"Alte Schätze an neuem Ort"
Dienstag, 18. März 2014, 19:43 Uhr
In der März-Veranstaltung des Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins war Matthias Piontek aus Wittenberg zu Gast und wartetet mit einem interessanten Vortrag auf. Der stand unter dem Titel "Alte Schätze an neuem Ort...Die Bibliothek des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg auf dem Weg zur Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek"...
Eine erfreulich hohe Zahl von Vereinsfreunden und Gästen lauschten den Ausführungen des Referenten im Tabakspeicher ...
Matthias Piontek skizzierte zunächst die Entstehungsgeschichte der Bibliothek, die eng mit der Wittenberger Universität (gegründet 1502) verbunden war. Schon 1512 begann der Aufbau einer Universitätsbibliothek, die im Wittenberger Schloss ihr Domizil fand. Bibliotheksgründer Kurfürst Friedrich der Weise musste 1547 durch Verlust der Kurwürde die Stadt verlassen und nahm auch die Bibliothek als sein bewegliches Eigentum mit. Über Umwege gelangte sie 1558 nach Jena und bildete den Grundstock für die Bibliothek der 1558 gegründeten thüringischen Landesuniversität.
Nun begann der Aufbau einer neuen Universitätsbibliothek in Wittenberg. Sie zog 1598 ins neu etablierte Augusteum um – benannt nach dem Stifter Herzog August I. von Sachsen. Politische Umwälzungen hatten die Vereinigung der Universitäten von Wittenberg und Halle zur Folge. Die Wittenberger Bibliothek wurde aufgeteilt. Deren Buchbestand umfasste 1817 etwa 45.000 Bände.
Immerhin verblieb ihr Kernbestand zur Nutzung durch das inzwischen dort befindliche Predigerseminar in Wittenberg. Etatmäßige Erwerbung und Schenkungen ließen die Bibliothek in der Folgezeit beträchtlich anwachsen. Unter anderem bereicherten rund 1.200 reformatorische Streit- und Flugschriften den Bestand.
In der Bibliothek des Ev. Predigerseminars werden auch Kirchenbibliotheken als Deposita verwahrt, zum Beispiel auch die "Kirchenbibliothek von St. Blasii Nordhausen". Denn das ist nach den Ausführungen Pionteks die korrekte Bezeichnung, und nicht wie in Nordhausen oft zu hören ist "Himmelgartenbibliothek". Diese besteht zwar überwiegend aus Bänden der Bibliothek des ehemaligen Servitenklosters Himmelgarten, aber eben nicht nur. Als Beispiel führte der Referent den jüngsten Druck im Bibliotheksbestand aus dem Jahr 1760 an. Zu dieser Zeit existierte das Kloster Himmelgarten schon über 200 Jahre nicht mehr.
Die Klosterbibliothek in Himmelgarten geht zurück auf das Wirken von Johannes Huter, der erstmals 1510 als Prior erwähnt wurde. Seine engen Verbindungen zur Erfurter Universität und zu dortigen Humanistenkreisen spiegeln sich im Buchbestand der Biblithek wieder. Die Bücher beinhalten schwerpunktmäßig die damals hochaktuellen Themen Klosterreform, die Auseinandersetzungen mit der Reformationsbewegung und die im Geist des Humanismus geschaffenen Werke.
Zudem befinden sich in den heute noch vorhandenen 337 Bänden auch Werke mit philosophischer und theologischer Literatur. Stark vertreten sind – wie nicht anders zu erwarten – Schriften der Reformatoren, wobei Martin Luther dabei einen vorrangige Stellung einnimmt. Eine Besonderheit weist diese Biblithek noch auf: Das sind die unikalen Einblattdrucke. Sie finden sich als sogenannte Makulatur auf den Spiegeln einiger Bücher. Durch solche Einblattdrucke (eingeklebte Blätter auf der Rückseite des Vorder- oder Hinterdeckels der jeweiligen Einbände) wurden im 16. Jahrhundert Nachrichten verbreitet. Man könnte sie als Vorläufer unserer heutigen Tageszeitungen bezeichnen.
Nach Auflösung des Ordenskonvents 1552 ging die Biblithek des Klosters Himmelgarten in das Eigentum der evangelischen Kirchgemeinde St. Blasii zu Nordhausen über, wurde in der Sakristei aufgestellt und als Kirchenbibliothek genutzt. Doch nahmen die Bücher durch Feuchtigkeit und Pilzbefall schweren Schaden. So kamen sie 1973 zunächst nach Naumburg und 1989 schließlich in die Bibliothek des Ev. Predigerseminars nach Wittenberg.
In Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 sind derzeit umfangreiche bauliche Maßnahmen rund um das Schlossareal in Wittenberg im Gange. Ein moderner Neubau wird die historische Baulücke an der Südseite des Schlosshofes schließen. Hier entstehen Wohnungen für Dozenten sowie Unterkunftsräume für Vikare des Predigerseminars.
Die Bibliothek befindet sich aus diesem Grund seit Herbst letzten Jahres vorübergehend im ehemaligen Wittenberger Zeughaus, hat hier gute Bedingungen und ist voll arbeitsfähig. Nach Abschluss der Umbauarbeiten im Schloss wird die Bibliothek zurückgeführt. Sinnvolle Arbeits-, Betriebs- und Besucherabläufe werden dann geschaffen sein, die eine optimale und fachgrechte Unterbringung der wertvollen Bibliotheksbestände gewährleisten und somit modernsten Ansprüchen genügen.
Und das trotz Unterbringung in einem historischen Gebäude. Sie kann mit ihrem historischen Buchbestand einen wichtigen Beitrag für die Forschung im nationalen wie internationalen Rahmen leisten. Die Bestände einer Forschungsbibliothek können im Regefall detaillierter erschlossen werden als in anderen Bibliotheken. Der künftigen Forschungsbibliothek in Wittenberg wird zweifelsohne die Zuständigkeit für die gesamte Bannbreite der Geschichte der Reformation zukommen.
Durch die geplante Rückführung nach Nordhausen wird die "Kirchenbibliothek St. Blasii" in absehbarer Zeit der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek nicht mehr zur Verfügung stehen. "Denn in Wittenberg als historischen Ort der Reformation ist reformationsgeschichtliche Forschung etabliert. Hier wären die Bände in ein entsprechendes Forschungsumfeld eingebunden – und würden nicht nur aufbewahrt und ausgestellt", drückte Matthias Piontek am Ende seines reich bebilderten Vortrages sein Bedauern aus. Doch sei dies das gute Recht des Eigentümers, die Bücher heim zu holen.
Hans-Georg Backhaus
Autor: redEine erfreulich hohe Zahl von Vereinsfreunden und Gästen lauschten den Ausführungen des Referenten im Tabakspeicher ...
Matthias Piontek skizzierte zunächst die Entstehungsgeschichte der Bibliothek, die eng mit der Wittenberger Universität (gegründet 1502) verbunden war. Schon 1512 begann der Aufbau einer Universitätsbibliothek, die im Wittenberger Schloss ihr Domizil fand. Bibliotheksgründer Kurfürst Friedrich der Weise musste 1547 durch Verlust der Kurwürde die Stadt verlassen und nahm auch die Bibliothek als sein bewegliches Eigentum mit. Über Umwege gelangte sie 1558 nach Jena und bildete den Grundstock für die Bibliothek der 1558 gegründeten thüringischen Landesuniversität.
Nun begann der Aufbau einer neuen Universitätsbibliothek in Wittenberg. Sie zog 1598 ins neu etablierte Augusteum um – benannt nach dem Stifter Herzog August I. von Sachsen. Politische Umwälzungen hatten die Vereinigung der Universitäten von Wittenberg und Halle zur Folge. Die Wittenberger Bibliothek wurde aufgeteilt. Deren Buchbestand umfasste 1817 etwa 45.000 Bände.
Immerhin verblieb ihr Kernbestand zur Nutzung durch das inzwischen dort befindliche Predigerseminar in Wittenberg. Etatmäßige Erwerbung und Schenkungen ließen die Bibliothek in der Folgezeit beträchtlich anwachsen. Unter anderem bereicherten rund 1.200 reformatorische Streit- und Flugschriften den Bestand.
In der Bibliothek des Ev. Predigerseminars werden auch Kirchenbibliotheken als Deposita verwahrt, zum Beispiel auch die "Kirchenbibliothek von St. Blasii Nordhausen". Denn das ist nach den Ausführungen Pionteks die korrekte Bezeichnung, und nicht wie in Nordhausen oft zu hören ist "Himmelgartenbibliothek". Diese besteht zwar überwiegend aus Bänden der Bibliothek des ehemaligen Servitenklosters Himmelgarten, aber eben nicht nur. Als Beispiel führte der Referent den jüngsten Druck im Bibliotheksbestand aus dem Jahr 1760 an. Zu dieser Zeit existierte das Kloster Himmelgarten schon über 200 Jahre nicht mehr.
Die Klosterbibliothek in Himmelgarten geht zurück auf das Wirken von Johannes Huter, der erstmals 1510 als Prior erwähnt wurde. Seine engen Verbindungen zur Erfurter Universität und zu dortigen Humanistenkreisen spiegeln sich im Buchbestand der Biblithek wieder. Die Bücher beinhalten schwerpunktmäßig die damals hochaktuellen Themen Klosterreform, die Auseinandersetzungen mit der Reformationsbewegung und die im Geist des Humanismus geschaffenen Werke.
Zudem befinden sich in den heute noch vorhandenen 337 Bänden auch Werke mit philosophischer und theologischer Literatur. Stark vertreten sind – wie nicht anders zu erwarten – Schriften der Reformatoren, wobei Martin Luther dabei einen vorrangige Stellung einnimmt. Eine Besonderheit weist diese Biblithek noch auf: Das sind die unikalen Einblattdrucke. Sie finden sich als sogenannte Makulatur auf den Spiegeln einiger Bücher. Durch solche Einblattdrucke (eingeklebte Blätter auf der Rückseite des Vorder- oder Hinterdeckels der jeweiligen Einbände) wurden im 16. Jahrhundert Nachrichten verbreitet. Man könnte sie als Vorläufer unserer heutigen Tageszeitungen bezeichnen.
Nach Auflösung des Ordenskonvents 1552 ging die Biblithek des Klosters Himmelgarten in das Eigentum der evangelischen Kirchgemeinde St. Blasii zu Nordhausen über, wurde in der Sakristei aufgestellt und als Kirchenbibliothek genutzt. Doch nahmen die Bücher durch Feuchtigkeit und Pilzbefall schweren Schaden. So kamen sie 1973 zunächst nach Naumburg und 1989 schließlich in die Bibliothek des Ev. Predigerseminars nach Wittenberg.
In Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 sind derzeit umfangreiche bauliche Maßnahmen rund um das Schlossareal in Wittenberg im Gange. Ein moderner Neubau wird die historische Baulücke an der Südseite des Schlosshofes schließen. Hier entstehen Wohnungen für Dozenten sowie Unterkunftsräume für Vikare des Predigerseminars.
Die Bibliothek befindet sich aus diesem Grund seit Herbst letzten Jahres vorübergehend im ehemaligen Wittenberger Zeughaus, hat hier gute Bedingungen und ist voll arbeitsfähig. Nach Abschluss der Umbauarbeiten im Schloss wird die Bibliothek zurückgeführt. Sinnvolle Arbeits-, Betriebs- und Besucherabläufe werden dann geschaffen sein, die eine optimale und fachgrechte Unterbringung der wertvollen Bibliotheksbestände gewährleisten und somit modernsten Ansprüchen genügen.
Und das trotz Unterbringung in einem historischen Gebäude. Sie kann mit ihrem historischen Buchbestand einen wichtigen Beitrag für die Forschung im nationalen wie internationalen Rahmen leisten. Die Bestände einer Forschungsbibliothek können im Regefall detaillierter erschlossen werden als in anderen Bibliotheken. Der künftigen Forschungsbibliothek in Wittenberg wird zweifelsohne die Zuständigkeit für die gesamte Bannbreite der Geschichte der Reformation zukommen.
Durch die geplante Rückführung nach Nordhausen wird die "Kirchenbibliothek St. Blasii" in absehbarer Zeit der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek nicht mehr zur Verfügung stehen. "Denn in Wittenberg als historischen Ort der Reformation ist reformationsgeschichtliche Forschung etabliert. Hier wären die Bände in ein entsprechendes Forschungsumfeld eingebunden – und würden nicht nur aufbewahrt und ausgestellt", drückte Matthias Piontek am Ende seines reich bebilderten Vortrages sein Bedauern aus. Doch sei dies das gute Recht des Eigentümers, die Bücher heim zu holen.
Hans-Georg Backhaus




