Thüringer mit Heimatgefühl
Montag, 12. Mai 2014, 08:04 Uhr
Während der vergangenen 25 Jahre hat der gesellschaftliche Zusammenhalt in Thüringen zwar eher zugenommen, ist aber schwächer als in den meisten Bundesländern. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung...
In der Studie wurde untersucht, wie sich in Deutschland seit der Wiedervereinigung die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen, die Orientierung am Gemeinwohl und die emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen entwickelt haben. Das Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt: Die ostdeutschen Länder liegen im bundesweiten Vergleich allesamt auf den hinteren Plätzen. Der Abstand zum Westen hat sich seit Beginn der 1990er Jahre sogar vergrößert.
Das Ost-West-Gefälle wird in vielen der 31 Indikatoren deutlich, die die umfangreiche Vergleichsstudie ausgewertet hat. Die Daten hat ein Forscherteam aus Sozialwissenschaftlern der privaten Jacobs University Bremen neun Dimensionen zugeordnet, um die Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland seit 1990 zu beschreiben. In sechs dieser neun Dimensionen gehört Thüringen zur Schlussgruppe.
Nur langsam steigt in den ostdeutschen Bundesländern das Vertrauen in Mitmenschen. Direkt nach der Wiedervereinigung war es erheblich niedriger als im Westen. Daran hat sich bis heute auch in Thüringen kaum etwas geändert. Vertrauen in Menschen ist ebenso wertvoll wie zerbrechlich. Eine Vertrauensbasis ist schnell zerstört - sie wieder aufzubauen, erfordert Zeit und Geduld, sagt Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.
Bei der Akzeptanz von Vielfalt ist Thüringen Schlusslicht im Ländervergleich. Zwar sind sie heute deutlich toleranter gegenüber anderen sexuellen Orientierungen. Allerdings akzeptieren sie es bundesweit am wenigsten, wenn Zuwanderer ihren traditionellen Lebensstil pflegen. Diesem Befund steht die Erkenntnis aus der Studie entgegen, dass in den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteilen die Bürger am engsten zusammenhalten. Offenbar empfinden noch immer viele Deutsche Zuwanderung als Bedrohung. Wir sollten stattdessen Vielfalt als Chance begreifen, sagt Liz Mohn.
Deutlich wird der Unterschied zwischen Ost und West auch bei der Beurteilung der Verteilungsgerechtigkeit. 40 Prozent der Thüringer sagen heute, dass sie einen gerechten Anteil am Wohlstand erhalten. Anfang der 1990er Jahre sagten das lediglich 17 Prozent. Trotz dieser Steigerung liegt der Freistaat noch deutlich hinter Hamburg, wo 61 Prozent zufrieden mit ihrem Lebensstandard sind.
Am wenigsten unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche bei der Orientierung am Gemeinwohl. Solidarität und Hilfsbereitschaft in ihrem Land schätzen die Thüringer dabei zwar eher pessimistisch ein. 79 Prozent glauben, dass sich die meisten Menschen nicht darum kümmerten, was mit ihren Mitmenschen geschieht. Das hält sie allerdings nicht davon ab, sich ehrenamtlich in der Freizeit zu betätigen. Bundesweit ist nur in Baden-Württemberg und Bayern der Anteil engagierter Bürger größer. Die gute Platzierung Thüringens beim freiwilligen Engagement seiner Bürger zeigt auch der Ziviz-Survey, den die Bertelsmann Stiftung Ende vergangenen Jahres veröffentlicht hatte.
Gute Werte zeigt der Freistaat auch bei der Identifikation mit dem Gemeinwesen. Die emotionale Verbundenheit mit der Heimatregion oder der eigenen Stadt liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Nur in den beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg, im Saarland sowie in Brandenburg ist sie stärker.
Mit ihrer Analyse, welche Einflussgrößen entscheidend für den Grad des Zusammenhalts in einer Gesellschaft sind, liefert die Studie auch Erklärungen, warum die ostdeutschen Bundesländer insgesamt unter dem Durchschnitt liegen: Je höher das Bruttoinlandsprodukt eines Bundeslandes, je niedriger das Armutsrisiko, je urbaner das Wohnumfeld und je jünger die Bevölkerung, desto höher der Zusammenhalt, fasst Kai Unzicker, Experte für gesellschaftliche Entwicklung in der Bertelsmann Stiftung, die Ergebnisse der Studie zusammen.
Damit wird klar, die Ausgangslage für starken Zusammenhalt ist im Osten deutlich schlechter als im Westen. Bereits im vergangenen Jahr hatte eine internationale Vergleichsstudie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass Wirtschaftskraft und Wohlstand förderlich sind für das innere Gefüge einer Gesellschaft. Der innerdeutsche Vergleich zeigt zusätzlich, dass auch ein städtisches Umfeld und eine positive demographische Entwicklung helfen, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.
Das Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein Index der Bertelsmann Stiftung, den ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Klaus Boehnke und Prof. Jan Delhey von der Jacobs University in Bremen erstellt hat. Bereits im Juli 2013 ergab ein internationaler Vergleich, dass die skandinavischen Staaten und die angelsächsischen Einwanderungsländer einen besonders hohen Zusammenhalt aufweisen. Deutschland landete hierbei im Mittelfeld der 34 untersuchten Länder, mit deutlichen Schwächen bei der Akzeptanz von Diversität.
Für den innerdeutschen Vergleich der Bundesländer wurden verschiedene Befragungsstudien sowie Daten der amtlichen Statistik in einer sogenannten Sekundäranalyse zusammengeführt und ausgewertet. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird durch 31 Einzelindikatoren in neun Dimensionen erfasst, die sich den drei Themenbereichen Soziale Beziehungen, Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und Gemeinwohlorientierung zuordnen lassen.
Autor: redIn der Studie wurde untersucht, wie sich in Deutschland seit der Wiedervereinigung die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen, die Orientierung am Gemeinwohl und die emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen entwickelt haben. Das Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt: Die ostdeutschen Länder liegen im bundesweiten Vergleich allesamt auf den hinteren Plätzen. Der Abstand zum Westen hat sich seit Beginn der 1990er Jahre sogar vergrößert.
Das Ost-West-Gefälle wird in vielen der 31 Indikatoren deutlich, die die umfangreiche Vergleichsstudie ausgewertet hat. Die Daten hat ein Forscherteam aus Sozialwissenschaftlern der privaten Jacobs University Bremen neun Dimensionen zugeordnet, um die Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland seit 1990 zu beschreiben. In sechs dieser neun Dimensionen gehört Thüringen zur Schlussgruppe.
Nur langsam steigt in den ostdeutschen Bundesländern das Vertrauen in Mitmenschen. Direkt nach der Wiedervereinigung war es erheblich niedriger als im Westen. Daran hat sich bis heute auch in Thüringen kaum etwas geändert. Vertrauen in Menschen ist ebenso wertvoll wie zerbrechlich. Eine Vertrauensbasis ist schnell zerstört - sie wieder aufzubauen, erfordert Zeit und Geduld, sagt Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.
Bei der Akzeptanz von Vielfalt ist Thüringen Schlusslicht im Ländervergleich. Zwar sind sie heute deutlich toleranter gegenüber anderen sexuellen Orientierungen. Allerdings akzeptieren sie es bundesweit am wenigsten, wenn Zuwanderer ihren traditionellen Lebensstil pflegen. Diesem Befund steht die Erkenntnis aus der Studie entgegen, dass in den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteilen die Bürger am engsten zusammenhalten. Offenbar empfinden noch immer viele Deutsche Zuwanderung als Bedrohung. Wir sollten stattdessen Vielfalt als Chance begreifen, sagt Liz Mohn.
Deutlich wird der Unterschied zwischen Ost und West auch bei der Beurteilung der Verteilungsgerechtigkeit. 40 Prozent der Thüringer sagen heute, dass sie einen gerechten Anteil am Wohlstand erhalten. Anfang der 1990er Jahre sagten das lediglich 17 Prozent. Trotz dieser Steigerung liegt der Freistaat noch deutlich hinter Hamburg, wo 61 Prozent zufrieden mit ihrem Lebensstandard sind.
Am wenigsten unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche bei der Orientierung am Gemeinwohl. Solidarität und Hilfsbereitschaft in ihrem Land schätzen die Thüringer dabei zwar eher pessimistisch ein. 79 Prozent glauben, dass sich die meisten Menschen nicht darum kümmerten, was mit ihren Mitmenschen geschieht. Das hält sie allerdings nicht davon ab, sich ehrenamtlich in der Freizeit zu betätigen. Bundesweit ist nur in Baden-Württemberg und Bayern der Anteil engagierter Bürger größer. Die gute Platzierung Thüringens beim freiwilligen Engagement seiner Bürger zeigt auch der Ziviz-Survey, den die Bertelsmann Stiftung Ende vergangenen Jahres veröffentlicht hatte.
Gute Werte zeigt der Freistaat auch bei der Identifikation mit dem Gemeinwesen. Die emotionale Verbundenheit mit der Heimatregion oder der eigenen Stadt liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Nur in den beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg, im Saarland sowie in Brandenburg ist sie stärker.
Mit ihrer Analyse, welche Einflussgrößen entscheidend für den Grad des Zusammenhalts in einer Gesellschaft sind, liefert die Studie auch Erklärungen, warum die ostdeutschen Bundesländer insgesamt unter dem Durchschnitt liegen: Je höher das Bruttoinlandsprodukt eines Bundeslandes, je niedriger das Armutsrisiko, je urbaner das Wohnumfeld und je jünger die Bevölkerung, desto höher der Zusammenhalt, fasst Kai Unzicker, Experte für gesellschaftliche Entwicklung in der Bertelsmann Stiftung, die Ergebnisse der Studie zusammen.
Damit wird klar, die Ausgangslage für starken Zusammenhalt ist im Osten deutlich schlechter als im Westen. Bereits im vergangenen Jahr hatte eine internationale Vergleichsstudie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass Wirtschaftskraft und Wohlstand förderlich sind für das innere Gefüge einer Gesellschaft. Der innerdeutsche Vergleich zeigt zusätzlich, dass auch ein städtisches Umfeld und eine positive demographische Entwicklung helfen, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.
Das Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein Index der Bertelsmann Stiftung, den ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Klaus Boehnke und Prof. Jan Delhey von der Jacobs University in Bremen erstellt hat. Bereits im Juli 2013 ergab ein internationaler Vergleich, dass die skandinavischen Staaten und die angelsächsischen Einwanderungsländer einen besonders hohen Zusammenhalt aufweisen. Deutschland landete hierbei im Mittelfeld der 34 untersuchten Länder, mit deutlichen Schwächen bei der Akzeptanz von Diversität.
Für den innerdeutschen Vergleich der Bundesländer wurden verschiedene Befragungsstudien sowie Daten der amtlichen Statistik in einer sogenannten Sekundäranalyse zusammengeführt und ausgewertet. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird durch 31 Einzelindikatoren in neun Dimensionen erfasst, die sich den drei Themenbereichen Soziale Beziehungen, Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und Gemeinwohlorientierung zuordnen lassen.
