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Ansprechparter für gewalttätige Männer in Nordhausen

Montag, 14. Mai 2001, 08:57 Uhr
Nordhausen (nnz/ddp). Die Frau stand mit dem Knüppel in der Tür. Ihr Gesicht war blutig geschlagen, die Unterlippe stark geschwollen. Die drei und fünf Jahre alten Kinder hatten sich hinter der Couch versteckt. Der Mann war in die nächste Kneipe verschwunden.

Zufällig standen die Mitarbeiter des Sozialdienstes Nordhausen Minuten nach dem handfesten Familienkrach in der Tür. Doch ihnen waren die Hände gebunden. Die Frau behauptete steif und fest, dass sie die Treppe hinunter gefallen sei. Dass sie damit sich, ihren Kindern und auch dem Mann keinen Gefallen erweist, hat sie bis heute nicht begriffen. Situationen wie diese sind dem Leiter der Gewaltkonfliktberatungsstelle für Männer in Nordhausen, Sven Kaye, wohl bekannt. Wenn die Mitarbeiter des Sozialdienstes bei ihren Hausbesuchen vor allem wegen drohender Wohnungsräumung auf schwelende familiäre Konflikte stoßen, dann wird Kaye hinzu gezogen. Er kommt quasi auf Umwegen zu den gewalttätigen Männern. Freiwillig würde niemand in seine Beratungsstelle kommen, sagte der Experte. Ein Schild an der Tür sucht man deshalb vergebens. Wer in das Amt kommt, möchte aus Scham nicht gesehen werden. Meist finden die Gespräche sowieso in der gewohnten häuslichen Umgebung statt. Und auch da wollen die wenigsten zugeben, dass sie Hilfe brauchen.

Kaye braucht viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um Zugang zu den gewalttätigen Männern zu finden. Er hilft bei der Lösung der dringendsten finanziellen Probleme, stellt Kontakte zu Ämtern her und schafft nach und nach ein Vertrauensverhältnis zum Mann. Um die Frau kümmert sich eine Kollegin. Durchweg alle Männer, die Kaye aufsucht, sind nach einer bestimmten Zeit bereit, über ihre Gewaltausbrüche zu sprechen. Keiner schlägt aus Vergnügen, sondern aus Not, sagt Kaye. Und wenn der Mann redet, ist die Sache schon halb gewonnen. Wer redet, hat sich mit seinen Taten auseinander gesetzt, nennt die Ursachen seines Scheiterns und beginnt zu verarbeiten. Ziel der Beratungen ist es, die Männer zu befähigen, ihre Probleme intellektuell zu lösen und in Konflikt geladenen Situationen eine erheblich größere Frustrationsschwelle zu haben.

Im vergangenen Jahren wurden 75 Männer und ihre Familien beraten. Insgesamt fanden 735 Gespräche statt. Acht von zehn Männer ließen sich nach ersten Kontakten über Jahre hinweg weiter beraten. In der Kartei Kayes finden sich fast ausschließlich Arbeitslose mit stark überschuldeten Haushalten. An den gewalttätigen Arzt, Lehrer oder Rechtsanwalt kommt er nicht heran. Über 90 Prozent der Hilfesuchenden haben Alkoholprobleme. Elf von ihnen ließen sich im Vorjahr an Suchtberatungsstellen oder in eine Therapie weiter vermitteln.

Dass Nordhausen seit fünf Jahren die Thüringen weit einzige Beratungsstelle für gewalttätige Männer hat, hat weniger mit der Gewaltrate in der Rolandstadt, wohl aber mit den finanziellen Möglichkeiten der Kommunen und freien Träger im Land zu tun. Die Beratungsstelle kostet pro Jahr rund 80.000 Mark, 18.000 Mark davon gibt die Frauenbeauftragte der Landesregierung dazu. Den Rest trägt die Stadt. Unlängst hatte Nordhausen allerdings wegen großer Löcher im Haushalt ihren Konkurs angekündigt und einen strengen Sparkurs angekündigt. Ob die Beratungsstelle dem Rotstift entgehen kann, ist bislang noch ungewiss.
Autor: nnz

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