Wortfindungsprobleme. Orientierungsschwierigkeiten. Eine Demenzerkrankung ist für Angehörige oft schlimmer als für den Betroffenen. Wer die geliebte Mutter, den Vater, den Mann oder die Frau bis zum Lebensende daheim behalten und pflegen möchte, habe früher oder später kein richtiges Privatleben, kein Wochenende und keinen Urlaub mehr.

Monika Heim weiß, wovon sie spricht. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Krankenschwester und Chefin eines häuslichen mobilen Pflegedienstes erlebte sie beklagenswertes Leid. Wenn die Pflege rund um die Uhr nicht mehr gewährleistet sei, die Gefahren für den Kranken und seine Angehörigen zu groß werden, mache sich eine Einweisung in ein Pflegeheim unumgänglich.

Etwa 1000 kranke und alte Menschen, besagt die Statistik, werden im Landkreis regional in Heimen betreut. Die Zahl der Leute, die man im häuslichen Umfeld betreut, sei weitaus höher. Über 2000 Pflegebedürftige könnten es sein. 16 Einrichtungen der mobilen häuslichen Krankenpflege nehmen sich dieser Pflegefälle liebevoll an. Unter ihnen nicht wenige, die dement auffallen.

Deutschlandweit werden jedes Jahr 250 000 neue Demenzerkrankungen diagnostiziert, von denen etwa 120 000 vom Alzheimertyp sind. Tendenz:steigend. Auch im Südharz. Die klassische Alzheimer-Erkrankung führt in die Dunkelheit des Lebens bis zum vollständigen Verlust der Persönlichkeit.

Man könne von einer Zunahme auch hierzulande ausgehen, meint Leiterin Silvia Wernecke vom Sankt-Jakob-Haus in der Nordhäuser Rautenstraße. Alle Plätze, 69 an der Zahl, sind belegt. 37 Heimbewohner zeigten ein dementes Verhalten. Wernecke sieht die Pflegekapazitäten in der Rolandstadt als ausreichend an, die zu Betreuenden überall in guten Händen.

Das sind sie auch im DRK-Senioren und Pflegeheim in Nordhausen-Nord. Leiterin Heike Schallopp und ihr Team scheuen weder Mühen noch Fleiß, um den Heimbewohnern so gut es geht ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Mit 151 belegten Plätzen ist es die größte regionale Einrichtung hierzulande. Bei 90 Bewohnern könne von einer dementen Erkrankung ausgegangen werden.

Für 138 Menschen ist das Senioren-und Pflegeheim „Sonnenhof“ in Ilfeld derzeit ihr Zuhause. Es zählt mit zu den größten im Landkreis. Die an Demenz Erkrankten seien nicht zu übersehen. 65 Prozent davon, meint Chefin Kristin Graupner, wären davon betroffen. In Ilfeld ist auch die Seniorenpflege der Neanderklinik der Harzwald GmbH ansässig.

Die Seniorenpflege der Klinik verfügt über 126 Pflegeplätze mit Kurzzeitpflege. Das Durchschnittsalter der Senioren, errechnete exakt Leiterin Martina Röder, betrage 76,5 Jahre. Bei 76 Personen mache sich altersbedingte Demenz bemerkbar. Weitgehend frei davon sind die, die das Begegnungszentrum besuchen.

Ihr letztes Zuhause ist für 81 alte Menschen das St.-Marien-Hospital in Bleicherode. Das Durchschnittsalter liegt mit 90 Jahren besonders hoch. Jeder Zweite leide an Alzheimer. Sagt Sandra Goslar, die stellvertretende Leiterin. Die finanziellen Rahmenbedingungen, wie allgemein zu hören war, könnten für die Pflegekräfte besser sein, ist auch sie der Überzeugung. Die aufopferungsvolle Arbeit könne nur der ermessen und bewerten, der Tag für Tag mit leidgeprüften Menschen zu tun hat.. Eine bessere Bezahlung würde helfen, eigene Leute für den Pflegeberuf zu motivieren.

1901 beschrieb der deutsche Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer, der vorgestern 150 Jahre alt geworden wäre, den ersten Fall dieser Krankheit. Die Patientin, Auguste Deter, war erst 50 Jahre alt. Sie starb 1906. Seither wurde viel geforscht, ein wirksame Mittel gegen diese schleichende Krankheit bislang noch nicht gefunden. Mit einer gesunden Lebensweise und Gehirntraining, auch im Alter, sagen Wissenschaftler, könne man angeblich Alzheimer vorbeugen.
Kurt Frank
Autor: red

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