Tragödie auf Schienen vor 18 Jahren
Freitag, 07. März 2014, 07:49 Uhr
Horst Rasemann hat die Geschehnisse des schweren Zugunglückes bei Kleinfurra vor 18 Jahren, bei dem 3 Tote zu beklagen waren, für die Leser der nnz resümiert. Die Fakten des Geschehens wurden von ihm zum größten Teil aus damaligen Zeitungsberichten entnommen...
Vor 18 Jahren, am 5. Juni 1996, einem Mittwoch, kam es um 8.05 Uhr auf der Bahnstrecke zwischen Erfurt und Nordhausen, etwa 800 Meter vor dem Kleinfurraer Bahnhof, im sogenannten Osterfeld, im Areal wo früher das alte Bahnerhaus stand, zu einem tragischen Zugunglück.
Auf dieser eingleisigen nichtelektrifizierten Strecke stießen in voller Fahrt zwei Nahverkehrszüge mit jeweils vier Wagen frontal zusammen. Der Aufprall war Hunderte Meter weit zu hören. Ich dachte zuerst, es wäre etwas explodiert, sagte der Kleinfurraer Kurt König, der sich zur Unglückszeit im nahegelegenen Wald aufhielt, in einem Interview. Bereits wenige Minuten nach dem Zusammenstoß trafen Bundesgrenzschutzbeamte (BGS), Polizei, etwa 100 Feuerwehrmänner und vier Rettungshubschrauber am Unfallort ein. Ein Bahnhofsmitarbeiter hatte die Leitstelle in Nordhausen informiert. Feuerwehrleute und Polizei suchten sofort die Waggons nach Opfern ab.
20 Reisende der beiden Züge, auch die 12 Verletzten waren aus eigener Kraft ins Freie gekommen. Die sechs Schwerverletzten, die Knochenbrüche und Wirbelsäulenverletzungen erlitten hatten, wurden sofort in umliegende Krankenhäuser transportiert.
Zu ihnen zählte auch ein Reisender aus Freyburg in Sachsen /Anhalt. Er wollte zu seiner Arbeitsstelle nach Wolkramshausen fahren, stieg aber entgegen seiner sonstigen Gewohnheit in Erfurt nicht in den ersten, sondern in den letzten Waggon ein. Dies rettete ihm womöglich das Leben. Ich wurde nach dem Crash hin und her geschleudert. Für einige Sekunden hatte ich einen Blackout, konnte aber dann selbst allein den Zug verlassen, schildert er sein Erlebnis. Bei dem Unglück erlitt er eine Wirbelsäulenstauchung.
Zum Glück hatte sich kein Passagier im vorderen Bereich des jeweils ersten Waggons aufgehalten, denn die wurden am stärksten zertrümmert. Eine 30 köpfige Kindergruppe war Minuten vor dem Unglück in Wolkramshausen ausgestiegen, sonst wäre die Tragik noch größer geworden. Die Rettungskräfte konzentrierten sich nun auf die Bergung der Lokomotivführer. Aus der zertrümmerten Fahrerkabine des Zuges 6655 ragte das Bein eines Lokführers heraus, an dem der Notarzt zunächst keinen Puls mehr fühlte.
Über eine Vene gelang es ihm den Verletzten mit einer Elektrolyt-Lösung zu versorgen. Trotzdem verschlechterte sich von Minute zu Minute seine Überlebenschance. Mit hydraulischen Werkzeugen versuchte die Feuerwehr den eingeklemmten Lokführer zu befreien. Man konnte dabei keine Schweißgeräte und Trennschleifer benutzen, weil durch die ausgelaufenen 4000 Liter Dieselkraftstoff Explosionsgefahr bestand.
Zuvor hatte man mit Hilfe eines Panzerwagens der Bundeswehr die ineinander verkeilten Züge zu trennen versucht. Sämtliche Arbeiten mussten auf Leitern in einer Höhe von etwa drei Metern ausgeführt werden. Dabei galt es für den Feuerwehrmann einen hydraulischen Spreizer, der 30 Kilogramm wiegt, in einer solchen Standsituation über längere Zeit zu verwenden. Auch das ging an dessen physische Leistungsgrenze.
Da die Hydraulikleitungen an den Tanks der Lokomotiven beschädigt waren, bestand eine zusätzliche Brandgefahr für die zu rettende Person und den Einsatzkräften. Um dem vorzubeugen wurde ein Schaumteppich im Umgebungsbereich der Rettungsarbeiten aufgebracht. Trotz intensivster Bemühungen konnten sich die Feuerwehrleute immer nur zentimeterweise an den Verunglückten heranarbeiten. Endlich, nach sieben dramatischen Stunden, etwa um 15.00 Uhr gelang die Bergung des eingeklemmten 49 jährigen Straußfurter Lokführers. Mit sehr schweren Verletzungen an den Armen, Beinen, Becken und Brustkorb wurde der Eisenbahner ins Südharz-Krankenhaus Nordhausen auf die Intensivstation gebracht.
Nach zwölf Stunden, nach dem Zusammenprall, gegen 19.45 Uhr, konnte auch der zweite Lokomotivführer des Zuges 6652, ein 34jährige Weimarer, geborgen werden, für den allerdings jede Hilfe zu spät kam. Er erlag seinen schweren Verletzungen. Auch eine 79 jährige Frau aus Großfurra, sie hatte einen Knochenbruch und innere Verletzungen erlitten, starb im Sondershäuser Kreiskrankenhaus zwei Tage nach dem Unfall.
Am anderen Tag nach dem schweren Zugunglück, wurden die Aufräumungsarbeiten fortgesetzt, die beiden Züge zum Bahnhof Kleinfurra gezogen, dort mit der Zerlegung der beiden tonnenschweren Loks und Waggons begonnen, so das man sie dann nach Nordhausen weiterfahren konnte zur dortigen Verschrottung. An der Unglücksstelle wurde das Gleis entfernt. Danach konnten Bagger mit dem Ausheben des mit Dieselkraftstoff und Öl verseuchten Schotterbettes beginnen.
Bereits am Freitag gegen 21.00 Uhr, war das kontaminierte Erdreich abgetragen und rund 1000 Tonnen davon zur Bodenrecyclinganlage Menteroda transportiert. Am anderen Tag galt es nun den fünf Meter tiefen Krater mit nicht kontaminierter Erde zu verfüllen und das Gleisbett zu erneuern. Außerdem wurde am Wochenende darauf, 15 Meter neben der Unfallstelle ein etwa 30 Meter tiefer Kontrollbrunnen angelegt. Hier wurden über einen bestimmten Zeitraum Wasserproben entnommen, um die Trinkwasserqualität ständig zu überprüfen. Das schwere Zugunglück hatte bereits am Sonnabend sein drittes Todesopfer gefordert. Der Straußfurter Lokführer erlag im Südharz-Krankenhaus Nordhausen seinen schweren Verletzungen.
Aus einem Untersuchungsbericht des Eisenbahnbundesamtes zur Unglücksursache geht hervor, dass menschliches Versagen zu dem Frontalzusammenstoß führte, bei dem drei Menschen ihr Leben einbüßten und Sachschaden in Millionenhöhe entstand.
Normalerweise weichen sich die beiden Personenzüge auf dem Bahnhof Kleinfurra aus. Doch der Straußfurter Lokomotivführer des Zuges 6655 fuhr in Kleinfurra ab, obwohl das Ausfahrsignal Halt zeigte. Auch die offenen Schranken waren ihm kein Anhalt, dass die Ausfahrt unzulässig war. Versuche von Mitarbeitern des Stellwerkes, den Lokführer über Funk zu warnen, misslangen. Sekunden später kam es zu dem Zusammenstoß. Der Zugführer des Zuges 6655 überlebte den Unfall und musste sich vor Gericht verantworten. Er bekam eine Strafe von 16 Monaten auf Bewährung.
Leider konnte der Lokführer, der Unfallverursacher, durch seinen tragischen Tod keine Auskunft mehr geben zu seinem unerklärlichen Verhalten, warum er abfuhr.
Horst Rasemann
Autor: redVor 18 Jahren, am 5. Juni 1996, einem Mittwoch, kam es um 8.05 Uhr auf der Bahnstrecke zwischen Erfurt und Nordhausen, etwa 800 Meter vor dem Kleinfurraer Bahnhof, im sogenannten Osterfeld, im Areal wo früher das alte Bahnerhaus stand, zu einem tragischen Zugunglück.
Auf dieser eingleisigen nichtelektrifizierten Strecke stießen in voller Fahrt zwei Nahverkehrszüge mit jeweils vier Wagen frontal zusammen. Der Aufprall war Hunderte Meter weit zu hören. Ich dachte zuerst, es wäre etwas explodiert, sagte der Kleinfurraer Kurt König, der sich zur Unglückszeit im nahegelegenen Wald aufhielt, in einem Interview. Bereits wenige Minuten nach dem Zusammenstoß trafen Bundesgrenzschutzbeamte (BGS), Polizei, etwa 100 Feuerwehrmänner und vier Rettungshubschrauber am Unfallort ein. Ein Bahnhofsmitarbeiter hatte die Leitstelle in Nordhausen informiert. Feuerwehrleute und Polizei suchten sofort die Waggons nach Opfern ab.
20 Reisende der beiden Züge, auch die 12 Verletzten waren aus eigener Kraft ins Freie gekommen. Die sechs Schwerverletzten, die Knochenbrüche und Wirbelsäulenverletzungen erlitten hatten, wurden sofort in umliegende Krankenhäuser transportiert.
Zu ihnen zählte auch ein Reisender aus Freyburg in Sachsen /Anhalt. Er wollte zu seiner Arbeitsstelle nach Wolkramshausen fahren, stieg aber entgegen seiner sonstigen Gewohnheit in Erfurt nicht in den ersten, sondern in den letzten Waggon ein. Dies rettete ihm womöglich das Leben. Ich wurde nach dem Crash hin und her geschleudert. Für einige Sekunden hatte ich einen Blackout, konnte aber dann selbst allein den Zug verlassen, schildert er sein Erlebnis. Bei dem Unglück erlitt er eine Wirbelsäulenstauchung.
Zum Glück hatte sich kein Passagier im vorderen Bereich des jeweils ersten Waggons aufgehalten, denn die wurden am stärksten zertrümmert. Eine 30 köpfige Kindergruppe war Minuten vor dem Unglück in Wolkramshausen ausgestiegen, sonst wäre die Tragik noch größer geworden. Die Rettungskräfte konzentrierten sich nun auf die Bergung der Lokomotivführer. Aus der zertrümmerten Fahrerkabine des Zuges 6655 ragte das Bein eines Lokführers heraus, an dem der Notarzt zunächst keinen Puls mehr fühlte.
Über eine Vene gelang es ihm den Verletzten mit einer Elektrolyt-Lösung zu versorgen. Trotzdem verschlechterte sich von Minute zu Minute seine Überlebenschance. Mit hydraulischen Werkzeugen versuchte die Feuerwehr den eingeklemmten Lokführer zu befreien. Man konnte dabei keine Schweißgeräte und Trennschleifer benutzen, weil durch die ausgelaufenen 4000 Liter Dieselkraftstoff Explosionsgefahr bestand.
Zuvor hatte man mit Hilfe eines Panzerwagens der Bundeswehr die ineinander verkeilten Züge zu trennen versucht. Sämtliche Arbeiten mussten auf Leitern in einer Höhe von etwa drei Metern ausgeführt werden. Dabei galt es für den Feuerwehrmann einen hydraulischen Spreizer, der 30 Kilogramm wiegt, in einer solchen Standsituation über längere Zeit zu verwenden. Auch das ging an dessen physische Leistungsgrenze.
Da die Hydraulikleitungen an den Tanks der Lokomotiven beschädigt waren, bestand eine zusätzliche Brandgefahr für die zu rettende Person und den Einsatzkräften. Um dem vorzubeugen wurde ein Schaumteppich im Umgebungsbereich der Rettungsarbeiten aufgebracht. Trotz intensivster Bemühungen konnten sich die Feuerwehrleute immer nur zentimeterweise an den Verunglückten heranarbeiten. Endlich, nach sieben dramatischen Stunden, etwa um 15.00 Uhr gelang die Bergung des eingeklemmten 49 jährigen Straußfurter Lokführers. Mit sehr schweren Verletzungen an den Armen, Beinen, Becken und Brustkorb wurde der Eisenbahner ins Südharz-Krankenhaus Nordhausen auf die Intensivstation gebracht.
Nach zwölf Stunden, nach dem Zusammenprall, gegen 19.45 Uhr, konnte auch der zweite Lokomotivführer des Zuges 6652, ein 34jährige Weimarer, geborgen werden, für den allerdings jede Hilfe zu spät kam. Er erlag seinen schweren Verletzungen. Auch eine 79 jährige Frau aus Großfurra, sie hatte einen Knochenbruch und innere Verletzungen erlitten, starb im Sondershäuser Kreiskrankenhaus zwei Tage nach dem Unfall.
Am anderen Tag nach dem schweren Zugunglück, wurden die Aufräumungsarbeiten fortgesetzt, die beiden Züge zum Bahnhof Kleinfurra gezogen, dort mit der Zerlegung der beiden tonnenschweren Loks und Waggons begonnen, so das man sie dann nach Nordhausen weiterfahren konnte zur dortigen Verschrottung. An der Unglücksstelle wurde das Gleis entfernt. Danach konnten Bagger mit dem Ausheben des mit Dieselkraftstoff und Öl verseuchten Schotterbettes beginnen.
Bereits am Freitag gegen 21.00 Uhr, war das kontaminierte Erdreich abgetragen und rund 1000 Tonnen davon zur Bodenrecyclinganlage Menteroda transportiert. Am anderen Tag galt es nun den fünf Meter tiefen Krater mit nicht kontaminierter Erde zu verfüllen und das Gleisbett zu erneuern. Außerdem wurde am Wochenende darauf, 15 Meter neben der Unfallstelle ein etwa 30 Meter tiefer Kontrollbrunnen angelegt. Hier wurden über einen bestimmten Zeitraum Wasserproben entnommen, um die Trinkwasserqualität ständig zu überprüfen. Das schwere Zugunglück hatte bereits am Sonnabend sein drittes Todesopfer gefordert. Der Straußfurter Lokführer erlag im Südharz-Krankenhaus Nordhausen seinen schweren Verletzungen.
Aus einem Untersuchungsbericht des Eisenbahnbundesamtes zur Unglücksursache geht hervor, dass menschliches Versagen zu dem Frontalzusammenstoß führte, bei dem drei Menschen ihr Leben einbüßten und Sachschaden in Millionenhöhe entstand.
Normalerweise weichen sich die beiden Personenzüge auf dem Bahnhof Kleinfurra aus. Doch der Straußfurter Lokomotivführer des Zuges 6655 fuhr in Kleinfurra ab, obwohl das Ausfahrsignal Halt zeigte. Auch die offenen Schranken waren ihm kein Anhalt, dass die Ausfahrt unzulässig war. Versuche von Mitarbeitern des Stellwerkes, den Lokführer über Funk zu warnen, misslangen. Sekunden später kam es zu dem Zusammenstoß. Der Zugführer des Zuges 6655 überlebte den Unfall und musste sich vor Gericht verantworten. Er bekam eine Strafe von 16 Monaten auf Bewährung.
Leider konnte der Lokführer, der Unfallverursacher, durch seinen tragischen Tod keine Auskunft mehr geben zu seinem unerklärlichen Verhalten, warum er abfuhr.
Horst Rasemann
